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Die Zukunft der Individualmobilität liegt im Elektroantrieb. Das dürfte inzwischen unstrittig sein. Kein Antrieb geht so effizient mit der vorhandenen Energie um. Und kein Antrieb emittiert lokal so wenig Schadstoffe und Treibhausgase in die Luft.

Das haben Early Adopter in vielen europäischen Staaten bestens erkannt und zusammen mit staatlichen Subventionen beschleunigte sich die Transformation in den letzten beiden Jahren vor allem in Deutschland, den Niederlanden und Norwegen. 

Unterschiedliche Subventionsmechanismen

Dabei gehen viele Staaten unterschiedlich vor. Je nach kultureller Präferenz mit unterschiedlichem Ausgang. In Norwegen beispielsweise löste man die Chose recht einfach und relativ unbürokratisch: bis September 2021 mussten Umsteiger schlicht keine Umsatzsteuer auf Stromer bezahlen. Das bedeutete immerhin eine Einsparung von 25 Prozent auf den Kaufpreis. Zudem entfiel die Luxussteuer für Fahrzeuge der Oberklasse. Die konnte bis zu 45 Prozent betragen.

Deutschland liebt die Bürokratie

Was wäre Deutschland ohne ausufernde Bürokratie und schlecht gemachte Politik? Manche antworten darauf: „ein bestens funktionierender Staat“. Man muss das verstehen. In der deutschen DNA ist das „Rechthaber-Gen“ tief verwurzelt. Und die Bürokratie und die Politik haben immer recht. 

Atomausstieg und Energiewende

Das zeigt sich besonders augenfällig bei der Energiepolitik. Durch den Atomausstieg und die ökologische Wende ist die Energieversorgung in Deutschland besonders anfällig geworden. Zum einen stößt man eine Menge mehr CO2 pro kWh derzeit aus (es sei denn, ein Sturmtief kompensiert) als noch vor der Abschaltung der AKWs. Zum anderen wurde die Abhängigkeit von russischem Gas erhöht. Vor allem das fällt den Verantwortlichen nun wegen der Ukraine-Krise auf die Füße. Die Strom- und Gaspreise in Deutschland sind mithin die höchsten in Europa und durch das vorläufige Aus für Nord Stream 2 werden die in den nächsten Monaten noch mehr steigen.

Ein typisches Beispiel für gut gemeint ist nicht gut gemacht

Da wurde, um Merkels geflügeltes Wort zu benutzen, einfach nicht „vom Ende her gedacht“. Das gilt übrigens auch für den Umweltbonus für Elektrofahrzeuge. Dass der eigentlich zu hoch ist, wenn man sich ein PHEV zulegt, Schwamm drüber. PHEVs, das weiß man inzwischen, werden überwiegend nur aus finanziellen Erwägungen als Firmenwagen gekauft, denn der Spritverbrauch bei Normalbetrieb steigt an wegen des höheren Gewichts. Niedriger ist dafür die Versteuerung des Privatanteils. Und so sind die beliebtesten PHEVs mit hohem Umweltbonus natürlich SUVs und Crossover. Den Sprit zahlt ohnehin das Unternehmen.

Schlampig gemachte Gesetze

Nun ist ein weiteres Problem aufgetaucht: das Geschäft mit dem Umweltbonus und BEVs. Der kann bis zu 6.000 Euro betragen, je nach Anschaffungspreis des Elektrofahrzeugs. Alle Tesla Model 3-Varianten haben beispielsweise Anspruch auf den vollen Bonus. Nun muss der Käufer eines Elektrofahrzeugs dieses nur maximal 6 Monate halten. Bereits nach 6 Monaten und einem Tag kann er den Wagen veräußern und den Umweltbonus behalten. Zusammen mit dem Herstellerbonus sind das mehr als 9000 Euro, wenn man die Mehrwertsteuer noch mit ‚reinrechnet.

Teslas, aber auch andere Stromer sind noch rar und haben monatelange Lieferzeiten. Die Kalifornier könnten mehr Fahrzeuge verkaufen, als derzeit zur Verfügung stehen. Vor allem andere europäische Staaten wie Dänemark, die Niederlande und auch Norwegen könnten weit mehr Elektroautos abnehmen. 

Halbleiterkrise

Auch durch die Halbleiterkrise sind die Kontingente derzeit begrenzt. Das Geschäft mit gesuchten Gebrauchtwagen boomt deshalb besonders. 

Das Resultat: in den ersten  neun Monaten des Jahres 2021 wurden nach Berechnungen des CAM (Center of Automotive Management) zwar 236.695 BEVs zugelassen, der Elektrofahrzeugbestand erhöhte sich aber nur um 207.435 Einheiten. Das bedeutet, dass fast 30.000 Fahrzeuge , bzw. 12,4 Prozent der neu zugelassenen Pkw schnell und vornehmlich ins Ausland weiterveräußert wurden.

Der Verdacht liegt nahe, dass hier Förderprämien eingestrichen wurden und die Fahrzeuge nach Mindesthaltedauer weiterveräußert wurden. Das CAM schätzt, dass allein im Jahr 2021 rund 240 Mio. Euro an staatlichen Fördergeldern nicht „zweckgemäß“ verwendet wurden.

Wer hat da Schuld?

Von einem Subventionsbetrug kann man nur schwerlich sprechen. Denn tatsächlich ist hier alles legal, wenn auch recht unsozial den Steuerzahlern gegenüber. Es ist aber ein gutes Beispiel für die schlampige Gesetzgebung in Deutschland, die einfach die Dinge nicht „vom Ende her denkt“.  Und: es ist ein weiteres Waterloo für eine überbordene heimische und EU-Bürokratie, die inzwischen die meisten Deutschen nur noch nervt. 

Denn merke: mehr Bürokraten = mehr Bürokratie = noch mehr Bürokraten (usw.).

Zu dieser Rubrik:

In einer wöchentlichen Kolumne, abwechselnd geschrieben von Bert Overlack, Eveline van Zeeland, Eugène Franken, Helen Kardan, Katleen Gabriels, Carina Weijma, Bernd Maier-Leppla und Colinda de Beer versucht Innovation Origins herauszufinden, wie die Zukunft aussehen wird. Diese Kolumnisten, manchmal ergänzt durch Gastblogger, arbeiten alle auf ihre Weise an Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Die andere Kolumne von Bern Maier-Leppla lesen Sie hier.

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