Übelkeit, Brechreiz oder tatsächliches Erbrechen, Benommenheit, Kopfschmerzen, Gedächtnislücken, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit sind erste Anzeichen für eine Gehirnerschütterung. Viele Menschen, die schon mal darunter gelitten haben, wissen, dass damit nicht zu spaßen ist.

Studien haben außerdem ergeben, dass das mehrmalige Auftreten einer Commotio cerebri das Risiko für Spätfolgen wie Gedächtnisstörungen, Epilepsie, Depressionen, Parkinson und sogar Demenz erheblich erhöhen. Es muss aber nicht immer gleich eine schwere Gehirnerschütterung oder Schläge gegen den Kopf wie beim Boxen sein, die schwerwiegende Folgen haben können.

Prof. Dr. med. Inga Koerte von der medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München warnt aber, dass schon kleine Erschütterungen des Kopfes langfristige Folgen haben können. Die Medizinerin untersucht mit modernsten bildgebenden Verfahren, was bei Kopferschütterungen, wie sie auch beim Kopfballspiel vorkommen, im Gehirn passiert.

„Bei einer Gehirnerschütterung gerät das Gehirn, das im knöchernen Schädel in einer Flüssigkeit schwimmt, in Bewegung. Dabei wird es gedehnt und komprimiert. Dadurch kann es zu kleinsten Verletzungen des Gehirngewebes kommen. Denn das Gehirn ist viel weicher, als man sich das vielleicht vorstellt. Es hat eine gallertartige Konsistenz, ähnlich wie Wackelpudding“, erklärt Koerte im Interview mit dem LMU-Forschungsmagazin Einsichten. „Die Gehirnerschütterung ist eine klinische Diagnose, die auf Basis der Symptome gefällt wird, von denen der Patient berichtet, wie Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel.“

In der Regel würden diese Symptome wieder vollständig verschwinden und das Gehirn würde sich komplett erholen. Es gebe aber auch Ausnahmen. „Bei bis zu 30 Prozent der Betroffenen aber nicht, man nennt sie daher die ‚miserable minority‘. Sie können über Monate oder Jahre Symptome wie Kopfschmerzen, Konzentrations- und Schlafstörungen, depressive Verstimmungen haben.“

Die kleinsten Verletzungen, die eine Kopferschütterung im Gehirn auslöst, seien unter anderem, dass die Verbindungen der Nervenzellen so sehr gedehnt würden, dass sie nicht mehr richtig funktionieren, sagt Koerte. Das sei aber nicht alles. „Auch die Aktivität der Nervenzellen, der Neurone, ist gestört, manche gehen gar kaputt. Dazu kommen feinste Blutungen im Gehirngewebe. Durch die Erschütterung werden die Gefäße gedehnt, dabei treten rote Blutkörperchen aus und lagern sich im Gewebe ab.“

Die „miserable minority“

In einer Studie mit der Magnetresonanztomographie (MRT) haben die Wissenschaftler 2015 festgestellt, dass diese Mikroblutungen in den ersten 72 Stunden nach einer Gehirnerschütterung zu- und im Laufe der nächsten zwei Monate wieder abnehmen. Das Gehirn sei also in der Lage, diese roten Blutkörperchen zu entsorgen. Bei der ‚miserable minority‘ erholt sich das Gehirn jedoch nicht vollständig. Wieso das so ist, können die Mediziner nicht sagen.

„Wir wissen noch nicht, was Patienten, denen es später schlecht geht, von jenen unterscheidet, die sich komplett erholen“, gibt Dr. Koerte zu. „Schädel-Hirn-Traumata werden seit Jahrzehnten anhand des Zustands des Patienten direkt nach Trauma in leicht, mittel und schwer eingeteilt.“ Diese Einteilung sei klinisch wichtig, weil man so akut entscheiden könne, ob etwa der Neurochirurg dazugerufen werden müsse. Nur aber anhand der akuten klinischen Symptome ließe sich aber nicht sicher voraussagen, ob jemand chronische Symptome entwickeln würde.

Die Mediziner diese alte Kategorisierung daher aufbrechen und den Blick auf den einzelnen Patienten zu lenken, denn: „Das Gehirn ist der Sitz des Individuellen – warum sollte man so tun, als wären alle gleich?“, betont Koerte. „Wir analysieren etwa, ob und wie die Neurosteroide, im Gehirn wirksame Hormone, die unter anderem eine neuroprotektive Funktion haben, nach Gehirnerschütterung bei Einzelnen ansteigen und wie sich Stoffwechsel und Mikrostruktur über die Zeit verändern. Wir wollen vorhersagen können, welcher Patient sich unter welchen Voraussetzungen völlig erholen wird und wer von einer gezielten Therapie profitiert.“

Anders als Erwachsene, die oft mehrere Woche brauchen, um sich zu erholen, sind Kinder meist viel schneller wieder auf den Beinen. „Das kindliche Gehirn ist erstaunlich, es entwickelt sich ständig weiter“, weiß Koerte und warnt, dass Kinder aber vermutlich anfälliger gegenüber den Langzeitfolgen von Gehirnerschütterungen seien. „Das ist vor allem in einem Alter der Fall, in dem sich der Hormonstatus stark verändert – bei Jungen zum Beispiel in der Präpubertät zwischen zehn und 13.“

Ein gutes Modell, um die Folgen von wiederholten leichten Kopferschütterungen zu untersuchen, sei, neben Kontaktsportarten, daher Fußball, betont Koerte, die aktuell eine Europäische Studie mit jugendlichen Fußballspielern betreut. „Sie haben keine Gehirnerschütterung, sind aber durchs Kopfballspielen exponiert gegenüber Kopferschütterungen. Erste Auswertungen zeigen einen Zusammenhang zwischen der Veränderung des Gehirns und der Länge und Intensität der Exposition gegenüber wiederholter Kopferschütterung. Basierend auf unseren Studien zu American-Football-Spielern in den Vereinigten Staaten sieht es übrigens so aus, als ob weniger die einmalige Gehirnerschütterung das Problem ist, als vielmehr die wiederholten leichtgradigen Erschütterungen des Kopfes über einen längeren Zeitraum hinweg.“

Gefährlicher Fußball

Wie gefährlich ist also der Deutschen liebster Sport für die Nachwuchskicker? Sollte man Kinder bis zu einem bestimmten Alter vielleicht sogar verbieten, Kopfbälle zu spielen? In den USA sind Kopfbälle für Kinder unter zehn Jahren verboten, nachdem eine eine Initiative besorgter Eltern die Fußballorganisation verklagt hatte, um genau das zu erreichen. Laut Dr. Koerte gibt es aus wissenschaftlicher Sicht allerdings keinen Anhaltspunkt dafür, gerade dieses Alter zu nehmen.

„Es ist eine willkürlich gewählte Grenze“, sagt sie. „Was ich besonders schwierig finde, ist, dass sie impliziert, dass es ab elf Jahren völlig in Ordnung wäre, Kopfbälle zu spielen. Alles, was wir aus den Studien mit Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn wissen, bestätigt, dass die Pubertät eine besonders empfindsame Phase der Gehirnentwicklung ist.“ Sport zu verbieten sei aber keine Lösung, im Gegenteil. „Sport ist gesund und hilft der Gehirnentwicklung. In einer Mannschaft zu spielen, fördert auch soziale Kompetenzen“, betont Koerte. „Was wir aber aufgrund der Studien der letzten Jahre erahnen, ist, dass Kopfballspielen möglicherweise nicht gesund ist.“

Im Rahmen einer Studie im Jahr 2017 wurde eine Gruppe junger Fußballspieler untersucht und mit Gruppen von Tischtennisspielern und Schwimmern verglichen. Keiner der Jugendlichen hatte je eine Gehirnerschütterung. Alle Probanden mussten zwei Tests machen: einen einfachen Reaktionstest und einen etwas komplexeren, der höhere kognitive Leistungen erfasste. „Untersucht wurde immer vor und nach dem Training“, beschreibt Koerte. „Nach dem Training schnitten alle Jugendlichen jedes Mal besser ab. Ausdauersport ist also gesund fürs Gehirn. Über einen längeren Zeitraum wurden die Tischtennisspieler und die Schwimmer in beiden Tests auch immer besser – was man von einem 15-Jährigen auch erwarten würde, der ja lernt und sich weiterentwickelt. Die Fußballer dagegen konnten ihre Testergebnisse über die Zeit nicht maßgeblich verbessern. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass sie ihr kognitives Potenzial nicht vollständig ausschöpfen können.“

Das Gehirn sei „ein erstaunliches Organ, das mit sehr vielem zurechtkommt“, findet Dr. Koerte. „Aber man muss davon ausgehen, dass es einen kumulativen Effekt von Kopferschütterungen gibt, und das gilt wahrscheinlich vor allem für das kindliche Gehirn.“

Prof. Dr. med. Inga Koerte ist Professorin für eurobiologische Forschung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Fakultät der LMU und Leiterin der Arbeitsgruppe cBRAIN. Zugleich ist sie Lecturer an der Harvard Medical School in Boston, USA.

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