Eigentlich fragt man sich, wieso nicht schon lange jemand auf die Idee gekommen ist, Elektroautos auch mit Solarzellen auszurüsten. So könnten die Autos unterwegs ihren eigenen Strom produzieren und die bisher meist doch recht bescheidene Reichweite erhöhen. Ein paar schlaue Köpfe sind auf diese Idee gekommen. Zum Beispiel beim Münchner Startup Sono Motors, das schon vor zwei Jahren den ersten Prototypen eines Elektroautos mit integrierten Solarmodulen präsentiert hat. Ende 2019 soll nun die Serienproduktion des Sion beginnen.

Seit der ersten Vorstellung haben die Ingenieure das Konzept auch anhand von Feedback der Interessenten weiterentwickelt und herausgekommen ist ein Auto, das im Vergleich zum Protoypen um einige Zentimeter gewachsen ist. Laut Angaben von Sono Motors wirkt sich das insbesondere auf den Innen- und Fußraum aus. Auch auf dem Dach haben aufgrund der größeren Fläche jetzt mehr Solarmodule Platz.

Sion

© Sono Motors

Weiter dank Solarstrom

Unter dem Motto „Power is where you park it!“ wurden in die Karosserie des Sion 248 Solarzellen eingearbeitet, durch die das Auto seine Batterie mit Sonnenenergie selbst laden kann. So können laut Hersteller pro Tag bei Sonnenschein bis zu 34 Kilometer zusätzliche Reichweite gewonnen werden. Die Besitzer könnten unter idealen Bedingungen und, wenn sie täglich nicht allzu weit fahren, den ganzen Sommer komplett ohne Ladestation auskommen. Inwieweit das bei den deutschen Wetterverhältnissen am Ende wirklich zutrifft, wird sich herausstellen, wenn es nach Beginn der Serienproduktion reale Zahlen gibt.

Die Kapazität der flüssigkeitsgekühlten Batterie beträgt laut Sono Motors 35 kWh und ermöglicht, je nach Wetter und Fahrweise, eine Reichweite von 250 Kilometern. An einer Schnellladestation soll die Batterie nach 30 Minuten wieder zu 80% aufgeladen sein, ein Laden ist aber auch an jeder öffentlichen Ladestation in Europa, an der eigenen Haushaltssteckdose oder an einem anderen Sion möglich. Dank seines bidirektionalen Ladegeräts könne der Sion seinen Strom nämlich auch zum Aufladen anderer Elektrofahrzeuge nutzen, betonen die Hersteller.

Außerdem kann der Sion, ebenfalls dank der biSono-Technologie, auch als mobiler Stromspeicher genutzt werden, zum Beispiel beim Camping, auf der Baustelle oder auch einfach Zuhause. „Über einen Haushaltsstecker (SchuKo) können somit alle gängigen elektronischen Geräte mit bis zu 3,7 kW betrieben werden. Über den Typ 2-Stecker kann der Sion sogar noch mehr Leistung liefern. Mit bis zu 11 kW können Starkstromgeräte betrieben werden“, heißt es in der Beschreibung des Sion.

Sion

© Sono Motors

Niedrige Reparaturkosten

Als großen Vorteil betont Sono Motors die Tatsache, dass der Besitzer eines Sion vieles selbst reparieren kann. Vorbei die Zeiten, als man wegen eines durchgebrannten Scheinwerferlämpchens in die Werkstatt fahren musste, weil ein großer Teil des Innenlebens unter der Haube ausgebaut werden musste, um das Lämpchen auszutauschen. „Unser cleveres 3-stufiges Instandhaltungssystem hält die Reparaturkosten so gering wie möglich“, sagt der Hersteller. Ersatzteile könne man auch ohne große Vorkenntnisse selbstständig in das Fahrzeug einbauen. Und wenn der Sion doch mal in die Hände eines Fachmanns muss, wird die Offenlegung des Werkstatthandbuchs ein weit ausgebautes Netzwerk unabhängiger Werkstätten ermöglichen. Für alle Reparaturen im Hochvolt- und Karosseriebereich kooperiert Sono Motors mit einem namhaften Serviceanbieter aus Europa.

Die künftigen Kunden stehen schon vor Beginn der Serienproduktion Schlange. Knapp 10.000 Vorbestellungen hat Sono Motors vorliegen, denn der Preis des Sion liegt mit 25.500 Euro im Rahmen eines Mittelklassewagens. Aktuell sind mindestens 260.000 Exemplare des neuen Autos geplant. Hergestellt wird der Sion künftig in der ehemaligen Saab-Fabrik im schwedischen Trollhättan – und alles ntürlich so klimafreundlich wie möglich.

„Für uns ist Nachhaltigkeit kein Buzzword, sondern der Grund, warum es uns überhaupt gibt“, betont das Münchner Startup. „Deshalb ist dein Sion ab Werk klimaneutral. Um sowohl unseren, als auch deinen Fußabdruck auf ein Minimum zu reduzieren, kompensieren wir alle unvermeidlichen CO₂ Emissionen, die während des gesamten Herstellungsprozesses des Sion entstehen. Und übrigens, dein Sion wird mit 100% erneuerbarer Energie produziert.“

Lightyear One

© Lightyear

Konkurrenz aus den Niederlanden

Die Konkurrenz für den Sion steht allerdings schon in den Startlöchern. Im Nachbarland Niederlande. Da wird der Prototyp des Lightyear One am 25. Juni vorgestellt. Er soll ebenfalls im kommenden Jahr auf den Markt kommen und auch mit eingebauten Solarmodulen zusätzliche Reichweite generieren. Und während man sich in München über bis zu 34 zusätzlichen Kilometer freut, brüstet man sich bei Lightyear in Helmond mit stolzen 200 Kilometern, wodurch die Gesamtreichweite bei rund 800 Kilometern liegen soll – je nach Wetter und Fahrweise.

Neben den Solarzellen in der Karosserie seien auch eine extrem gute Aerodynamik, ein sehr effizientes Antriebssystem und eine leichte Karosserie für diese ungewöhnlich hohe Reichweite verantwortlich, heißt es von Unternehmensseite. Auch hier gilt aber, dass man erst mal die Serienproduktion und echte Zahlen abwarten muss, um die tatsächliche Reichweite sicher beziffern zu können. Die Spitzengeschwindigkeit des Lightyear One beträgt 150 Stundenkilometer. Auf der Negativseite steht hier aber der ebenfalls recht stolze Preis: Rund 140.000 Euro.

Allradantrieb einmal anders

Angetrieben wird der Lightyear One von vier Motoren in den Radnaben, die von Akkus mit Strom versorgt werden. Darüber hinaus bekommen diese Akkus auch von den Solarzellen zusätzlichen Strom. Längere Pausen an Ladestellen seien somit nur selten nötig, heißt es in Helmond. Wenn es aufgeladen werden müsse, ginge das beim Lightyear One dreimal schneller als bei jedem anderen Elektroauto auf dem Markt. An einer Schnellladestation soll die Batterie innerhalb von einer Stunde komplett aufgeladen werden können. An einer normalen Steckdose soll die Ladung nach einer Stunde für rund 40 Kilometer reichen.

„Das bedeutet, dass der Fahrer über Nacht bis zu 400 km an einer gewöhnlichen Steckdose aufladen kann, was ihm die Freiheit gibt, den Lightyear One auch an Orten ohne Infrastruktur zum Laden von Elektroautos zu nutzen.“ Der Fünfsitzer hat natürlich auch eine Heizung und eine Klimaanlage, die sich – auch wenn das Auto geparkt ist – selbständig einschaltet, wenn es im Innenraum zu heiß wird. Als weiteren Pluspunkt beschreiben die Hersteller die Wartungsfreundlichkeit des Fahrzeugs. Es müsse nur alle 50.000 Kilometer in Werkstatt.

Die Lightyear-Gründer haben übrigens bereits einige Erfahrung auf dem Gebiet Elektroauto vorzuweisen. Sie watren alle an der Entwicklung des solarbetriebenen Autos Stella Lux beteiligt.

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