Die Vorstellungen über die Möglichkeiten im Alter sind kulturell eingeschrieben, sagt die Amerikanistin und Kulturwissenschafterin Ulla Kriebernegg. Sie moniert die vorwiegend negativen Altersbilder und fordert neue Narrative, die ein gutes Altern für die gesamte Gesellschaft ermöglichen.

Assoz. Prof. Mag. Dr. phil. Ulla Kriebernegg ist stellvertretende Vorsitzende des European Network in Aging Studies und Gründerin der multi- und interdisziplinären Age and Care Research Group an der Universität Graz. Gemeinsam mit anderen Forschenden will sie ein Bewusstsein für Altersdiskriminierung schaffen und auf die Individualität und Vielfalt der Alterserfahrung hinweisen. Dabei orientiert sie sich am Begriff comfortable aging, den die amerikanische Wissenschafterin Margaret Cruikshank prägte. Dieser steht für ein Altern nach den eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten und bezieht die Verletzlichkeit ein. Im Vergleich dazu suggeriert der Begriff successful aging Leistungsdruck und Wettbewerb. Als Amerikanistin und Kulturwissenschafterin nähert sich Kriebernegg dem Thema aus der Perspektive von Literatur, Film und Kunst. Die Wissenschafterin im Interview:

Ulla Kriebernegg (c) Furgler

Sie stellen in ihrem Forschungsschwerpunkt die Frage Was heißt hier alte Schachtel? Ist das nicht schon ein Sprachbild, das auf den Umgang mit Alternden hinweist?

Ja, genau, ich beziehe mich damit auf eine Kampagne, die wir vor einigen Jahren mit der Stadt Graz durchgeführt haben. Dabei bildeten wir durchschnittliche Frauen im Alter von sechzig bis siebzig Jahren übergroß auf Plakaten ab. Die Frauen wiesen auf ihren Lebensverlauf hin, in dem sie Freude und Trauer ausgehalten haben. An diese Frage möchte ich wieder anknüpfen. Alte Schachtel ist ein abwertender Begriff, den es für Männer so nicht gibt. Frauen werden im Alter sicher stärker diskriminiert als Männer.

Liegt es nicht an der hartnäckigen Verfolgung von Klischees, wie sie eher in der Werbung vermutet werden würden, dass die Kulturindustrie in diesem Punkt so unbeweglich ist?

Werbung ist Teil der Kulturindustrie – und Kulturindustrie ist Teil eines wirkmächtigen Diskurses. Filme haben eine andere Funktion als Werbung, sie können gesellschaftliche Vorurteile radikalisieren, wollen provozieren und zum Nachdenken anregen. Anders als in der Werbung kann man sich mit der Figur, wie etwa einer alten Frau, identifizieren. So komme ich anders zum Nachdenken, kann etwas erfahren, was ich sonst nicht könnte. Ich kann die Ängste der Figur ausstehen und dadurch ein Einfühlungsvermögen entwickeln, das es in der Werbung nicht gibt. Ein Beispiel ist der Film Amour (Anm.: 2012) von Michael Haneke, in dem ein Mann seine demente Frau ermordet. Das zeigt die Überforderung und treibt sie auf die Spitze. Wie kann es dazu kommen? Weil ihn die Gesellschaft allein lässt. Auch wenn Filme Stereotypen darstellen, so ist dies vielschichtiger als in der Werbung. Aber es gibt natürlich auch schlechte Filme.

In Literatur kann ich mich entweder hineinversetzen, oder auch unterschiedliche Lesarten wählen. Ich kann eine Erzählung entweder als Verzweiflungsakt lesen oder auch als Akt des Handlungsspielraums. Das heißt, Dinge durch Interpretation freilegen. Es gibt eine Kurzgeschichte von Margaret Atwood mit dem Titel Fackelt die Alten ab (Anm.: erschienen in: Die steinerne Matratze. Neun Erzählungen (2016)); und das passiert in der Geschichte tatsächlich. Junge Menschen sagen Weg mit euch, ihr seid zu teuer! Das ist natürlich eine Satire auf eine Gruppe, die marginalisiert wird.

Sie haben festgestellt, dass im angelsächsischen Raum das Bild älterer Menschen in Literatur, Film und Kunst eine bedeutende Rolle spielt. Wie können wir uns das vorstellen?

Insgesamt sind unsere Kulturen nicht so verschieden. Hollywood-Filme sind auch bei uns populär. Aber im angelsächsischen Raum haben ältere Menschen seit den 1980er-Jahren mehr Sichtbarkeit bekommen. Sie haben einen Namen und sind eigenständige Charaktere. Dabei fällt auf, dass der Demenz-Film boomt – nach Krebs und Aids. Es ist eine neue gesellschaftliche Angst, dass die Merkfähigkeit nachlassen könnte, dass die Speicherplatte kaputt wird. In den beruflichen Anforderungen der Gegenwart dominiert die Rationalität. Man muss sich nichts mehr merken, kann alles jederzeit nachlesen. Daraus entsteht die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Demenz wird oft dargestellt, um die Angst vor dem Alter auszudrücken. Nur alt reicht nicht, die Figur muss auch dement sein. Der letzte Zeuge im Krimi ist dement.

Sie sagen, Bedürfnisse von alternden Menschen sollen ganz individuell berücksichtigt werden – was sind das für Bedürfnisse?

Das sind Bedürfnisse wie Geborgenheit, Anerkennung, Teilhabe, Zugehörigkeit, Wertschätzung, gebraucht zu werden, ein sinnvolles Leben zu führen.

Wie könnten positive Geschichten mit alten Helden und Heldinnen lauten?

Eine positive Geschichte erzählt etwa der schwedische Autor Jonas Jonassen in seinem Roman Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (Anm.: 2009). Darin reißt der Protagonist kurz vor seinem hundertsten Geburtstag aus dem Altersheim aus und erlebt eine skurrile Geschichte.

Vorreiter war Arno Geiger mit seinem autobiographischen Roman Der alte König in seinem Exil, der an die King Lear-Thematik angelehnt ist. Darin entwickelt der demente Vater eine poetische Ausdrucksweise und wird so für seinen Sohn zugänglich. Weil mein Vater nicht mehr zu mir kann, muss ich über die Brücke zu ihm gehen, sagt der Sohn. Das ist eine untypische Darstellung.

Im Prinzip sind alle Texte positiv, die sagen, wir müssen anders umgehen mit Verletzlichkeit. Man erwartet sich die jungen Alten, die auf einer Yacht herumfahren. Das ist die dritte Lebensphase. Menschen in der vierten Lebensphase haben im Film keine Präsenz mehr. Das ist nur mehr nacktes Leben, ohne Wertschätzung.

Was interessiert die Studierenden an der Lebenswelt der älteren Menschen?

Sie sind fasziniert vom fremden Land des Alterns. Was sie interessiert, ist die Diskriminierungsfrage. Dabei geht es um diskriminierende Gesetze aber auch um das Gefühl nicht integriert zu sein. Es ist ihnen klar, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig ist und sie kommen drauf, dass sie alte Menschen bisher nicht mitgedacht haben. Ich habe sie einmal in Gruppen zur Frage diskutieren lassen, wann Sexualität aufhört. Dabei sind sie zum Schluss gekommen, dass das mit 45 Jahren ist … Eine andere Frage, die sie diskutieren sollten, war Wie sind Achtzigjährige? Dabei erkannten sie, dass es darauf keine klare Antwort gibt – dass Alter individuell erlebt wird. Aber auch, dass es kulturell eingeschrieben ist, was ein älterer Mensch kann und was nicht.

Danke für das Gespräch.

 

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