Der Monat Juli ist ganz dem Austausch und Networking zwischen Akteuren aus München, Amsterdam und Utrecht gewidmet. Mit Dialoogkreativ wurde in München eine Veranstaltungs- und Networkingreihe ins Leben gerufen worden, die die Zusammenarbeit unter den Regionen fördern soll. Exklusiv für InnovationOrigins gibt der niederländische Botschafter, Wepke Kingma einen Ausblick, wie Deutschland und die Niederlande voneinander profitieren können.

 

Was Sind Ihre Erwartungen an den einen Monat dauernden Austausch, die Zusammenarbeit, das Networking?

Wir streben langfristig eine Innovationspartnerschaft an. In den vier Wochen wird es zahlreiche Veranstaltungen und Aktivitäten geben, die dazu dienen, Netzwerke auszubauen und sich inhaltlich auszutauschen zu den verschiedenen Kultur- und Kreativförderungsansätzen und zu Lösungsansätzen für nachhaltige Stadtentwicklung.

Ich sehe Möglichkeiten, in denen sich die Erfahrungen der Regionen Utrecht, Amsterdam und München gut ergänzen können. Das gilt sowohl für Bereiche der urban mobility als auch Mode und Virtual Reality.

 

In welchen Bereichen der Stadtentwicklung sehen Sie das größte Potenzial, um gemeinsame Lösungen zu entwickeln und umzusetzen?

Wir stehen ja vor ähnlichen Herausforderungen. Es geht darum wie Menschen in Zukunft wohnen, arbeiten und zusammenleben wollen. Was ist ihnen wichtig und wie kann man die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigen zugleich aber diejenigen der kommenden Generationen mit bedenken. Es geht um smarte Bürger und eine digitale Gesellschaft, um den nachhaltigen Umgang mit Energie und Mobilität, um das Stadtklima und um soziales Bauen. Aber auch bei Fragen der Gesundheitsfürsorge und Pflege im digitalen Zeitalter ist internationaler Austausch in der Forschung und letztendlich auch im Handel für beide Länder von großem Interesse.

 

München hat im Januar dieses Jahres angekündigt, die Stadt zur Smart City ausbauen zu wollen. Was macht Ihrer Meinung nach eine Smart City aus?

Eine smarte Stadt zeichnet sich vor allem durch eine innovative Infrastruktur aus, das heißt durch eine intelligente Steuerung in den Bereichen Verwaltung, Mobilität und Energieeffizienz. Außerdem sollte Wert auf Mitsprache und die Schaffung von Teilhabe gelegt werden. Erst Menschen machen eine Stadt smart. Und deshalb müssen wir uns fragen: Wie kann es uns gelingen, den Bewohnern der Stadt intelligente und nachhaltige Lösungen in alltäglichen Fragen anzubieten, z.B. der Mülltrennung oder dem innerstädtischen Nahverkehr.

 

Welche Smart City-Konzepte werden in Amsterdam und Utrecht bereits umgesetzt?

In Amsterdam sind zwei bekannte Beispiele für Nachhaltigkeit die Johan-Cruyff-ArenA, die sich zum Ziel gesetzt hat, das nachhaltigste Stadion der Welt zu sein, indem sie energieneutral funktioniert bidirektionales Laden ermöglicht. Und De Creuvel, ein Innovation Space in Amsterdam, für die Entwicklung nachhaltiger Konzepte. In Utrecht gibt es mit Lomboxnet und We drive Solar Projekte zum bidirektionalen Laden, bei denen das Auto als Batterie fungiert und Strom erzeugt wird.

 

Von welchen Erfahrungen in Bezug auf die Entwicklung einer Smart City können die Münchner durch Dialoogkreativ profitieren?

Angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen wie Digitalisierung und demographischer Wandel kann die Kreativwirtschaft als Mediator innerhalb der Gemeinschaft dienen. Der experimentierfreudige und ganzheitliche niederländische Problemlösungsansatz, der sogenannte Dutch Approach ist entscheidend für die Fähigkeit zum Brückenschlag zu anderen Branchen. In den Niederlanden sind interdisziplinäre und vernetzte Projekte längst an der Tagesordnung. Ich bin überzeugt von der Stärke des Design Thinking, vor allem wenn es um soziale Innovation geht. Bei uns arbeiten Bürger, Designer und Behörden zusammen und ergänzen sich so. Auch Hochschulen können voneinander lernen. An der Design Academy in Eindhoven gibt es zum Beispiel bereits seit einigen Jahren einen speziellen Social-Design-Studiengang. Beim Social Design geht es nicht darum, WAS wir machen, sondern WIE wir es machen.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt während Dialoogkreativ ist das Thema E-Mobility, generell Mobility. Amsterdam gilt als Vorzeige-Radfahrer-Stadt. Es scheint als liefe der Radverkehr wie selbstverständlich.
In München ist das anders, da haben viele Fahrradfahrer ein schlechtes Image, weil sie gefühlt rücksichtslos anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber auftreten. Was ist das Erfolgsrezept in Amsterdam?

Auch in Städten wie Amsterdam oder Utrecht ging das nicht von heute auf morgen und ist längst noch nicht alles perfekt. Aber die Entwicklung zur Radfahrerfreundlichen Stadt hat in den Niederlanden viel früher eingesetzt. Unsere Innenstädte sind kleiner und bereits in den 70er Jahren hat man die Pläne, Autobahnen in die Städte zu führen ad acta gelegt. Auch die Bewohner der großen Städte sehnen sich nach lebenswerten und nachhaltigen Stadtzentren und das Fahrrad passt da ganz gut ins Konzept. Ich bin davon überzeugt, dass sich diese Entwicklung auch in Deutschland fortsetzen wird. Aber natürlich braucht es für die Umsetzung und einen rücksichtsvollen Umgang miteinander auch eine gute Fahrradinfrastruktur und München ist schon auf dem guten Weg.

 

In den vergangenen Jahren ist die Anzahl der elektromobilen Fahrzeuge in den Niederlanden rasant gestiegen. In Deutschland ist das bei weitem nicht so. Was sind Ihrer Meinung nach die großen Herausforderungen bei Elektromobilität?

Die größten Herausforderungen sind meiner Meinung nach die Bezahlbarkeit und die nachhaltige Stromerzeugung, die es dafür braucht. Und natürlich die Ladeinfrastruktur. Ich denke, dass wir in der Zukunft auch größere Distanzen mit Elektromobilität überbrücken können. Nur müssen jetzt die Weichen neu gestellt werden und alle an einem Strang ziehen, auch in Deutschland.

 

Bei den vielen verschiedenen Themen, die während Dialoogkrativ besprochen, entwickelt und umgesetzt werden sollen, müssen auch die Einwohner mit einbezogen werden. Wie können die Bürger in den Städten mit ins Boot geholt werden?

Um eine Zusammenarbeit zwischen Bürgern, Gestaltern und Behörden zu ermöglichen, müssen sich engagierte Menschen online organisieren können, um mitzureden. Das heisst, dass alle auch Zugang zu denselben Daten und Informationen haben. Offene Technologie und offene Daten spielen eine entscheidende Rolle. Hierarchische Strukturen loslassen ist auch wichtig.

 

Als Botschafter des Königreichs der Niederlande kennen Sie beide Nationen sehr gut. Inwieweit spielt der Faktor Mensch bei der Umsetzung von Smart City, E-Mobilität oder anderen gesellschaftlichen Themen eine Rolle und warum?

Womit beginnt Innovation? Nicht mit Gebäuden oder Baumaterialien, sondern mit neugierigen und kreativen Menschen, die mit ihren Projekten etwas verändern wollen.

 

Foto: Botschaft der Niederlande

 

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