Internal Combustion Engine, Battery Electric or Fuel Cell Electric: ICE, BEV, FCEV
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Für viele E-Mobilitäts-Fans hat der neue Antrieb bereits gewonnen. Die Zuwachsraten liegen fast überall auf den europäischen Märkten über denen der Verbrenner, die Effizienz des Elektroantriebs ist unerreicht und selbst die indirekten Emissionen der Stromer scheinen weit unter denen eines Verbrenners zu bleiben. Also alles in Butter?

Offenbar nicht. In fast allen europäischen Mainstream-Medien machen momentan Artikel die Runde, die alte Kamellen wieder aufwärmen. Das Elektroauto und die Technologie dahinter wird hier und da durch geschickt platzierte Artikel in Frage gestellt. So glaubt es jedenfalls der Youtube-Kanal „Fully Charged Show“ unter der Federführung von Robert Llewellyn. Der Titel: „Who’s TRYING to KILL The ELECTRIC CAR? And What Can You Do About It?” Der Titel erinnert nicht zufällig an den Dokumentarfilm von 2006 „Who Killed the Electric Car“.

In einer Diskussionsrunde (ohne Beisein irgendeines E-Mobilitäts-Kritikers) schwurbelten Lllewellyn, Dan Caesar (CEO Fully Charged Show) und Quentin Wilson, Motorjournalist bekannt aus den frühen Top Gear-Publikationen über dies und das. Über den Lobbyismus der Verbrenner- und Ölindustrie, über die Uninformiertheit der Gesellschaft (ausgenommen der Zuschauer der Show) und ließ 200%ige Fans der Elektroblase in den Kommentaren zu Wort kommen. Das erinnerte bisweilen an die „Aluhutträger“ und Anhänger anderer Verschwörungstheorien. Monty Pythons „Das Leben des Brian“ kam einem kurzfristig in den Sinn – „Er hat Yehova gesagt“.

Clickbait wird angeprangert

Zurecht wird von den drei Diskutanten „Clickbait“ der Presse- und Internetportale angeprangert. Mit immer kontroverseren Überschriften (möglichst mit „Tesla“ im Titel) sind auch mehr Leser einzufangen. Jüngstes Beispiel ist der Brand des Autofrachters vor der niederländischen Küste. Ohne sichere Erkenntnisse darüber zu haben, werden brennende Elektroautos als Auslöser der Katastrophe identifiziert. Llewellyn dürfte die Berichterstattung folgerichtig als weiteren Beweis der konzertierten Anti-Elektromobilitäts-Kampagne einordnen.

Gibt es eine solche Kampagne?

Als Publisher eines Portals, das sich mit der Elektromobilität – kritisch – auseinandersetzt, wage ich das zu bezweifeln. Zwar versuchen die klassischen OEMs die Verbrennerproduktion so lange wie möglich am Köcheln zu halten, aber das ist legitim. Zumal sie wenigstens 5-6 Jahre Rückstand auf die Pioniere der Elektromobilität, speziell Tesla, haben.  Im Gegenteil: der Anti-EV-Kurs der frühen Jahre ändert sich zum Positiven, je mehr Elektroautos von den klassischen OEMs auf den Markt kommen.

Denn die OEMs wissen recht genau, dass die Elektromobilität – momentan – die einzige Alternative beim Individualverkehr zu sein scheint. Wenngleich immer mehr Kritiker der Meinung sind, dass ein Austauschen aller Verbrenner weltweit durch Stromer kaum zielführend sein kann.

Keine Änderung der grundlegenden Verkehrsprobleme

Denn auch die Elektromobilität würde dann kaum die drängenden Probleme, die durch den wachsenden Individualverkehr verursacht werden, lösen können. Ein Youtube-Kanal mit Namen „Geoff Buys Cars“ sah sich deshalb veranlasst auf die Diskussionsrunde von Fully Charged eine Replik zu veröffentlichen. Geoff ist Petrolhead, und er macht auch keinen Hehl daraus. Trotzdem stellte er in seiner Antwort einige sehr clevere Fragen:

  • Wo kommen die Batteriematerialien und Rohstoffe her?
  • Wie wird die Umwelt belastet bevor ein EV überhaupt aus dem Autohaus rollt?
  • Gibt es überhaupt eine ausreichende Infrastruktur?
  • Wissen die Versicherer überhaupt, wie sie mit einem Unfall umgehen sollen?
  • Verursachen EVs womöglich mehr Schaden wegen ihres Gewichts?
  • Warum ist der Wertverlust von EVs so hoch im Vergleich zu Verbrennern?
  • Was passiert mit Menschen, die nicht zu Hause laden können?
  • Ist Elektromobilität wirklich die beste Möglichkeit, die Umwelt zu schützen?

Nun werden einige mit den Augen rollen und vor sich hinmurmeln, dass diese Fragen doch schon längst geklärt seien. Sind sie es wirklich? Für die Fans der Elektromobilität sind diese Fragen (weitgehend) beantwortet, aber der Ottonormalverbraucher stellt sie sich immer noch.

Die Zukunft durch die „rosa Brille“ betrachtet

Ist die Zukunft gesichert, wenn der letzte Verbrenner verschrottet und durch einen Stromer ersetzt wurde? Kein E-Mobilitäts-Fan der ehrlich zu sich ist kann das glauben, und doch agieren die allermeisten Early Adopter so, als wäre diese Erkenntnis kaum relevant. Denn momentan gehören sie zu den Guten und tragen dazu bei „den Planeten zu retten“. Wirklich?

Kritisches Hinterfragen

Man sollte nie aufhören, den status quo kritisch zu hinterfragen. Sicher, die E-Mobilität wird den Verkehr sauberer gestalten, aber die Kosten und neuerlichen Umweltbelastungen werden komplizierter zu berechnen sein. Da sind weder Clickbait noch Verschwörungstheorien hilfreich – wohl aber eine gehörige Portion kritischer Einschätzung und objektiver Aufklärung.

Über diese Kolumne:

In einer wöchentlichen Kolumne, die abwechselnd von Eveline van Zeeland, Eugene Franken, Katleen Gabriels, PG Kroeger, Carina Weijma, Bernd Maier-Leppla, Willemijn Brouwer und Colinda de Beer geschrieben wird, versucht Innovation Origins herauszufinden, wie die Zukunft aussehen wird. Diese Kolumnisten, die manchmal durch Gastblogger ergänzt werden, arbeiten alle auf ihre Weise an Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Bitte lesen Sie hier die bisherige Episoden.