In einigen deutschen Städten wie Stuttgart und Hamburg gibt es in bestimmten Zonen bereits Fahrverbote für ältere Dieselautos. Andere Städte wie Köln, Frankfurt, Berlin und Essen stehen in den Startlöchern. In Essen soll das Verbot sogar auf einer Autobahn gelten! Die Deutsche Bahn setzt dagegen weiter hauptsächlich auf Dieselloks, um ihre Züge von A nach B zu bringen. Somit weist Deutschland noch immer Europas größten Markt für Dieselzüge auf. Im Hinblick auf mittel- und langfristig steigende Preise für Diesel – und um die gesetzten Klimaziele zu erreichen – beginnt man aber auch da umzudenken.

Eine Lösung für das Problem sind elektrisch angetriebene Loks, allerdings sind rund 40% des deutschen Bahnnetzes ohne Fahrdraht und eine Elektrifizierung von Strecken ist teuer: Etwa eine Million Euro pro Kilometer. Außerdem ist auch ein beträchtlicher Teil des europäischen Bahnnetzes nicht elektrifiziert. Batterien scheiden als Energiequellen aus. Um die nötige Leistung und Reichweite zu erreichen, müssten die Batterien unverhältnismäßig groß sein und hätten aufgrund des wiederholten Schnellladens nur eine sehr begrenzte Lebensdauer.

Der französische Konzern Alstom hat deshalb einen neuen emissionsfreien und leisen Regionalzug entwickelt, den Coradia iLint. Angetrieben wird er von Wasserstoff-Brennstoffzellen, die als Emissionen lediglich Wasser an die Umwelt abgeben. Außerdem liegt auch der Geräuschpegel des neuen Zugs weit unter dem herkömmlicher Züge. Das Unternehmen hat den Coradia iLint zunächst speziell für den deutschen Markt entwickelt und bereits 2014 eine Absichtserklärung mit vier Bundesländern (Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg) unterzeichnet. 2015 kam eine weitere mit der Region Calw über die Entwicklung eines Brennstoffzellenzuges hinzu.

Wasserstoff

© Alstom

Sicherheit höher als bei Benzin

Wasserstofftechnik wird seit Jahrzehnten erforscht und hat sich mittlerweile in zahlreichen Anwendungen bewährt. Der Deutsche Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband (DWV) erklärt, dass Hochdruckbehälter mit Wasserstoff in vergleichbaren Gefahrensituationen sogar sicherer seien als Benzintanks.

Der Coradia iLint wird in Salzgitter entwickelt und gebaut und vereint verschiedene innovative Elemente: Saubere Energieumwandlung, flexible Energiespeicherung in Batterien, intelligentes Management von Antriebskraft und verfügbarer Energie. Natütlich gibt es Fahrerassistenzsysteme und er wurde gezielt für den Einsatz auf nicht-elektrifizierten Strecken entwickelt.

Der Zug ist mit Fahrgastinformationssystemen über Monitore mit Echtzeitinformationen ausgestattet, bietet neben 160 Sitzplätzen auch Platz für Fahrräder, Rollstühle und Kinderwagen und hat kostenloses WLAN. Die gesamte Fahrgastkapazität liegt bei 300 Personen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt etwa 140 km/h, die Reichweite betrug in Tests rund 1.000 Kilometer.

Wasserstoff

© Alstom

Größte Brennstoffzellenzug-Flotte der Welt

In Niedersachsen fahren bereits seit September 2018 zwei Wasserstoffzüge, Hessen zieht nun mit einem Großauftrag nach. Die bis dato für das Bundesland angefertigte Flotte bestehe aus 27 Zügen des Modells Cordia iLint, die von fahma, einer Tochterfirma des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) betrieben werden, teilte der RMV Ende Mai mit. Die Lieferung der Züge wird zum Fahrplanwechsel 2022/2023 erwartet. Eingesetzt werden die Züge auf vier Linien im Taunus, die bisher noch mit Dieselzügen betrieben werden. Der hessische Verkehrsminister, Tarek Al-Wazir, zeigte sich euphorisch gegenüber der klimafreundlichen Neuerungen und sicherte dem Projekt Unterstützung zu.

„Auf Hessens Schienen sind heute noch vielerorts Dieselfahrzeuge unterwegs, weil Oberleitungen fehlen. Der Brennstoffzellen-Antrieb ist dabei eine schnell umsetzbare Alternative zur Elektrifizierung“, erklärte Al-Wazir. „Der Verkehr ist in Hessen für ein Drittel der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wasserdampf statt Dieselruß ist deshalb ein spannender Ansatz. Wir werden das Projekt weiter tatkräftig unterstützen und uns dafür einsetzen, dass die nötigen Anpassungen an der Schieneninfrastruktur rund um die Wasserstofftankstelle in Höchst schnell voranschreiten.“

Das Projekt umfasst ein Auftragsvolumen von 500 Millionen Euro. Darin enthalten sind neben der Lieferung auch die Versorgung mit Wasserstoff, sowie die Instandhaltung der Züge und das Vorhalten von Reservekapazitäten für die nächsten 25 Jahre. Betankt werden die Züge auf dem Gelände des Industriepark Höchst, auf dem es schon seit 2006 eine Wasserstofftankstelle gibt.

Neben dem Auftrag aus Hessen liegt Alstom ein weiterer Großauftrag aus Deutschland vor. Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) hat weitere 14 Züge ab 2021 geordert. Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) hofft nun, dass viele weitere Projekte in Deutschland diesem Beispiel folgen werden.

Wasserstoff

© Alstom

Alstom

Alstom ist der erste Schienenfahrzeughersteller weltweit, der einen Regionalzug auf Basis von Wasserstoff-Brennstoffzellen-Technologie entwickelt hat. Das Unternehmen mit Hauptsitz im französischen Saint-Ouen entwickelt und vermarktet Systeme, Ausrüstungen und Dienstleistungen für den Eisenbahnsektor, Metros und Straßenbahnen. Das Unternehmen ist ein weltweit führender Anbieter von integrierten Bahnsystemen und erzielte im Geschäftsjahr 2015/16 einen Umsatz von 6,9 Milliarden Euro. Alstom ist in über 60 Ländern vertreten und beschäftigt aktuell 31.000 Mitarbeiter.

Das könnte Sie auch interessieren:
Qualitätssicherung für das Tanken von Wasserstoff
Mit Wasserstoff gegen den Strom schwimmen
Keyou: Wasserstoff statt Strom
Solarer Wasserstoff anstatt Erdöl zur Energieversorgung in der Antarktis?