Das Berliner Start-up PTScientists hat sich viel vorgenommen. Es will als erstes deutsches Unternehmen eine eigene Mondlandefähre ins All schicken, die in den Jahren 2020 bis 2022 zwei Mal auf dem Mond landen soll. Bis vor wenigen Wochen lag das Team um Firmengründer Robert Boehme auch noch gut in der Zeit, nun musste es aber einen herben Rückschlag hinnehmen.

Verzögerungen bei der Auszahlung von Investoren- und Fördergeldern führten dazu, dass offene Rechnungen nicht mehr beglichen werden konnten. Aus rechtlichen Gründen blieb PTScientists nun nichts anderes übrig, als am 5. Juli 2019 beim zuständigen Amtsgericht Berlin Charlottenburg Insolvenzantrag zu stellen. Nun ist der Insolvenzverwalter gefragt, gemeinsam mit der Geschäftsführung nach neuen Investoren zu suchen oder weitere Unterstützung von aktuellen Partnern zu bekommen.

„Der Insolvenzantrag wirft uns zeitlich etwas zurück, weil wir zunächst gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter die weitere Finanzierung des Unternehmens sichern müssen“, sagt Robert Boehme. „Aber aufgrund unserer klaren Fortschritte und Erfolge, die wir in den letzten Monaten nachweisen konnten, haben wir beste Voraussetzungen, um aus dem Insolvenzverfahren gestärkt hervorzugehen und unsere Mondmission wie geplant umzusetzen.“

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Lunar Rover © PTScientists

Die deutsche „New-Space Company“ ist das einzige Unternehmen in Europa, das über ein Mondlandegerät in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium verfügt. Deshalb gibt Boehme auch nicht auf. Die Raumfahrer von PTScientists würden trotz des Insolvenzantrags weiter daran arbeiten, die erste europäische Mond-Mission Wirklichkeit werden zu lassen, heißt es in Berlin.

ArianeGroup als Partner

Erst im Mai 2019 haben sich PTScientists und ArianeGroup auf eine weitreichende Zusammenarbeit bei zukünftigen Mondmissionen wie der geplanten ISRU-Mission der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) geeinigt. „Wir fühlen uns durch das Vertrauen, das die ArianeGroup in uns gesetzt hat, sehr geehrt“, sagte Boehme bei der offiziellen Bekanntgabe der Zusammenarbeit. „Für PTScientists ist dies ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung unseres jungen Unternehmens. Gemeinsam werden wir ein 100% europäisches Angebot schaffen, um einen kostengünstigen Zugang zum Mond zu ermöglichen.“

Geplant für die Mission ist, dass die PTS-Wissenschaftler das autonome Lande- und Navigationsmodul ALINA, ein Raumfahrzeug mit einer Nutzlastkapazität von bis zu 300 kg beisteuern, während die ArianeGroup ihre neue Hochleistungs-Trägerrakete Ariane 64 und ihre langjährige Expertise im Bereich der Antriebssysteme einbringt.

Kontakte mit der ESA gab es schon länger. Bereits im April 2018 war PTScientists als eines von sechs kommerziellen Unternehmen ausgewählt worden, „das an der innovativen Studie der ESA zur Entwicklung potenzieller Mondmissionen teilnimmt, die die auf dem Mond vorhandenen Ressourcen nutzen könnten“. Die Studie zur Definition der Mondmission ziele darauf ab, herauszufinden, ob die Agentur eine Mondmission durchführen könnte, indem sie von kommerziellen Partnern entwickelte Monddienste wie Nutzlasten und die Lieferung zum Mond nutzt.

„Kommerzielle Partnerschaften spielen eine immer wichtigere Rolle in der spannenden Vision der ESA für die Weltraumforschung“, sagte David Parker, ESA-Direktor für Human- und Roboterforschung. „Die laufenden Maßnahmen beinhalten bereits neue Wege, um die Nutzung der ISS zu erhöhen. In Zukunft könnte die Beschaffung von Dienstleistungen aus der Industrie neben der internationalen Zusammenarbeit es der ESA ermöglichen, bei unserer geplanten Erforschung des Mondes schneller voranzukommen.“

Mond

ALINA © PTScientists

Umfangreiche Investitionen

Um allen Anforderungen des Projekts gerecht zu werden, hat PTScientists in letzter Zeit immense Investitionen getätigt. Es wurde zusätzliches wissenschaftliches Personal eingestellt und auch die nötige Infrastruktur für den Bau der Landefähre geschaffen. Als dann die erwarteten Gelder ausblieben, musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. Für Boehme und sein Team sind finanzielle Engpässe aber nicht ganz neu.

2008 wurde PTScientists gegründet, um am Google Lunar XPRIZE teilzunehmen. Als Preis hatte Google dem Teilnehmer eine Prämie von 20 Millionen Dollar versprochen, das bis März 2018 zuerst auf dem Mond landet und dort mindestens 500 Meter zurücklegt. Das ist allerdings weder PTScientists noch einem anderen Unternehmen gelungen und das Berliner Start-up machte mithilfe von staatlichen Fördergeldern und privaten Sponsoren weiter.

Kooperationspartner des Unternehmen sind neben der ArianeGroup und der ESA anderem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR, Automobilhersteller Audi, das Telekommunikationsunternehmen Vodafone und die Universität Würzburg. PTScientists beschäftigt derzeit etwa 60 Mitarbeiter an den Standorten Berlin, Salzburg (AT) und Houston (USA). Die Mondlandefähre ALINA und der Lunar-Rover sollen 2021 zum ersten Mal zum Mond starten.

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