Vor einem Jahr bekam das Hamburger Start-up eBlocker den begehrten Preis der Smart Home Initiative. Noch am selben Tag war das Schicksal von eBlocker im Grunde schon besiegelt. Ein potentieller großer, strategischer Partner zog seine Zusage zurück. Die Insolvenz war unausweichlich.

Christian Bennefeld und sein Geschäftspartner Boris Prinz hatten gemeinsam mit ihren Mitarbeitern ein Produkt entwickelt, das die Privatsphäre von Usern beim Surfen schützt. Das Gerät schützte PCs, Tablets, Smart-TV, Spielekonsolen und IoT-Geräte im Heimnetzwerk vor Malware und Tracking, also davor, ausspioniert zu werden. Nun ist eBlocker zurück.

Mehr über die gescheiterte Investitionsrunde von eBlocker lesen Sie hier.

Geschäftsführer Christian Bennefeld erzählt im Interview, wie es zur Insolvenz kam, wie er es geschafft hat, eBlocker wieder auferstehen zu lassen und, was er aus der Insolvenz gelernt hat.

Warum haben Sie keine Lösung in der Insolvenzphase gefunden?

Es war einfach eine Frage der Zeit. Wir waren mit verschiedenen Partnern im Gespräch, auch mit Investoren. Es ist aber schwierig, sobald man als Start-up einmal Insolvenz angemeldet hat. Mit unserem markreifen Produkt hatten wir mehrere 10.000 von Kunden, einen sechsstelligen Monatsumsatz und waren mit den Umsätzen auch grob im Plan.

Mit einem Partner waren wir schon so weit, das alles bereits sicher schien. Eine halbe Stunde, bevor wir den SmartHome Preis bekommen haben, hat dieser Partner abgesagt. Der Grund war, aus meiner Sicht, dass er vom Insolvenzverwalter aufgefordert wurde, eine Zahlung in fünfstelliger Höhe zu leisten. Natürlich macht das kein Unternehmen, nur zur Fortsetzung von Verhandlungen, solange noch gar nicht sicher ist, was dabei herauskommt. Und da Verträge zu verhandeln eine gewisse Zeit dauert, wäre dann nach vier Wochen die gleiche Summe wieder fällig gewesen. Uns fehlte also schlichtweg die Zeit, Verhandlungen im Rahmen des Insolvenzverfahrens zu einem positiven Ergebnis zu führen.

Und wie ging es dann weiter bis zur Wiederauferstehung?

Wir wollten für unsere Kunden die Technologie bis August noch soweit entwickeln, dass die Nutzer keinen Schaden erleiden und und eBlocker mit kostenlosen Filtern weiterführen können. Das war auch mit dem Insolvenzverwalter abgesprochen. Letztendlich mussten wir dann aber innerhalb von 14 Tagen alles geräumt haben und konnten am Produkt nicht weiterarbeiten. Wir haben die Technologie trotzdem weiter entwickelt, ohne dass wir dafür bezahlt wurden.

Bei der Verhandlung vor dem Insolvenzgericht haben wir (Bennefeld und Prinz, d. Red.) und paar unserer 20 früheren Kollegen ein Angebot gemacht, die Software weiterzuführen, unter der Prämisse, dass sie kostenlos sein wird. Wir machen daraus ein Non-Profit-Unternehmen und wollen damit kein Geld verdienen. Dafür sind wir aber auch nicht bereit, große Summen auszugeben, um dem Insolvenzverwalter die Technologie abzukaufen. Wir haben also den berühmten Euro geboten. Die Gläubigerversammlung, der er Insolvenzverwalter und das Gericht haben dem Vorschlag dann zugestimmt. Am 23. Dezember haben wir den Vertrag mit dem Insolvenzverwalter unterschrieben und noch am selben Tag eine Spendenaktion unter den E-Mail-Adressaten unseres Newsletters gestartet. Dieses initiale Fundraising ging über 6.000 Euro, die wir innerhalb von 23 Stunden zusammen bekamen. Es hat mich wirklich persönlich sehr berührt, dass die Nutzer auch so viel Lob für uns hatten.

eBlocker-Geschäftsführer Christian Bennefeld © eBlocker

War das auch der Grund, aus dem Sie weitergemacht haben? Aus Idealismus und, um anderen zu helfen?

Ja. Uns geht es nicht um Geld. Wir glauben an den Schutz der Privatsphäre. Das ist uns wichtig. Wir glauben, dass es wichtig ist, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Wir wollten eBlocker nicht sterben lassen. Das war die eigentliche Motivation. Wir haben alle andere Jobs und verdienen alle anderweitig unser Geld.

Damit ich das jetzt richtig verstehe. Sie wurden also mehr oder weniger durch die Insolvenz dazu gezwungen, eBlocker als Open Source und kostenlos anzubieten?

Nein, gar nicht. Wir hatten die Idee schon vorher gehabt, konnten aber keine Investoren dafür begeistern. Aber wenn man nicht auf Kommerz aus ist, ist das eine tolle Sache und der Erfolg den wir im Moment haben, zeigt auch, dass es funktioniert.

Das heißt, die Resonanz auf das neue, kostenfreie Modell ist gut?

Ja, sehr gut. Früher haben wir den eBlocker als Plug-and-Play-Hardware produziert und verkauft. Dazu mussten wir aber die Hardware vorfinanzieren und das war ein großer Teil des Finanzbedarfs. Heute kann sich der Nutzer selbst einen Rasberry Pi (Einplatinencomputer), kaufen, der quasi auch im Plug & Play-eBlocker steckte. Dazu eine SD-Karte und ein Netzteil. Man bespielt nur die SD-Karte mit unserer Software und steckt sie rein. Mehr braucht man nicht und hat seinen eigenen eBlocker zu Hause.

Die Weiterentwicklung als Open Source geschieht gemeinsam mit der Community. Wir machen alle Kosten komplett transparent. Die Idee ist, laufend Spendenkampagnen zu haben, bei denen die Nutzer individuell für die Dinge spenden können, die ihnen wichtig sind. Und wenn genügend Spenden für das jeweilige Spendenziel zusammenkommen, können wir das entsprechend umsetzen.

Somit ist Ihr gesamtes Unternehmen also ist im Prinzip auf Idealismus aufgebaut?

Absolut. Wir haben keine Angestellten. Wir sind nicht profitorientiert und wir investieren eben kostenlos sehr viel Zeit. Die Ziele, für die unsere Nutzer bisher gespendet haben, haben wir auch bereits umgesetzt. Wir machen das, weil wir daran glauben, dass Datenschutz wichtig ist und, weil wir die Nutzer schützen wollen. Nicht, weil wir Geld verdienen wollen.

Ich weiß, was da draußen bei den Datengiganten los ist, und das macht mir große Angst. Ich glaube, dass wir, die wir wissen, welche Gefahren bestehen, auch eingeladen sind, uns dagegen zu wehren, sowohl auf der rechtlichen und gesellschaftlichen als auch auf der technischen Seite. Ich kämpfe auf beiden Seiten für den Datenschutz und ich möchte nicht aus diesem Leben gehen, ohne meinen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass wir Bürger besser vor den Übergriffen der Mächtigen auf unsere Daten geschützt werden.

NDR-Beitrag: Was das Internet über dich weiß… 

Was haben Sie also aus der Insolvenz gelernt?

Ein großer Fehler, den ich gemacht habe, war, einem Investor zu vertrauen, den ich seit 15 Jahren kenne. Heute sage ich: Traue keinem Investor, selbst wenn man ihn noch so lange kennt. Zwei Wochen vor dem geplanten Notartermin hat er diesen aus recht fadenscheinigen Gründen abgesagt und uns damit in diese Situation gebracht.

Das wäre also Ihr wichtigster Ratschlag für potentielle Gründer? Traue keinem Investor?

Ja erstens das und zweitens, baue nie eine Finanzierungsrunde nur auf einen Investor auf, auch wenn der dies wünscht. Ich kannte genügend Leute, die alle investieren wollten und habe ihnen daher abgesagt. Man muss sich immer im Hintergrund weitere Möglichkeiten warm halten, falls doch etwas schief geht, auf die man noch einmal zu gehen kann.

Der zweite große Fehler war: Wann melde ich eine Insolvenz an? Man hat ja einen gewissen Handlungsspielraum. Und ich kann nur sagen: Liebe Startups, wenn ihr Insolvenz anmelden müsst, macht es rechtzeitig, denn es gelten andere Regeln. Wir hatten noch fast 300.000 € auf dem Konto und konnten die nächsten drei Monate noch alles gut bezahlen. Jedoch waren wir gerade erst in einen großen Mietvertrag eingestiegen und, da alle Dauerschuldverhältnisse wie Leasingverträge, Telefonverträge, Server Hosting bei einer insolvenzrechtlichen Betrachtung über die Laufzeit aufsaldiert werden, hieß das, bei uns wurde die Miete wurde über 5 Jahre aufsaldiert und in die Bilanz eingerechnet. Das führte zur Überschuldung und zwang zur Anmeldung. Wären wir noch in der alten Mietung gewesen, hätten wir keine Insolvenz anmelden müssen. Der zeitliche Fehler war, dass wir am 19. Februar angemeldet haben. Und, da man nur drei Kalendermonate zum Monatsresten Zeit hat, um vielleicht doch noch einen Investor zu gewinnen, haben wir zu viel Zeit verschenkt. Ich würde daher jedem raten, am Ersten des Monats anzumelden, nicht erst mitten im Monat oder gar am Ende.

Der dritte Punkt ist, sich gleich professionelle Hilfe durch einen M&A-Berater (Mergers & Acquisitions) zu holen. Das haben wir zu spät getan. Nachdem wir erst selbst versucht haben, Partner und Investoren zu finden. Als wir uns Ende März professionelle Hilfe gesucht haben, war natürlich auch viel Zeit vergangen. Ich kann deshalb nur sagen, holt euch gleich professionelle Hilfe eines Beraters, der euch bei der Investorensuche hilft. Versucht es nicht, es alleine zu machen.

Zu welcher Art Investoren würden Sie einem Start-up überhaupt raten? Großen, kleinen, öffentlichen?

Ich habe die Seed-Phase mit einem siebenstelligen Betrag selbst finanziert. Um Profis an Bord zu holen, habe ich den High Tech Gründerfonds (HTGF) aus Bonn und die IFB Innovationsstarter Hamburg, also zwei öffentliche Fonds gewonnen. Außerdem hatte ich noch drei weitere Business Angels dabei. Womit ich aber nicht gerechnet habe – und ich will da jetzt nicht draufhauen – dass die öffentlichen Investoren gar kein Interesse daran haben, Hilfestellung zu leisten. Die sind so gefangen in ihrer Bürokratie, sie haken ihre Checklisten ab und lassen die Unternehmen im Wesentlichen alleine. Als der Investor abgesagt hat, haben wir sofort eine Gesellschafterversammlung einberufen und gefragt, ob sie nachfinanzieren können. Die öffentlichen sind da aber so behäbig, dass sie sagten, ‚der nächste Investitionsausschuss tagt erst Ende März. Das schaffen wir nicht.‘ Wer also Profis dabei haben will, der soll sich auch echte Profis holen wie VCs (Venture Capital Geber) und keine öffentlichen Investoren. Vielleicht nur einen, aber nicht so, wie bei uns, zwei große öffentliche und drei kleine, die nicht weiter investieren konnten.

Und haben Sie auch noch einen abschließenden Rat, falls eine Insolvenz doch unausweichlich ist?

Ja, und da haben wir alles richtig gemacht. Stellt euch gut mit dem Insolvenzverwalter. Übt eine hohe Transparenz und arbeitet mit ihm zusammen anstatt mit ihm auf Konfrontation zu gehen. Unser Insolvenzverwalter hat uns sehr geholfen und hat sich enorm für uns eingesetzt. Der Insolvenzverwalter ist nicht der Feind. Wenn man es richtig anfasst, ist er der Freund und man tut gut daran, diese Freundschaft auch zu pflegen.