Ärzte haben zu wenig Zeit für ihre Patienten – und die Kommunikation zwischen Arzt und Patient ist aufgrund der Wissenskluft zwischen Laie und Experte problematisch. Jetzt entwickelt ein Startup eine App zur Ermächtigung von Patienten. Diese soll Gesundheitsdaten verwalten, Diagnosen verständlich machen – und  personalisierte Empfehlungen für eine gesunde Lebensführung geben.

Das Gesundheitssystem ist defizitär und überlastet. Krankheiten werden über Symptomlinderung und –unterdrückung behandelt. Die Hauptursachen für die Entstehung von Krankheiten, wie die Lebensführung und der Mangel an Gesundheitsvorsorge bzw. –förderung, werden nicht berücksichtigt. Wer jahrelang falsch isst und sich kaum bewegt, hat ein höheres Risiko, an Zivilisationserkrankungen wie Diabetes oder Übergewicht zu erkranken, das belegen zahlreiche Studien. Vierhundertzwanzig Millionen Menschen weltweit sind an Diabetes erkrankt. Es gibt kaum Länder, in denen die Adipositas Rate noch unter zwanzig Prozent liegt.

Sieben Minuten pro Patient

Das größte Problem im Gesundheitssystem ist die mangelnde Kommunikation zwischen Arzt und Patient, sagt Professor Dr. Matthias Bolz, Vorstand der Abteilung für Augenheilkunde an der Kepler Universitätsklinik Linz. Ärzte können ihren Patienten durchschnittlich sieben Minuten widmen. Für eine erfolgreiche Therapie ist jedoch ein ganzheitliches Bild vom Patienten erforderlich.

Seine Theorie wird auch von den Studienergebnissen von WIdO, dem wissenschaftlichen Institut der AOK gestützt: Mehr als fünfundzwanzig Prozent der Patienten können mit ärztlichen Empfehlungen wenig anfangen. Weitere Untersuchungen zeigen, dass sich nur ein Drittel der Patienten ausreichend informiert fühlt. Nur etwa fünfzig Prozent der ärztlichen Informationen zu Diagnose und Therapie werden richtig verstanden – wovon die Hälfte nach dreißig Minuten vergessen ist. (Quellen: Ärzteblatt.de, Refubium – Repositorium der Freien Universität Berlin)

Effizientere Versorgungskette

Bolz ist Co-Gründer des Startup BlockHealth, wo er als medizinischer Berater gemeinsam mit Fabian Aschauer (CEO), Dipl. Ing. Dr. Michael Ring (CRO) und der Netural GmbH an einer App arbeitet. Diese soll die Prozessabläufe entlang der Versorgungskette effizienter gestalten. Im Fokus steht die Zusammenarbeit von verschiedenen Institutionen im Gesundheitswesen und der Arzt-/Patienten-Kontakt.

Die App basiert auf Big Data und künstlicher Intelligenz. Inhalte sind medizinische Dokumente und Gesundheitsdaten, Medikation, Allergie- und Impfpass, Notfalldaten, Expertenverzeichnis und individuelle Prävention. Spezifische Funktionen unterstützen den Patienten in der Handhabung. Die Daten sind mittels Blockchain-Technologie vor unerlaubtem Zugriff und Änderungen geschützt. Der Nutzer allein entscheidet, wer welche Unterlagen sehen darf.

 

Team BlockHealth: Vorne Mitte: Fabian Aschauer, hinten Mitte: Dr. Matthias Bolz, hinten links: Dipl. Ing. Dr. Michael Ring (c) BlockHealth

Das Procedere

Der Patient findet über ein Ärzteverzeichnis entsprechende Experten in seiner Nähe und hat schon vor dem Erstkontakt die Möglichkeit, eine Pre-Anamnese durchzuführen. Das ist ein fachspezifischer Fragebogen zu Informationen wie zum Beispiel Symptome. Aschauer: „Gerade beim Erstgespräch sind Patienten oft überfordert, haben wichtige Informationen nicht bei der Hand oder wissen nicht, was genau der Arzt benötigt. Die Pre-Anamnese ermöglicht beiden Seiten vorbereitet in das Erstgespräch zu gehen.“

Vor oder während dem Arztgespräch kann der Patient dann gezielt Informationen an den Arzt freigeben – unterstützt von einer KI-gesteuerten Schnittstelle, welche die relevanten Daten filtert. Am Ende des Gesprächs hat der Arzt die Möglichkeit, Medikation und Handlungsempfehlungen freizuschalten. Diese sind gerade bei lebensführungsbedingten chronischen Volkskrankheiten wie Diabetes Typ 2 entscheidend für den langfristigen Erhalt der Lebensqualität.

„Diagnosen werden in eine nachvollziehbare, einfach verständliche Sprache übersetzt. Patienten werden bei der Umsetzung von Handlungsempfehlungen wie der Einnahme von Medikamenten oder der Veränderung von Lebensführung unterstützt. Dies wird durch Informationen, Erinnerungsfunktion und Umsetzungshilfen wie zum Beispiel für eine Diät ermöglicht.“ Fabian Aschauer, Gründer BlockHealth

Über eine Tagebuch-Funktion kann der Patient Symptome, subjektives Befinden, Wunden, etc. dokumentieren. Optional erhält er Erinnerungen zur Medikamenten-Einnahme, zu Vorsorge-Untersuchungen sowie zu Impfungen.

Ganzheitliches Bild

Dem Arzt steht für die elektronische Interaktion mit dem Patienten eine WebApp zur Verfügung. Die Daten werden visuell aufbereitet und vermitteln rasch ein ganzheitliches Bild vom Patienten. Außerdem wird der Arzt auf Wechselwirkungen innerhalb der Medikation sowie auf mögliche Differential-Diagnosen aufmerksam gemacht. Differential-Diagnosen bezeichnen Erkrankungen mit ähnlicher oder nahezu identischer Symptomatik, die als mögliche Ursachen für Beschwerden in Betracht zu ziehen sind.

Die Markteinführung soll 2019 in Österreich und Deutschland erfolgen. Zielgruppe sind Gesundheitsbewusste, Patienten und alle Mediziner. Zunächst will sich das Startup aber auf niedergelassene Privatmediziner konzentrieren.

Optimierte Kommunikation

BlockHealth erscheint drei Jahre nach Elga, der elektronischen Gesundheitsakte, die bei der österreichischen Ärztekammer auf heftige Ablehnung stieß. Kritisiert wird vor allem die Technologie, die keine Filtermöglichkeiten und keine automatisierte Extraktion bietet. Die Ärzte sind mit der gesamten Gesundheitshistorie des Patienten konfrontiert. Die Durchsicht aller Befunde ist verpflichtend – und das ist in der Praxis nicht umsetzbar, erklärt Aschauer. BlockHealth erleichtert und optimiert die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Das Startup strebt eine Kooperation mit der Ärztekammer an.

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