Krebs und dessen Entstehung geben der Wissenschaft noch immer viele Rätsel auf. Klar ist, dass normale Zellen im Körper zu Tumorzellen werden, sich vermehren und zu einem Tumor werden, indem sie in gesundes Gewebe einwachsen. Die Frage, wieso Krebs aber überhaupt entsteht, ist immer noch weitgehend ungeklärt. Onkologen der Universität und des Universitätsklinikums Tübingen haben nun eine neue, bisher unbekannte Proteinvariante entdeckt, die sowohl bei der Entstehung von Krebs als auch beim Verlauf der Erkrankung eine wichtige Rolle spielt.

Die Ärztin und Wissenschaftlerin Dr. Kerstin Kampa-Schittenhelm und ohr Team konnten die Proteinvariante namens ASPP2kappa erstmals bei Leukämiepatienten nachweisen und zeigen, dass der Krebs schneller wächst und sich medikamentös schwerer behandeln lässt, wenn diese besondere Eiweißform in den Zellen vorhanden ist. Mittlerweile konnten die Forscher die Proteinvariante auch in verschiedensten anderen Tumoren nachweisen.

ASPP2kappa ist in gesunden Zellen nicht oder nur gering nachweisbar

Das Besondere an der neu entdeckten Proteinvariante, „die ein zentrales Gen im Signalweg des programmierten Zelltods betrifft, ist der dynamische Charakter der Entstehung“, sagen die Forscher. „ASPP2kappa ist in gesunden Zellen nicht oder nur gering nachweisbar – und entsteht vermehrt als Reaktion auf Zellschädigungen, wie sie zum Beispiel in Folge radioaktiver oder ultravioletter Strahlung, schädlicher Umwelteinflüsse oder durch den Kontakt mit Giftstoffen eintreten“, schreiben sie in ihrer Studie „Alternative splicing of the tumor suppressor ASPP2 results in a stress-inducible, oncogenic isoform prevalent in acute leukemia“, die am Dienstag im Fachmagazin EBioMedicine veröffentlicht wurde. Sie gehen davon aus, dass die bislang unbekannte Proteinvariante dadurch entsteht, dass die DNA in den betroffenen Zellen fehlerhaft abgelesen wird. Dadurch bilde sich ein Protein, dem wichtige Bauteile fehlen.

Bei einer Schädigung von außen würde die Zelle im Normalfall den kontrollierten Zelltod einleiten. Die fehlerhafte Proteinvariante schützt die Zelle aber vor dem Absterben, indem sie diesen Prozess stoppt. Auf Dauer werden diese geschädigten Zellen für den Organismus dann zum Problem, da immer mehr Zellschäden schließlich zur Entartung der Zelle führen und einen Tumor entstehen lassen können.

Bisher gingen Mediziner davon aus, dass Genmutationen für die Entstehung von Krebszellen verantwortlich sind, was aber offenbar nicht immer der Fall ist. „Im vorliegenden Fall konnten wir zeigen, dass die entsprechende DNA der Zelle keinerlei Fehler aufweist“, sagte Kampa-Schittenhelm. Ein durch Außenfaktoren fehlerhaft gebildetes Eiweiß könne offenbar ebenfalls zur bösartigen Entartung von Zellen führen.

Schematische Darstellung der Entstehung der ASPP2kappa-Proteinvariante: Die spezifische Färbung im Zentrum der Grafik weist das Vorhandensein des ASPP2kappa-Proteins in Leukämiezellen nach. © Dr. Kerstin Kampa-Schittenhelm

Besseres Verständnis über die Entstehung von Tumoren

Diese neuen Erkenntnisse haben in den Augen der Forscher „weitreichende Bedeutung zum Verständnis der Tumorentstehung“ und bieten gleichzeitig auch Ansatzpunkte zu einer besseren Diagnostik und Therapie von Krebserkrankungen. Die Tübinger Forscher arbeiten bereits an Möglichkeiten, ihre neuen Erkenntnisse in verbesserte Therapiemöglichkeiten umzusetzen. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass es künftig sinnvoll sein kann, schon vor dem Start einer Therapie zu prüfen, ob Krebspatienten in ihren Zellen ASPP2kappa aufweisen oder nicht“, sagte Kampa-Schittenhelm. Und auch während der Behandlung lasse sich aus einem Anstieg oder Rückgang der Proteinkonzentration ablesen, ob die Therapie erfolgreich verlaufe: „Tritt das Protein vermehrt auf, ist das nach unseren Erkenntnissen ein Hinweis darauf, dass der Patient auf die Therapie schlechter anspricht.“ Dadurch könne man Therapien in Zukunft wahrscheinlich individuell besser anpassen.

Bis die neuen Erkenntnisse im klinischen Alltag eingesetzt werden können, dauert es laut Kampa-Schittenhelm noch mehrere Jahre. Vorher müssen erst Patientenstudien mit möglichst großen Fallzahlen stattfinden, um die Ergebnisse der Studie verlässlich zu validieren. Außerdem wollen die Tübinger Wissenschaftler Medikamente entwickeln, mit denen die Bildung des neu entdeckten Proteins verhindert werden kann.

Die Studie wurde mit rund 142.000 Euro von der Wilhelm Sander-Stiftung gefördert. Stiftungszweck ist die Förderung der medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der Krebsbekämpfung. Die Stiftung ging aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

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