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Dr. Google hat eine enorme Popularität erreicht. Mehr als die Hälfte der Anfragen sind Gesundheitsanfragen, sagt die auf Healthcare Engineering spezialisierte Forscherin Eveline Prohaska vom FH Campus Wien. Bevor digitale Anwendungen den einen oder anderen Arztbesuch ersetzen können, brauche es aber noch mehr digitale Kompetenz seitens der Bürger.

Laut Tamás Petrovics sind Gesundheits-Apps die Lösung für das Dilemma. Er hat in seinem Start-up Xund entwickelt, eine Gesundheits-App, die es schaffe, die medizinischen Laien da abzuholen, wo sie sind: Bei ihren Schmerzen – und bei den Begriffen, mit denen sie diese beschreiben. Getroffen haben sich Petrovics und Prohaska bei einem Online-Talk von Wien kann’s!, eine Veranstaltungsreihe von PR&D, einer Public Relations Agentur für Forschung und Bildung. Das Thema: ‚E-Heath Diagnose via App’.

Die Erwartung an Gesundheits-Apps

Gleich vorneweg: Der Titel der Diskussion ist provokativ. Apps dürfen keine Diagnose stellen. Die Informationsgrundlage, die sich im Frage-/Antwort-Modus mit dem medizinischen Laien ergibt, reiche dafür nicht aus, erklärt Petrovics und weiter „Außerdem dürfen Diagnosen nur vom Arzt gestellt werden und Xund soll diesen nicht ersetzen. Deshalb weisen wir die Patienten mehrmals im Prozess darauf hin, dass es sich lediglich um Informationen handelt. Wir geben ihnen die Informationen, die sie brauchen, um ihre Gesundheit in die Hand zu nehmen und sich möglichst zielgerichtet und effizient im Gesundheitssystem zu bewegen.“

„Diagnosen dürfen nur vom Arzt gestellt werden und Xund soll den Arzt nicht ersetzen.“

Tamás Petrovics, Gründer und CEO Xund

Zertifizierung als Medizinprodukt

Als solches ist die Gesundheits-App des Start-up als Medizinprodukt zertifiziert. Diese Art von Zertifizierung steht Apps offen, die entweder in Krankheitssituationen oder bei der Diagnose unterstützen. In der Flut der am Markt verfügbaren Apps sind es nicht viele, die über diese Zertifizierung verfügen. Prohaska spricht von gerade einmal zwei Prozent. Die Zertifikate bestätigen, dass die Apps wirklich das messen, was sie messen sollen.

Die Zertifizierung ermöglicht es dann auch Ärzten, diese Gesundheits-Apps zu verwenden; egal ob es um die Diagnosestellung geht oder die Unterstützung bei einer Therapie. Letzteres könnte zum Beispiel eine App sein, die dem Typ 2 Diabetiker hilft, den Kohlehydratgehalt von Lebensmitteln zu überblicken. Wobei die rechtliche Verantwortung nicht von der App übernommen werden könne, so Prohaska.

Digitale Kompetenz gefragt

Die Forscherin steht Gesundheits-Apps aus technischer Sicht positiv gegenüber, weil sie beides entlasten, das Gesundheitssystem und den Patienten: „Wenn nicht jeder in die Ambulanz kommt, der Kopfschmerzen hat, macht das wahrscheinlich Sinn für das Gesundheitssystem und die Kosten, die daraus entstehen. Gleichzeitig kommen so ängstliche Patienten außerhalb der Ordinationszeiten zu einer validen Information und haben dadurch weniger Stress und Wege“, sagt sie.

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Besonders nutzvoll seien Gesundheits-Apps, die bei einem gesunden Lebensstil unterstützen und die helfen, chronische Krankheiten, wie etwa Diabetes, zu bewältigen. Die Probleme, die sie dabei sieht, sind zum einen das enorme Angebot, das einen kritischen Umgang fordere und zum anderen die mangelnde digitale Kompetenz seitens der Verbraucher. Die mangelnde Kompetenz liest sie zum Beispiel aus der  Unbesonnenheit, mit der Patienten dem amerikanischen Suchmaschinenunternehmen Google sensible Daten zu ihrer Gesundheit geben. „Was man dort eingibt, würde man keinem Menschen anvertrauen und trotzdem macht sich niemand Sorgen um den Datenschutz. Aber die Corona App wird abgelehnt, weil man ja vielleicht getrackt wird.“

“Was man in Google eingibt, würde man keinem Menschen anvertrauen. Trotzdem macht sich niemand Gedanken über den Datenschutz.”

Eveline Prohaska, Healthcare Engineering, FH Campus Wien

Staatliche Unterstützung

Deutschland ist übrigens das erste Land, das ausgewählte Gesundheits-Apps auf Rezept einführte. Das Digitale-Versorgung-Gesetz wurde im Oktober 2020 beschlossen und ging mit zwei Anwendungen an den Start: einer für Tinnitus-Patienten und einer für Patienten mit Angststörungen. Seither führt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf seiner Website eine zunehmend länger werdende Liste mit empfehlenswerten Gesundheits-Apps.

Bei psychischen Erkrankungen nehmen Gesundheits-Apps eine Barriere weg, erklärt Prohaska. Betroffene werden stigmatisiert oder fühlen sich stigmatisiert. „Wenn sie nicht den Hausarzt fragen müssen, sondern über eine digitale Anwendung klären können, dass sie zu einem Facharzt gehen müssen, dann ist das ein sehr niederschwelliger Zugang zu einer Gesundheitsversorgung.“

Bedürfnisse in der stationären Pflege

Prohaska arbeitet an der Schnittstelle von Technologie und Gesundheitsberufen. Sie lehrt und forscht am FH Campus Wien in der Fachrichtung Healthcare Engineering. Hier sollen Menschen in Gesundheitsberufen zu Mitgestaltern werden. In der Masterarbeit einer Kollegin sei es zum Beispiel um Apps in der stationären Pflege gegangen. Das Ergebnis dieser Untersuchung sei erstaunlich gewesen, erzählt Prohaska: „Wir haben viele tolle Apps untersucht. Auch solche, die als medizinische Produkte gelten. Aber am Ende hat die Übersetzungs-App gewonnen. Das zeigt das größte Problem der Gesundheits- und Krankenpflege, zumindest in Wien, wo man sehr viele Menschen betreuen muss, die nicht deutsch sprechen. Auf so basale Probleme würde man als Entwicklerin gar nicht kommen.“

Komplexes einfach darstellen

Petrovics, der Gründer und CEO der Gesundheits-App Xund, hat einen Arzt im Gründerteam. Dennoch sei es nicht einfach gewesen, Informationen, die bei einem Arzt eine jahrelange Ausbildung erfordern, in einer App für medizinische Laien abzubilden. Schließlich brauche es eine Übersetzung, die in Schriftform oder über voice assistant funktioniert. Herausgekommen ist eine App, die zunächst einfach nur fragt: „Wo tut es weh? Aufgrund dieser ersten Information baut sich im Hintergrund der App ein Entscheidungsbaum auf. Durch diesen werden die Patienten mit Fragen durchgeführt, wie sie auch der Arzt oder die Ärztin stellen würden.

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In die Datenbank sind 1,8 Millionen wissenschaftliche Publikationen über Diagnosen und Gesundheits- oder Krankheitsbilder eingegangen. Das KI Tool kann daraus Symptome und Krankheitskorrelationen zu 4000 Krankheitsbildern extrahieren. „Die Informationen reichen nicht aus, um sehr spezifische Gendefekte voneinander zu unterscheiden. Das heißt, wir fokussieren hier den Primärversorgungsbereich. Das ist der Bereich, mit dem sich 99,5 Prozent der Patienten im Lauf ihres Lebens konfrontiert sehen“, so Petrovics.

Wir fokussieren hier den Primärversorgungsbereich. Das ist der Bereich, mit dem sich 99,5 Prozent der Patienten im Lauf ihres Lebens konfrontiert sehen.

Tamás Petrovics, Gründer und CEO Xund

Nachvollziehbare Entscheidungen

Petrovics bezeichnet die KI als quantitatives Bein der Datenbank. Das qualitative Bein werde von einem Ärzteteam gebildet, das diese Informationen noch einmal überprüft. So wolle man eine sehr stabile und hochwertige medizinische Datenbank gewährleisten. KI-Anwendungen bilden oft eine Blackbox. Bei Xund sei das nicht der Fall. Petrovics: „Wir haben gezielt Algorithmen verwendet, die nachvollziehbar sind. Das ist in der Medizin sehr wichtig ist.“

Last but not least habe man auch darauf geachtet, dass die Symptomatik der Patienten verschiedenen Einflussfaktoren unterlegen sein kann. So fällt etwa die Häufigkeit von Krankheitsbildern bei Geschlechtern und verschiedenen Ethnien unterschiedlich aus. In den Empfehlungen werden darüberhinaus auch Faktoren wie Alter oder Lebensgewohnheiten einbezogen.

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie verfolgt neue Trends in Gesellschaft, Design, Technologie und Wirtschaft findet es spannend, interdisziplinäre Tendenzen zwischen den verschiedenen Bereichen zu beobachten. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.