Mobility Observation Box (c) AIT Center for Mobility Systems

Fußgänger sollten auf dem Schutzweg sicherer sein, als im Fließverkehr. Dennoch sind die Unfallzahlen alarmierend: Auf österreichischen Schutzwegen ereignen sich jährlich rund 700 Unfälle mit Personenschaden. Dabei erleiden durchschnittlich 200 Personen schwere Verletzungen und zwölf Personen kommen ums Leben. Betroffen sind meist ältere Menschen und Kinder.

Der Schutz der Fußgänger hängt ganz wesentlich von der Straßeninfrastruktur ab, sagen die Unfallforscher des Austrian Institute of Technology (AIT). Sie haben eine sogenannte Mobility Observation Box entwickelt, mit der das Risiko an ungeregelten Schutzwegen analysier- und vergleichbar wird. Das Instrumentarium erkennt verschiedene Verkehrsteilnehmer automatisch und bewertet deren Verhalten nach objektiven Kriterien. Im Zentrum der Beobachtungen steht die Anhaltebereitschaft von Fahrzeuglenkern.

Der Studienleiter Diplom Ingenieur Peter Saleh im Interview:

Mobility Observation Box, Schutzweg, Fußgänger, Fahrzeuglenker
Peter Saleh (c) AIT – Rita Skof

Die Mobility Observation Box beobachtet die Straßeninfrastruktur. Wie kann die Technologie angewendet werden und was sind die Anwendungsgebiete?

Die Mobility Observation Box ist klein, leicht, flexibel und wettergeschützt. Etwa so groß wie ein Vogelhäuschen, kann sie auf beliebigen Masten im Straßenraum verbaut werden; nur mit Gummilaschen – ganz ohne Schrauben. Im Inneren befindet sich eine Kamera, eine Art Industrie-PC und ein Akku.

Erstmals angewendet wurde sie in einem großen Projekt in Wien und Graz. In die Analyse gingen insgesamt 85 nicht ampelgeregelte Schutzwege ein; das sind Schutzwege, an denen Fußgänger Vorrang gegenüber dem Straßenverkehr haben. Wenn der Fußgänger die Bereitschaft zur Querung andeutet, muss der Fahrzeuglenker sofort anhalten. Das ist es, was wir geprüft haben.

Die Mobility Observation Box zeichnet die Bewegungen der Verkehrsteilnehmer auf. Durch die Intelligenz der Kamera werden die Bewegungen in Linien übersetzt – die Bewegungslinien des Fußgängers, des Fahrzeugs und die Linien, die der Fußgänger überschritten hat. Mit dieser Methode konnten erstmals über einen längeren Zeitraum Konflikte zwischen Fußgängern und Fahrzeugen beobachtet werden. Der Akku hält eine Woche.

Welche Fragestellungen sind mit der Technologie zu beantworten?

Mit der Mobility Observation Box kann man verschiedene Standorte vergleichen und bekommt wirklich vergleichbare Informationen. Ziel war es, festzustellen, inwiefern sich verschiedene Designs von Schutzwegen auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmer auswirken – wie zum Beispiel die Anhaltebereitschaft von Fahrzeuglenkern. Bei bisher besonders kritischen Bereichen werden Schutzwege zum Beispiel auf rotem Hintergrund gekennzeichnet. Als physische Bremse für das Fahrzeug kann es auch eine Niveau-Anhebung der Fahrbahn geben. All das konnte mit der Methode verglichen und evaluiert wurden.

Weiters wurde die Mobility Observation Box in Wien im Projekt auto.Bus Seestadt angewendet, in dem die Auswirkungen eines autonomen Busses untersucht wurden. Wir haben die Interaktionen zwischen Fußgängern, Radfahrern und dem autonomen Bus analysiert – und wollten wissen, ob die Verkehrsteilnehmer anders reagieren als bei herkömmlichen Bussen.

Sie sagen, die Mobility Observation Box ermöglicht es, die Sicherheit von Schutzwegen nach objektiven Kriterien zu beobachten. Welche Kriterien sind das?

Zu den Parametern die wir heranziehen, zählt einerseits die Zeit bis das Fahrzeug anhält. Diese ergibt sich aus den Bewegungslinien von Fußgänger und Fahrzeug und man kann daraus eine theoretische Kollisionszeit berechnen – die sogenannte Time to collision (TTC).

Andererseits ziehen wir den Parameter der Geschwindigkeit der Querung heran, der in Situationen relevant ist, wo der Fahrzeuglenker gar nicht die Möglichkeit hat, abzubremsen. Wenn der Fußgänger zum Beispiel quer über die Straße Richtung Schutzweg läuft, entsteht eine atypische Bewegungslinie, die für den Fahrzeuglenker schwer einzuschätzen ist. Das ist dann der Fall, wenn der Schutzweg nicht richtig platziert ist.

Die Mobility Observation Box wird auch zur Eruierung von Straßenstellen eingesetzt, die einen Schutzweg erfordern. Welche Kriterien werden dabei angesetzt?

Das sind allgemeine Beobachtungen. Wenn es zum Beispiel in einer Einkaufsstraße ein neues großes Kaufhaus gibt und die Gemeinde wissen will, wo die Fußgänger queren. Dann überprüfen wir das und liefern die Planungsdaten für den Schutzweg.

Mit der Mobility Observation Box überprüfen wir, ob ein Schutzweg notwendig und wenn ja, dann wo. Ein Schutzweg, der falsch platziert ist, ist ein Schutzweg, der gering frequentiert ist. Bei geringer Frequenz nimmt die Anhaltebereitschaft der Fahrzeuglenker ab und dann passieren oft schlimme Unfälle.

Ein ähnliches Phänomen ist in der Nähe von Schulen zu beobachten, wo sich der Bürgermeister einen Schutzweg wünscht. Das Problem ist, dass dieser Schutzweg meist nur in den Morgenstunden frequentiert ist – und am Nachmittag dann besonders gefährlich ist. Ein Schutzweg macht nur dann Sinn, wenn er ständig von vielen Personen genutzt wird. Sonst ist es besser eine Mittelinsel zu errichten, die die Fahrbahn teilt und dem Fußgänger die Möglichkeit gibt, sich in Sicherheit zu bringen.

Welche Daten und in welcher Form stehen zur Auswertung zur Verfügung?

Die Videodaten werden DSGVO-konform verarbeitet. Das heißt, es sind keine Gesichter und Kennzeichen von Fahrzeugen zu erkennen. Aber Fahrzeuge müssen zu klassifizieren sein – in Radfahrer, Motorradfahrer, Personenkraftwagen und Lastkraftwagen. Die Mobility Observation Box liefert von jedem bewegten Objekt eigene Bewegungsdaten:

  • die Geschwindigkeit;
  • die Veränderung der Geschwindigkeit über die Zeit;
  • die örtlichen Koordinaten;

Das Videobild entsteht aus einer Perspektive von etwa sechs Metern Höhe. Anhand des Koordinatensystems können wir das Bild entzerren und auf eine Karte wie zum Beispiel Google Maps projizieren.

Welche Technologie wurde eingesetzt? Inwieweit hat SLR das Projekt unterstützt?

SLR ist der Spezialist für die Klassifizierung der Objekte und die Bewegungslinien aus dem Videobild. Die Sicherheits-Parameter errechnen wir und auch die Aufnahmetechnik und die Kameralogik kommen von uns. Es wird nur Relevantes gespeichert. Interessant sind die Daten der Interaktionen beziehungsweise Konflikte. Das interessiert uns für die Umsetzung der Verkehrssicherheit

Was sind die Vorteile gegenüber herkömmlichen Analysemethoden?

Bisher musste sich eine Person zum Schutzweg hinstellen und eine Strichliste führen. Mit der Kamera entfällt der personelle Einsatz; man hat einen längeren Beobachtungszeitraum von sieben Tagen und man kann viele Standorte messen und objektiv vergleichen. Durch das Videobild geht keine Information verloren. Außerdem kann man die Geschwindigkeiten aus dem Video errechnen. Das kann eine Person nicht. Das schafft eine andere Datenqualität.

In Zukunft werden wir die Mobility Observation Box auch am Gehsteig einsetzen um die Sicherheit der Fußgänger zu analysieren – wie etwa auf Schulwegen. Wir könnten Routen und Spots überprüfen und Verbesserungsmöglichkeiten finden.

Ein weiterer Aspekt ist die Überprüfung der Sicherheit von Arbeitern auf großen Werksgeländen, auf denen schwere Maschinen, Stapler, Lastkraftwagen und Arbeiter als Fußgänger unterwegs sind. Dabei sind die Bewegungslinien der Fußgänger und der Fahrzeuge interessant sowie die Hot Spots, die sich daraus ergeben.

Danke für das Gespräch.

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger ist Schriftstellerin. Sie lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie interessiert sich für neue Trends in Design, Technologie und Wirtschaft. Sie ist besonders gespannt auf interdisziplinäre Tendenzen zu entdecken und Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen zu verwischen. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.