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Die Welt ist fest im Würgegriff des neuartigen Virus SARS-CoV-2, kurz Corona. Und die Angst davor bringt in vielen Menschen die dunkelste Seite zum Vorschein. Von wegen „Solidarität“. Hamsterkäufe sorgen für leere Regale in Supermärkten und Drogeriemärkten. Es gibt Faustkämpfe um ein paar Rollen Toilettenpapier. Jeder scheint sich selbst der Nächste zu sein, ohne Rücksicht auf seine Mitmenschen.

Und die sozialen Kontakte leiden. Man hält Abstand. Mindestens eineinhalb Meter. Die Menschen igeln sich immer mehr ein. Die Kontakte zu Familien und Freunden beschränken sich noch mehr als bisher auf Internet, WhatsApp und vielleicht mal ein Telefonat. Nur so haben wir eine Chance, die Ausbreitung des Virus einzudämmen oder zumindest zu verlangsamen, sagen Virologen. Keine einfache Situation für die Psyche. Immerhin ist der Mensch ein Herdentier.

Aber nicht alle Auswirkungen der Corona-Krise sind negativ. Für unsere Umwelt ist das Coronavirus schon beinahe ein Wellness-Programm. So paradox das auch klingen mag.

Home Office

Als ein 33 Jahre alter Mann aus dem bayerischen Landkreis Landsberg Ende Januar als erster deutscher Corona-Patient in ein Krankenhaus in Isolation kam, schickte sein Arbeitgeber WEBASTO sofort alle Mitarbeiter nach Hause und schloss den gesamten Firmensitz für zwei Wochen. Seitdem folgten auch andere Unternehmen diesem Beispiel und verordneten ihren Leuten Home Office.

Ein Beispiel ist BMW. Nachdem ein Mitarbeiter des Forschungs- und Entwicklungszentrums (FIZ) in München positiv auf das Coronavirus getestet worden war, schickte der Autobauer seine rund 150 Kollegen für zwei Wochen ins Home Office in Quarantäne. Twitter CEO Jack Dorsey hat alle seine Mitarbeiter weltweit angewiesen, „wenn möglich“ von Zuhause aus zu arbeiten. Auch Unternehmen wie Amazon, Google, Facebook, Microsoft, oder Nintendo lassen ihre Angestellten aus den Büros im US-Bundesstaat Washington vom Home Office aus arbeiten. In Italien findet derzeit sogar die Schule digital statt, wie auch teilweise in Deutschland.

Obwohl laut einer Umfrage des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) beinahe 75 Prozent der Angestellten – insbesondere zum jetzigen Zeitpunkt – gerne im Home Office arbeiten würden, galt das in vielen Firmen bisher als „unmöglich“. Aktuell zeigt sich jedoch deutlich, dass es offenbar doch geht. Zumindest für viele Arbeiten, die an Büroschreibtischen erledigt werden.

Zuhause arbeiten, schafft viele Möglichkeiten

Stellen Sie sich also mal vor, wenn alle Menschen oder ein Großteil von ihnen, ihre Jobs anstatt im Büro am heimischen Schreibtisch erledigen dürften. Wie viele weniger würden täglich morgens und abends stundenlang im Stau stehen? Und wie viele könnten so ihre Nerven und Gesundheit schonen? Wie viele würden nicht krank geschrieben werden müssen und in der Arbeit ausfallen? Und, last but not least, wie viel weniger Abgase würden in die Luft geblasen, weil viel weniger Autos auf den Straßen sind?

Vergleich der Luftverschmutzung in der chinesischen Region Wuhan vor und nach dem Ausbruch von Corona
© NASA

Satellitenbilder der NASA von der chinesischen Region Wuhan von Januar/Februar 2019 und dem gleichen Zeitraum 2020 zeigen diese Auswirkungen deutlich. Als Fabriken Anfang 2020 wegen Corona stillstanden und die Menschen in Quarantäne geschickt wurden, besserte sich die Luftqualität schlagartig.

Und könnte man nicht das Wohnungsproblem auf diese Weise dauerhaft lösen? Wenn weniger Menschen gezwungen wären, in Städten zu arbeiten, würden vielleicht auch die Mieten sinken. Man bräuchte weniger Bürogebäude und könnte den Platz für Wohnungen nutzen. Warum sollte das Prinzip Home Office in Zeiten der Digitalisierung nicht auch ohne Corona funktionieren? Weltweit.

Produktion in Europa

„Europa hat sich von Asien in den letzten Jahren viel zu abhängig gemacht. Wir müssen die Produktion wieder mehr nach Europa verlegen.“ Das fordern Ärzte und Politiker schon seit einiger Zeit, nachdem es immer mehr Lieferengpässe in Apotheken gibt. Lebenswichtige Medikamente wie Blutdrucksenker, Antibiotika oder Krebsmedikamente sind nicht lieferbar. Die Patienten müssen sich mit Ersatz behelfen, der vielleicht weniger oder gar nicht wirksam ist.

Die Verlegung der Produktion von Medikamenten nach China und Indien aus Kostengründen zeigte bereits vor der Corona-Krise negative Auswirkungen. Apotheker klagten schon Mitte vergangenen Jahres über Probleme, bestimmte Arzneien zu bekommen. Die wahre Auswirkung des umfassenden Produktionsstopps in China durch Corona wird die westliche Welt in den kommenden Wochen noch deutlich zu spüren bekommen. Wenn der Nachschub eventuell komplett ausbleibt.

Eine Rückverlegung der Produktion nach Europa könnte für das Gesundheitswesen und die Patienten auf diesem Kontinent durchaus lebenswichtig werden. Aber nicht nur das. Die Waren aus Asien werden mit zahllosen Containerschiffen über Wochen um den halben Erdball geschickt. Diese Schiffe verschmutzen die Luft und die Meere und hinterlassen eine Spur von Umweltschäden. Eine Rückverlegung von Produktionsstätten – nicht nur von Medikamenten – würde also einen entscheidenden Beitrag zum Umweltschutz liefern.

Kreuzfahrten, Flüge und Urlaube

Nicht nur Containerschiffe hinterlassen aber ihren CO2-Abduck in der Luft und ihre Spuren in den Weltmeeren. Die in den letzten Jahren immer beliebter gewordenen Kreuzfahrtschiffe sind Umweltschützern schon lange ein Dorn im Auge. Ein Kreuzfahrtschiff stößt laut einer Statistik pro Tag im Schnitt so viel Schwefeldioxid aus wie 376.030.220 Autos;  Stickoxide wie 421.153 Autos; Feinstaub wie 1.052.885 Autos; Kohlendioxid wie 83.678 Autos.

© Pixabay

Aufgrund von Corona und zahlreichen Infektionen, die kürzlich auf Schiffen auftraten, haben mittlerweile einige Kreuzfahrt-Unternehmen wie Aida, MSC und Royal Caribbean ihren Betrieb teilweise komplett eingestellt. Nachdem aktuell immer mehr Menschen ihre Reisen stornieren oder erst gar keine buchen, ist abzusehen, dass diese Unternehmen bald ähnlich reagieren werden wie Fluggesellschaften.

Immer mehr Länder verhängen Einreiseverbote. Die Lufthansa hat bereits rund 50 Prozent ihrer Verbindungen eingestellt. Auch andere Gesellschaften wie British Airways, Ryan Air, Delta oder American Airlines haben ihre Flugpläne ausgedünnt. So unangenehm das auch für die Unternehmen und die potentiellen Urlauber und Fluggäste ist. So gut ist es für die Umwelt.

Die Urlaubssaison wird in diesem Jahr aber nicht nur bezüglich langer oder kürzerer Flüge oder Kreuzfahrten anders aussehen. Die Anzahl an Fahrten mit dem Auto ist aktuell bereits zurückgegangen. Wenn die Prognosen der Virologen zutreffen und Corona auch im Sommer noch immer eine Gefahr darstellen wird, werden nicht nur die Einreiseverbote verlängert werden. Viele Menschen werden freiwillig zuhause bleiben, die eigentlich mit dem Auto Hunderte oder Tausende Kilometer gefahren wären und jede Menge Abgase produziert hätten.

Durch Corona hat der Planet Erde aktuell zumindest eine kleine Atempause.

Wildtiere

In den Jahren 2002/2003 ging schon mal Coronavirus von China aus um die Welt. Damals wurden rund 8.000 Menschen infiziert, mehr als 800 starben. Dieses Virus fand seinen Anfang – ebenso wie das aktuelle Coronavirus – nach offiziellen Angaben in einem Wildtiermarkt. SARS führte dazu, dass Wildtiermärkte verboten wurden. Dieses Verbot war allerdings schnell wieder vergessen, nachdem SARS kein Thema mehr war.

© U.S. Fish and Wildlife Service Headquarters

Nun hat China den Handel mit Wildtieren auf Märkten erneut verboten. Außerdem dürfen sie weder gezüchtet noch verzehrt werden und auch der Handel mit Produkten von Wildtieren wie Pelzen ist ab sofort untersagt. Inwieweit diese neuen Gesetze wirklich Erfolg haben und nicht nur den Schwarzmarkt blühen lassen, bleibt abzuwarten. Zumindest könnten sie aber dazu beitragen, dass Arten wie das vom Aussterben bedrohte Schuppentier sich wieder erholen.

Fazit

Das Coronavirus hat für den Menschen katastrophale Auswirkungen. Keine Frage. Für die Welt bringt es – gezwungenermaßen – aber genau das, was Umweltaktivisten und die Fridays-For-Future-Demonstranten seit Monaten fordern: Einen rücksichtsvollen Umgang mit der Ressource Natur und dem Planeten Erde.

Dadurch, dass das öffentliche Leben zum großen Teil stillsteht, haben wir das erreicht. Leider zu einem sehr hohen Preis. Tausende Menschen mussten dafür bereits ihr Leben lassen. Schwarze Tage in der Finanzwelt und eine Weltwirtschaft, die kurz vor dem Kollaps steht. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Möglicherwerweise ist diese größte globale Krise der jüngeren Geschichte aber auch die größte Chance für die Menschheit seit langem. Eine Krise, aus der wir gestärkt hervorgehen könnten … Wenn wir auch nach Corona vieles anders und besser machen und die Message, die die Natur gerade aussendet, verstehen.

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Über den Autor

Author profile picture Petra Wiesmayer ist seit mehr als 25 Jahren als Journalistin und Autorin tätig. Sie hat bis heute hunderte Interviews mit Prominenten aus Entertainment, Sport und Politik geführt und zahllose Artikel über Entertainment und Motorsport für internationale Medien recherchiert und verfasst. Als großer Science-Fiction-Fan ist sie fasziniert von Technologien, die die Zukunft der Menschheit mitbestimmen könnten und liest und schreibt gerne darüber.