De gashub in Lubmin. Foto Maurits Kuypers
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In Deutschland kann man in diesem Sommer für 9 Euro im Monat mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren. Innovation Origins nutzt die Gelegenheit, um eine Reihe von Zukunftsprojekten zu besuchen. In dieser Folge reisen wir nach Lubmin und Peenemünde.

„Ein Zukunftsprojekt.“ Das klingt nach einer guten Sache, muss es aber nicht sein. Im nordöstlichsten Zipfel Deutschlands gibt es zwei solcher Projekte mit sehr schlechtem Ruf, die noch lange in den Geschichtsbüchern stehen werden.

Bei einem Projekt spielt ein gewisser Wernher von Braun eine Hauptrolle. Im zweiten Fall saßen Gerhard Schröder, Angela Merkel und Wladimir Putin am Ruder. Es ist die Aufgabe des derzeitigen Wirtschaftsministers Robert Habeck zu retten, was bei dem letztgenannten Projekt – Nord Stream – noch zu retten ist.

Für unsere Reise zu Nord Stream nehmen wir den Regionalzug nach Stralsund, einer relativ großen Stadt im Norden, die den Zugang zur Insel Rügen bildet. Rügen war eine große Inspiration für einen der berühmtesten deutschen Maler war: Caspar David Friedrich.

Wir fahren jedoch nicht so weit. In Greifswald, einer mittelgroßen Universitätsstadt und Friedrichs Geburtsort, steigen wir vom Rad und fahren weiter mit dem Zug Richtung Lubmin. Die Entfernung beträgt etwas mehr als 20 Kilometer in nordöstlicher Richtung, meist entlang der Küste.

Süß und seicht

Lubmin ist ein schönes Ostseebad mit etwa 2000 Einwohnern und mindestens ebenso vielen Touristen. Es ist bemerkenswert, dass das Meerwasser fast süß ist. Das liegt daran, dass hier ein paar kleinere Flüsse ins Meer münden, es recht flach ist und die Ostsee auf jeden Fall süßer ist als beispielsweise die Nordsee. Es ist daher für Kinder angenehm und sicher zu baden.

Aber es gibt noch etwas, das Lubmin zu etwas ganz Besonderem macht. In der Stadt selbst merkt man davon wenig, aber ein paar Kilometer weiter östlich entlang der Küste – wo es einen großen Jachthafen gibt – beginnt ein gigantischer Energiekomplex.

Jachthafen von Lubmin
Der Jachthafen von Lubmin. Foto Maurits Kuypers

Von hier aus gelangt ein Großteil des russischen Gases über Nord Stream 1 nach Deutschland. Es handelt sich um ein mehrere Kilometer langes Gelände mit den typischen oberirdischen Gasleitungen, aber auch mit vielen Bürogebäuden und einem Kraftwerk. Und alles ist in tadellosem Zustand, mit neuen Straßen und Zäunen. Es gibt sogar eine Eisenbahnlinie.

Es ist klar, dass hier viel investiert worden ist. Teilweise völlig nutzlos, denn wie die meisten Menschen wissen, wird Nord Stream 2 (es gibt zwei Gasleitungen in der Ostsee) wahrscheinlich nie in Betrieb genommen werden. Schuld daran ist der schreckliche Angriff Russlands auf die Ukraine. Durch die Nord-Stream-1-Pipeline, die seit einem Jahrzehnt in Betrieb ist, ist das Gas in den letzten Monaten jedoch weiter geströmt, wenn auch in geringerem Umfang.

Wartung

Aufgrund von „technischen Problemen“ wurde die Kapazität auf 40 Prozent reduziert. Die große Sorge in Deutschland ist, dass diese in diesem Monat weiter auf 0 Prozent gesenkt werden könnte.

Am vergangenen Montag, dem 11. Juli, begann eine größere Wartung an Nord Stream 1. Kleine Roboter untersuchten das 1224 Kilometer lange und mehr als einen Meter dicke Rohr, um sicherzustellen, dass es keine Schäden aufweist. Normalerweise dauert dies 10 Tage, es kann aber auch zwei Wochen dauern.

Minister Habeck befürchtet, dass die Russen diese „Wartung“ nutzen werden, um den Hahn komplett zuzudrehen, anstatt ihn noch ein wenig weiter zu öffnen.

Die Gaszentrale in Lubmin
Die Gaszentrale in Lubmin. Foto Maurits Kuypers

Dies wird vermutlich nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU zu Engpässen führen. Wahrscheinlich wird in Deutschland die höchste Warnstufe ausgerufen. Die Regierung in Berlin führt bereits intensive Gespräche mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern darüber, welche Branchen zuerst vom Gas getrennt werden sollen. Die endgültige Steuerung liegt in den Händen der Bundesnetzagentur.

In der Zwischenzeit werden die Bevölkerung und die Unternehmen auf einen harten Winter mit großen wirtschaftlichen Schäden vorbereitet. Wie groß genau, ist schwer zu sagen. Wenn große Industrieunternehmen wie BASF, Bayer und Thyssen Krupp weniger Gas verbrauchen dürfen, ist das ein Ärgernis für sie, aber auch für alle Unternehmen, die auf ihre Waren warten.

Einige Ökonomen befürchten, dass sich die bereits bestehenden Probleme mit den Lieferketten dann noch weiter verschärfen und die Inflation noch weiter in die Höhe treiben werden. Hunderttausende von Arbeitsplätzen stünden auf dem Spiel. Die Wirtschaft könnte um mehr als 10 Prozent schrumpfen, was deutlich mehr wäre als während der Finanzkrise und der Corona-Krise. Andere versuchen, die Gemüter zu beruhigen und warnen vor Untergangsstimmung.

Kein Wunder, dass das in Lubmin „Stadtgespräch“ ist. In einer kleinen Bar am Strand fragt sich ein Kölner Ehepaar, warum die Niederländer nicht mehr Gas geben. „Schließlich haben wir auch in der Corona-Zeit mit Krankenhausbetten geholfen.“ Bald werden auch andere in das Gespräch einbezogen. Jemand erklärt, dass es an den Erdbeben in Groningen liegt. Die allgemeine Schlussfolgerung ist, dass Nord Stream eine der dümmsten Entscheidungen der Merkel-Regierungen war, die zu einer großen Abhängigkeit von Russland geführt hat.

LNG-Terminal

Die Sorgen sind groß, aber die Verlockungen des Strandes machen vieles wieder wett. Und was ist mit dem Gaswerk in Lubmin? Dazu gibt es Pläne. In Lubmin setzt man auf Flüssigerdgas (LNG).

In Deutschland sind die Pläne für ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven am weitesten fortgeschritten. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Dieses Terminal soll bis Ende dieses Jahres mit einer maximalen Kapazität von 7,5 Milliarden Kubikmetern (m3) fertiggestellt werden und damit 8,5 Prozent des deutschen Bedarfs decken.

Die Gaszentrale in Lubmin
Die Gaszentrale in Lubmin. Foto Maurits Kuypers

Eigentümer dieses Terminals ist übrigens Uniper, das Unternehmen, das vor vierzehn Tagen wegen seiner hohen Abhängigkeit von russischem Gas staatliche Beihilfen beantragt hat.

Ein zweites LNG-Terminal wird in Brunsbüttel (bei Hamburg) an der Elbmündung und am Beginn des Kieler Kanals gebaut. Die Nederlandse Gasunie ist an diesem Terminal beteiligt. Auch sie soll im Prinzip bis Ende dieses Jahres fertig sein, mit einer Kapazität von 4 Milliarden m3.

Ob es einen dritten Terminal in Lubmin geben wird, ist noch nicht ganz sicher. Laut deutschen Medien arbeitet das Unternehmen Regas in Zusammenarbeit mit Gascade, das Onshore-Gasanlagen verwaltet, an einem 4,5 m3 großen LNG-Terminal. Auf diese Weise könnte noch etwas mit all den Investitionen in und um die Nord-Stream-Pipelines gemacht werden.

Usedom

Nach den gigantischen Gaswerken und dem Kraftwerk wäre es eine Schande, nicht noch ein Stück weiter an der Küste entlang in Richtung Polen durch eine der schönsten und touristischsten Gegenden Deutschlands zu radeln.

Das gilt besonders für die langgestreckte Insel Usedom mit mondänen Seebädern wie Zinnowitz und Heringsdorf. Die Insel führt weiter nach Polen und erreicht die Stadt Świnoujście, wo die Polen ihren großen LNG-Hafen (das Lech-Kaczynski-Terminal) haben.

Fähre im Hafen von Peenemünde
Überfahrt mit der Fähre nach Peenemünde. Foto Maurits Kuypers

Aber mein Ziel ist Peenemünde, ganz am Anfang an der nordwestlichsten Spitze Usedoms.

Einst stand hier das wohl umstrittenste und fortschrittlichste High-Tech-Zentrum in Deutschland. Heute ist davon nichts mehr übrig, weil es die Russen nach dem Zweiten Weltkrieg geplündert und dem Erdboden gleichgemacht haben. Verständlich, denn in Peenemünde wurden ab 1936 die furchtbarsten Waffen der Nazis entwickelt, wie die berüchtigten V2-Raketen.

Wernher von Braun
Wernher von Braun im Marshal Space Flight Center im Jahr 1964. Foto Wikipedia

Kriegsverbrecher oder Raumfahrtpionier?

Eine andere dort entwickelte Rakete, die A4, ist als die erste Rakete bekannt, die eine Höhe von 84,5 Kilometern im Weltraum erreichte. Die A4 war somit der Ursprung der modernen Luft- und Raumfahrt sowie aller Langstreckenwaffen.

Peenemünde war perfekt gelegen, mit viel Platz für Übungen über der Ostsee. Die Gebäude und Gleise wurden größtenteils von Zwangsarbeitern aus Konzentrationslagern errichtet. Die Bauteile kamen aus ganz Deutschland.

Das Zentrum wurde von Walter Dornberger geleitet, aber die technische Leitung lag in den Händen des berühmten Ingenieurs Wernher von Braun. Beide schlossen sich nach dem Zweiten Weltkrieg den Amerikanern an (Operation Overcast), zusammen mit Dutzenden anderer Wissenschaftler, um den Amerikanern zu helfen, bessere Raketen als die Russen zu bauen.

Strandpromenade in Zinowitz
Die Strandpromendade von Zinnowitz. Foto Maurits Kuypers

So ist das in Kriegszeiten. Nichts ist heilig. In Peenemünde erinnert nur noch das Historisch-Technische Museum an diese dunkle Epoche der deutschen Geschichte. Es ist in dem einzigen Gebäude untergebracht, das die Russen nicht gesprengt haben, nämlich dem Kraftwerk.

Von Peenemünde aus geht es dann nach Hause. Noch einmal schwimmen, ein Glas Bowle und ein Hering in Zinnowitz, und dann, müde aber zufrieden, mit dem Zug über Züssow zurück nach Berlin.

Der Strand von Zinnowitz
Der Strand von Zinnowitz. Foto Maurits Kuypers

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