Hand aufs Herz, lieber Leser: Wie gründlich sind Sie beim Händewaschen? Sind Sie mit 20-30 Sekunden dabei? Das entspricht übrigens der Länge zwei Mal „Happy Birthday“ zu singen… Und nutzen Sie ausreichend Seife? Reinigen Sie wirklich die komplette Hand? Werden Ihre Hände abschließend gut getrocknet? Von der tatsächlichen Desinfektion ganz zu schweigen. Ich gebe zu, ich dachte, ich wäre gründlich, doch ich fühle mich ertappt – zu leichtsinnig scheine ich Keime zu übertragen. Doch ich werde mich ändern.

Schlimmer jedoch ist die Keimübertragung in Krankenhäusern. Denn hier treffen diese auf sowieso schon geschwächte Personen und können verheerende Folgen auslösen. Wir sprachen mit Robert Hellmundt, der zusammen mit  Alexander Döpel das Start-up Heyfair gründete. Die jungen Unternehmer bringen ein Desinfektionsmittel auf den Markt, das während der Anwendung anzeigt, ob wirklich jede Partie eingerieben wurde. Und das Gute daran: Nach dem Trocknen verschwindet die Farbgebung wieder.

Wie kamen Sie auf die Idee zur Gründung von Heyfair?

Auf einer Messe erfuhren wir von unzureichenden Händedesinfektionen und den schwerwiegenden Konsequenzen für unsere Gesellschaft. Allein in Europa treten jedes Jahr 8,9 Millionen Krankenhausinfektionen auf, die enorme Kosten im Gesundheitssystem verursachen, vor allem aber mit großen Leid für die betroffenen Patienten verbunden sind.

Wir begriffen dabei schnell, dass die Hauptursache dafür leider menschliches Versagen ist. Hände werden in wichtigen Momenten zu oft unzureichend oder gar nicht desinfiziert. Deshalb überlegten wir, wie man den Menschen dabei helfen könnte die Hygienerichtlinien leichter einzuhalten. Unsere Lösung ist einfach, sichtbar zu machen, was sauber ist.

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Was macht das Produkt von Heyfair im Vergleich zu anderen Produkten besonders?

Wir haben ein Desinfektionsmittel entwickelt, das die Hände beim Auftragen intensiv einfärbt und wieder verschwindet, sobald das Produkt eingetrocknet ist. Bei der Anwendung sehe ich anhand der Einfärbung somit sofort, ob ich gerade wirksam desinfiziere: Auf allen nicht deutlich gefärbten Hautpartien ist das Desinfektionsmittel nicht wirksam, etwa weil zu wenig oder noch gar nichts aufgetragen wurde.

Die Einfärbung hilft mir also enorm bei der technischen Durchführung einer Händedesinfektion. Das Produkt hat jedoch auch eine mächtige psychologische Komponente: Auch Andere können sehen, ob und wie gut ich desinfiziert bin. Somit steigt die Motivation sich korrekt zu verhalten erheblich. Keimübertragungen geschehen dadurch viel seltener, sodass weniger Menschen mit potenziell gefährlichen Erregern infiziert werden.

Welche Hürden hatten Sie zu überwinden und wollten Sie da eventuell sogar aufgeben? 

Gerade der Anfang war sehr schwer. Wir sind auf fachfremdem Gebiet mit einer radikalen Idee gestartet und wussten weder ob sie wirklich gut noch technologisch realisierbar ist. Wir mussten somit unter hohem persönlichen Risiko sehr viel Zeit und Geld investieren, um die Umsetzung voranzubringen und das unter der permanenten Ungewissheit, ob unsere Mühen jemals Früchte tragen würden. Die Möglichkeit einfach aufzugeben, hatte ich allerdings nie wirklich in Betracht gezogen, da es trotz zahlreicher Rückschläge, Bedenkenträger und schlafloser Nächte doch immer vorwärts ging und ich bis heute neugierig bin, wohin die Reise uns bringen wird. Zudem sind wir ja inzwischen keineswegs mehr fachfremd und wissen, dass unsere Idee nicht nur gut, sondern auch umsetzbar ist.

Erzählen Sie unseren Lesern doch bitte, was Sie in Bezug auf die Gründung besonders stolz gemacht hat…

Es gab mehrere tolle Erlebnisse in unserem Unternehmen, auf die ich sehr gern zurückblicke. Der Moment, als wir den ersten Funktionsprototypen in unserem improvisierten Labor zum ersten Mal auf den Händen ausprobierten zum Beispiel. Nach drei Jahren harter Arbeit und vielen Fehlschlägen konnten wir endlich sehen, was zuvor nur in unserer Vorstellung existierte. Das war für mich ein sehr besonderes Erlebnis. Auch schön: Der Moment, wenn Pilotkunden, die zunächst lange skeptisch und unzufrieden waren, durch kontinuierliche Verbesserungen zunehmend Begeisterung für das Produkt zeigen und man irgendwann hört: „Jetzt ist es richtig gut! Kann ich’s behalten?“.

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Besonders stolz macht mich aber das Unternehmen selbst. Täglich werden wir besser und lernen mehr dazu. Was wir diese Woche können ist stets mehr als das, was wir letzte Woche konnten. So schaffen wir kontinuierlich die Voraussetzungen dafür, mit Heyfair noch mehr zu erreichen.

Worauf dürfen wir uns in den nächsten Jahren freuen, sprich: Was können wir in den kommenden Jahren von Ihnen erwarten?

Wir sind mit SteriCoach im April zunächst in den Schulungsmarkt eingestiegen und wollen da noch viel bewegen. Es ist schlicht nicht tragbar, dass so wenige Menschen wissen, wie man sich richtig die Hände desinfiziert. Mit unserem Produkt machen wir alle wichtigen Aspekte einer korrekten Händedesinfektion sichtbar und das Training kann beliebig oft wiederholt werden. Es gibt damit also keinen Grund mehr jemanden nach der Schulung zurück an die Arbeit zu lassen, ohne den Beweis zu haben, dass die Person eine korrekte Händedesinfektion beherrscht.

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Durch die Erfahrungen mit SteriCoach und durch die Unternehmensstrukturen, die wir zur Entwicklung, Produktion, Vermarktung und Inverkehrbringung des Produkts stetig weiterentwickeln, bereiten wir uns für den Markteintritt des richtigen Desinfektionsmittels für den Praxisalltag vor. Damit können Unternehmen mit hohen Hygieneanforderungen für kontinuierlich hohe Hygienestandards sorgen.

Wie ist Ihre Vision: Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in 5 Jahren?

Wir stehen für benutzerfreundliche Hygieneprodukte als ultimatives Werkzeug zur Infektionsprävention. Eine solide Basishygiene im professionellen Bereich ist ‒ Stand heute ‒ in unseren Augen noch immer viel zu kompliziert und fehleranfällig. Da möchten wir durch clever entwickelte Produkte, die den Anspruch haben stets intuitiv nachvollziehbar zu sein, Abhilfe schaffen. Mein Ziel für die nächsten fünf Jahre ist, unser temporär sichtbares Desinfektionsmittel in hygienesensiblen Bereichen als neuen Goldstandard zu etablieren.

Langfristig wollen wir benutzerfreundliche Desinfektionslösungen natürlich überall als Standard etablieren.

Wie bringen Sie Privatleben und Beruf unter einen Hut? 

Im Moment: gar nicht. Meine Arbeit geht leider zu oft auf die Kosten meiner Frau und meiner zwei Kinder. Von Freundschaften und dem erweiterten Familienkreis traue ich mich gar nicht erst zu reden. Hobbies sind gerade undenkbar. Ich experimentiere immer etwas herum, aber habe für mich noch keine Lösung gefunden, mit der ich langfristig zufrieden wäre. Das liegt auch daran, dass meine Aufgaben und Anforderungen sich kontinuierlich ändern und selbst das Delegieren von Aufgaben häufig unglaublich viel Zeit kostet. Oft heißt es also ganz einfach: durchatmen und improvisieren. In der Regel fügt sich aber alles, wenn man einfach weiter macht, sich Mühe gibt und hin und wieder um Verständnis bittet.

Wenn Sie an die Anfangsphase zurückdenken: Wie unterscheidet sich Ihr tatsächliches Leben als Gründer von Ihren ursprünglichen Vorstellungen?

Es war eigentlich nie mein Ziel, ein Unternehmen tatsächlich zu leiten, deshalb kann ich den Vergleich nicht wirklich anstellen. Was jedoch immer wieder ein Bruch mit meinen Erwartungen ist, sind die vielen winzig kleinen Probleme und Aufgaben, deren Bearbeitung in Summe so unglaublich viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Prozesse können sich so in unerträgliche Längen ziehen und wenn man nicht aufpasst, wird das halbe Unternehmen dadurch gelähmt und die Motivation des Teams zerstört.

Deshalb versuche ich immer, die Augen nach Anzeichen solcher seelenraubenden Prozesse offen zu halten und mein Team ebenso dazu zu motivieren. Gemeinsam findet sich dann auch meist eine Lösung, um schneller durch das Tal des Frusts zu gelangen oder es sogar geschickt zu umgehen.

Wenn Sie die Wahl hätten: Würden Sie nochmals ein Start-up gründen? Und wenn ja: Würden Sie so vorgehen und auch die gleiche Geschäftsform/den gleichen Ort wählen?

Definitiv. Ich hoffe auch sehr, dass die Heyfair nicht mein letztes Start-up sein wird.

Rückblickend hätte ich für den Anfang aber wohl ein leichteres Thema wählen sollen.

Dennoch bedauere ich wenig. Unser Vorgehen war meiner Ansicht nach richtig und auch Geschäftsform GmbH und Ort Jena in Thüringen passen mir auch heute noch sehr gut.

Welche Tipps haben Sie zum Abschluss für andere Gründer?

Als Start-up startet man mit stark limitierten Ressourcen, ohne definierte Abläufe, Kunden, Kontakte, Cashflow oder sogar mit geringer Branchenkenntnis. Vielleicht sogar mit all diesen Vorbedingungen. Die bereits am Markt etablierten Konkurrenten haben also einen gigantischen Vorsprung. Den kann man nur einholen, indem man sehr schnell ist und clevere Abkürzungen findet. Dazu brauchst du ein hervorragendes Team sowie tausende gute bis grandiose Ideen und eine Unternehmenskultur, in der diese selbstverständlich geäußert und diskutiert werden können. Wenn alles stimmt, springt der Funke über und die besten Ideen werden mit Feuer und Flamme umgesetzt. Dass das regelmäßig passiert, ist deine wichtigste Aufgabe als Gründer.

Schaufel’ dir und deinem Team die nötige Zeit dafür frei, indem du für effiziente Abläufe in deinem Unternehmen sorgst und sicherstellst, dass dein Team das auch tut.