Foto IdeenExpo 2022
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In Deutschland kann man in diesem Sommer für 9 Euro pro Monat mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren. Innovation Origins nutzt die Gelegenheit, um eine Reihe von Zukunftsprojekten zu besuchen. In dieser Folge reisen wir zur IdeenExpo nach Hannover.

Im Nachhinein betrachtet ist es eine dumme Idee. Mit dem Nahverkehr von Berlin nach Hannover. Das kann nicht gut gehen. Und tatsächlich, gleich beim ersten Zug nach Rathenow geht es schief. „Signalausfall“, tönt es aus dem Lautsprecher. Die Folge ist eine dreiviertel Stunde Verspätung und ich verpasse den Anschluss nach Stendal. Es bleibt nichts anderes übrig, als anderthalb Stunden in der „Stadt der Optik“ zu verbringen.

„Jung und dynamisch“ heißt es auf der Website von Rathenow, das allgemein als Wiege der deutschen Brillenindustrie zu Beginn des 19. Jahrhunderts gilt. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, Rathenow ist heute eher trist und öde.

Das einzig Erbauliche an dem Zentrum sind die Bodenplatten vor dem Büro der Regionalregierung mit Zitaten über die Freiheit. Außerdem gibt es auf dem Markt eines der besten Fischbrötchen ever. Der Fischhändler sagt, dass der Teil der Stadt entlang der Havel am schönsten ist, aber dafür ist keine Zeit.

Eine der Platten vor dem Regionalbüro.
Eine der Platten vor dem Regionalbüro. Foto Maurits Kuypers

Hundertwasser

Der weitere Reise verlief mit zwei Umstiegen in Stendal und Uelzen einigermaßen reibungslos.

Uelzen ist besonders lustig wegen seines „Harry-Potter-trifft-Gaudi-ähnlichen“ Bahnhofs voller seltsamer Ornamente und Bahnsteige mit verrückten Nummern. Es wurde von dem österreichischen Künstler und Architekten Friedensreich Hundertwasser entworfen.

Nach mehr als sieben Stunden habe ich in Hannover endlich mein Ziel erreicht. Ich muss nur in die Straßenbahn umsteigen, um zum Messegelände zu gelangen und dann weiter zur IdeenExpo 2022.

Der Bahnhof von Uelzen
Der Bahnhof von Uelzen, Foto Hansestadt Uelzen

Die Hannover-Messe

Es ist nicht die berühmteste Messe in Hannover. Es ist die Hannover Messe, auf der internationale Industrieunternehmen für ihre neuesten Maschinen, Software und andere Geräte werben. Auch bei der IdeenExpo in der vergangenen Woche drehte sich alles um Technik. Die Zielgruppe ist jedoch eine andere. Die IdeenExpo richtet sich ausschließlich an junge Menschen zwischen 10 und 20 Jahren.

Es handelt sich um eine Messe, die es seit 2007 gibt, und die sich mit einem Problem befasst, das sich inzwischen auf ganz Europa ausgeweitet hat: dem Mangel an technisch qualifiziertem Personal.

Auf der Messe sehen wir alles Mögliche. Es gibt mbo’s, habo’s, Universitäten und Forschungsinstitute, die zeigen, was es alles zu lernen gibt. Der Großteil der Stände wird jedoch von Unternehmen besetzt, die versuchen, junge Menschen davon zu überzeugen, dass es das Coolste überhaupt ist, für sie zu arbeiten.

Von Hebebühnen bis zu Robotern

Auf der Messe können die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel ihre eigenen Münzen prägen, Fliesen schneiden, einen Mini-Dachgarten anlegen, lernen, wie selbstfahrende Autos funktionieren, mit Solarzellen experimentieren, mit einer Hebebühne fahren, eine 3D-Brille ausprobieren und an Dutzenden von Workshops teilnehmen. All dies wird von so genannten Azubis betreut, jungen Erwachsenen, die eine Weiterbildung mit der Arbeit in einem Unternehmen verbinden.

Es scheint zu funktionieren, denn auf der Messe gibt es überall glückliche Gesichter. Auffällig ist, dass es keine großen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt. Sie amüsieren sich alle, sind in gleicher Zahl anwesend und ebenso interessiert.

Genau das ist die Absicht der Organisatoren, denn auch in Deutschland gibt es immer noch zu wenige Mädchen, die naturwissenschaftliche Fächer wie Physik, Mathematik und Chemie wählen.

Vier Mädchen experimentieren auf der IdeenExpo
Foto IdeenExpo 2022

MINT-Schulen

Die IdeenExpo steht in engem Zusammenhang mit einer Initiative der deutschen Arbeitgeberverbände zur Schaffung sogenannter MINT-Schulen. Es handelt sich um Schulen mit den Schwerpunkten Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Die ersten Schulen wurden vor etwa 14 Jahren gegründet. Inzwischen sind 19 weiterführende Schulen mit dem höchsten Label „Wissensfabrik“ und über 2.000 „MINT-freundliche“ Schulen ausgezeichnet worden.

DLR

Ein Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zeigt sich zufrieden mit der IdeenExpo. „Uns fehlen die Mitarbeiter, und das wird in Zukunft noch schlimmer werden.“ Er findet es bedauerlich, dass die Expo in den letzten Jahren zu einem Schaufenster für Unternehmen geworden ist. Infolgedessen wurde die Wissenschaft in den Hintergrund gedrängt.

IdeenExpo 2022
Foto IdeenExpo 2022

Laut Volker Schmidt, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Expo, ist die Messe von großem Nutzen für die Gesellschaft. Zunächst einmal können die jungen Menschen entscheiden, ob sie lieber studieren oder mit den Händen arbeiten wollen. Schmidt: „Beides ist gleich wichtig. Ohne die MINT-Berufe können in Zukunft keine Smart Homes oder emissionsarme Heizungsanlagen gebaut werden.“

Mike Schneider von der Industrie- und Handelskammer Niedersachsen betont, dass auch in technischen Berufen gutes Geld zu verdienen ist. „Und die Arbeitsplatzsicherheit ist großartig.“

Zahlreiche offene Stellen

Laut Martin Leutz, Sprecher des Branchenverbandes Gesamtmetall, hat sich der Personalmangel in den letzten Jahren noch verschärft. „In der Metall- und Elektrobranche können rund 10 Prozent der Lehrstellen und Ausbildungsplätze nicht besetzt werden, und das schon seit Jahren nicht mehr.“ Seiner Meinung nach ist dies auch auf die demografische Entwicklung zurückzuführen. Im Jahr 2001 legten 688.000 Personen die Abschlussprüfungen ab, 2021 waren es nur noch 461.000. Das ist ein Rückgang von mehr als 30 Prozent.

IdeenExpo 2022
Foto IdeenExpo 2022

„Deshalb ist die IdeenExpo für uns so wichtig. Man sollte nicht unterschätzen, wie wichtig es ist, den Schülern in der Praxis zu zeigen, was hinter einer bestimmten Arbeit steckt. Das Tolle ist, dass nicht nur Personalverantwortliche hier sind, sondern auch Auszubildende, die den Besuchern auf Augenhöhe von ihren Erfahrungen erzählen können und warum sie so begeistert von ihrer Arbeit sind.“

Einer der Lieblingsstände von Leutz auf der Messe war der von Siemens, der ein Modell einer Containerverladeanlage zeigte. Die Azubis erzählten ihm, dass sie eine spezielle Software entwickelt haben, die das Schwanken der Container reduziert. Bei einer Präzisionsarbeit wie dem Beladen eines Schiffes ist das keine leichte Aufgabe. „Das gefällt mir. Es ist spannend und praxisrelevant zugleich.“

Forschungsschiff

Nicht nur die IdeenExpo setzt sich für die Bildung junger Menschen ein. So ist Gesamtmetall zum Beispiel mit einem Bus in Schulen unterwegs, um Praktika zu vermitteln.

IdeenExpo 2022
Foto IdeenExpo 2022

Sehr interessant ist auch ein Schiff, das in diesem Sommer durch Deutschland fährt und auf dem sich Wissenschaftler großer Forschungsinstitute wie dem Max-Planck, Fraunhofer und Leibniz befinden. Das Schiff ist natürlich nicht nur für Schulkinder gedacht, sondern auch für Erwachsene, die regelmäßig Vorträge über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse hören. Fraunhofer verfügt auch über ein eigenes, ständiges und öffentliches Wissenszentrum in Nürnberg. „Das offene Innovationslabor“ Josephs.

Neuer Rekord

Die Veranstaltung in Hannover wurde gestern feierlich beendet. Die Organisatoren waren mit den schätzungsweise 425.000 Besuchern zufrieden, die in der vergangenen Woche ein oder mehrmals kamen.

Auf dem Rückweg nach Hause nehme ich den Schnellzug. Geschätzte Fahrzeit etwas mehr als 2 Stunden. Wegen einer Umleitung über Braunschweig werden es 2 Stunden und 45 Minuten. Sicher ist, dass das deutsche Schienennetz ein paar Milliarden an zusätzlichen Investitionen gebrauchen könnte.

IdeenExpo 2022
Foto IdeenExpo 2022

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