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Die Leseleistung der Kinder hat bedenkliche Ausmaße angenommen: Jedes fünfte Grundschulkind kann nicht richtig lesen. Das liegt an Schwierigkeiten in der Worterkennung, sagt Professor Tobias Richter von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er hält das buchstabenweise Lesen für ungeeignet und forscht an einer mobilen App, die silbenweises Lesen ermöglicht.

Ein Fünftel der Kinder können noch am Ende der Grundschulzeit schriftliche Texte kaum verstehen. Das ging aus der jüngsten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) hervor. In der Studie wird die Leseleistung von Schülerinnen und Schülern der vierten Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich getestet.

Schwierigkeiten mit der Worterkennung

Wissenschafter sind sich weitgehend einig, dass die schwache Leseleistung der Kinder wesentlich an Schwierigkeiten mit der Worterkennung liegt. „Die betroffenen Schülerinnen und Schüler müssen sich Wörter mühsam und fehleranfällig Buchstabe für Buchstabe erarbeiten, anstatt sie als Ganzes zu erkennen“, sagt Professor Tobias Richter, Inhaber des Lehrstuhls für Psychologie IV – Pädagogische Psychologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU).

Wirksames und leicht zugängliches Training

Er sieht die Gefahr, dass sich diese Defizite verfestigen und den weiteren Bildungsverlauf negativ beeinflussen. Das wirke sich nicht nur auf das Individuum aus, sondern auch auf die Gesellschaft und die Volkswirtschaft. Eine Lösung für das Problem sieht er in einer wirksamen und leicht zugänglichen Intervention.

Die Entwicklung dieser Intervention hat Richter selbst in die Hand genommen: gemeinsam mit Kollegen der Medieninformatik der Universität Würzburg entwickelt er eine mobile App, die ein wissenschaftlich fundiertes digitalisiertes Lesetraining bietet. Am Projekt beteiligt sind Dr. Bettina Müller, die an Richters Lehrstuhl forscht und die Medieninformatikerin Professorin Birgit Lugrin vom Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion.

Worterkennung via Silben

Das Konzept beruht auf einem bereits umfassend evaluierten Lesetraining für leseschwache Schülerinnen und Schüler der zweiten Klassen. Der Fokus liegt auf der Worterkennung und dabei der Silbe als zentrale Einheit. Laut Müller lassen sich Wörter leichter anhand ihrer Silben erkennen, als anhand ihrer Buchstaben. Die Fokussierung von Silben wirke sich positiv auf die Leseleistung aus; Insbesondere auf die Geschwindigkeit der Worterkennung und damit indirekt auch auf das Leseverständnis.

An die individuelle Leseleistung anpassbar

Die App basiert auf dem Status Quo der psychologischen Leseforschung. Das Training soll individuell an den jeweiligen Stand der Leseleistung des Kindes anpassbar sein. Darüber hinaus soll die App viele spielerische Elemente enthalten. Die Kinder sollen sie sowohl in der Schule als auch zu Hause nutzen können. Dafür will nicht zuletzt die Medieninformatikerin Lugrin sorgen, die darauf achtet, dass die App flexibel, einfach und überall anwendbar ist.

Bis die App zur Verbesserung der Leseleistung erhältlich ist, werden allerdings noch etwa drei Jahre vergehen. Bis dahin soll die Wirksamkeit in umfangreichen Evaluationsstudien erprobt werden.

Das Forschungsprojekt läuft unter der Bezeichnung MobiLe3 – Mobile Leseförderung für Grundschulkinder und wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit circa 660.000 Euro finanziert.

 

 

 

 

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie verfolgt neue Trends in Gesellschaft, Design, Technologie und Wirtschaft findet es spannend, interdisziplinäre Tendenzen zwischen den verschiedenen Bereichen zu beobachten. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.