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Vor ein paar Wochen fanden sich in einem Webinar, ausgerichtet von der renommierten deutschen Automobilwoche, vier hochkarätige Persönlichkeiten aus der deutschen Automotive-Branche zusammen. Das Thema war spannend, denn es ging um den „Kampf um das Betriebssystem im Auto“.

Der wird derzeit nicht nur von den OEMs betrieben, auch Zulieferer aus dem Automotive-Bereich wollen mitmischen, ganz zu schweigen von IT-Unternehmen wie Google, Microsoft und Apple. Deshalb war es nur logisch, dass neben dem sympathischen Sajjad Khan von Mercedes-Benz auch Spezialisten von Bosch, TTTech Auto und dem Beratungsunternehmen Capgemini mit von der Partie waren.

Damit waren drei spezielle Bereiche abgedeckt: ein großer renommierter Autohersteller, ein großer renommierter Zulieferer und ein kleiner flotter Aussenseiter, der seine Chancen durch Schnelligkeit und Dynamik wahren möchte.

Nicht abhängig von Google

Allen gemeinsam war der Wille, ein eigenes, proprietäres Auto-Betriebssystem auf die Räder zu stellen, das ausbaufähig und damit zukunftsfähig sein soll. Und, man wollte sich nicht von externen Unternehmen wie Google und Co abhängig machen. Der Zeithorizont bis zur Fertigstellung lag allerdings im Diffusen, von Terminen nach 2024 war die Rede.

Vor nicht einmal so langer Zeit diskutierte der amerikanischen ‘Grandseigneur der Automotive-Ingenieure’, Sandy Munro mit mehreren Kollegen über die Chancen von neuentwickelten reinen Auto-Betriebssystemen. Seine Einschätzung, dass maximal 3 bis 4 Automotive-Betriebssysteme eine Chance auf dem Weltmarkt hätten, würden die vier Diskutanten oben (und ihre Kollegen in den anderen Automotive-Unternehmen) vermutlich vehement bestreiten.

Aber treten wir doch einmal ein bißchen zurück, um das Gesamtbild zu betrachten. Derzeit gibt es drei wirklich relevante PC-Betriebssysteme auf der Welt. Microsoft Windows, Apples MacOS und Linux als Open Source-Variante. Die Verteilung der Marktanteile in gleicher Reihenfolge. Natürlich gibt es Derivate für Smartphones, wie iOS von Apple oder Android von Google. Fakt ist aber, dass zig Milliarden von Computern, PCs, Tablets und Smartphones auf diesen Betriebssystemen basieren.

Aufwand viel zu hoch

Die jährliche weltweite Autoproduktion rangierte allerdings nur im Bereich deutlich unter 100 Mio, während der Corona-Krise brach sie anfänglich sogar deutlich ein. Und bricht man das Ganze herunter auf einzelne Hersteller, wäre das so, als wolle jeder kleine PC-Hersteller ein eigenes OS (Operating System) entwickeln. Der Aufwand dafür wäre, und da sind sich alle IT-Branchenexperten einig, viel zu hoch und finanziell kaum zu stemmen.

Aber weder Daimler, noch Zulieferer wie Bosch sehen offenbar diese Problematik. Vor allem die ständige Verbesserung und Weiterentwicklung von komplexen digitalen Systemen fordert einen hohen intellektuellen und monetären Einsatz. Hardware ist in dem Zusammenhang das kleinste Problem, auch wenn die Chip-Krise derzeit diese und andere Branchen schlimm plagt.

Am vergangenen Montag nun leitete Apple seinen alljährlichen Entwickler-Gipfel, die WWDC, mit der obligatorischen Keynote ein. Auch wenn viele der Hardware-getriebenen Fans enttäuscht waren, dass Cupertino „nur“ die neuesten Iterationen der vorhandenen Betriebssysteme vorgestellt hat, zeigten diese teilweise unendlich langweiligen zweieinhalb Stunden eines: hier arbeiten Profis an einem geschliffenen OS, das die Grundlage für weitere Erlöse – vor allem auch bei App-Entwicklern – schafft. Die Raffinesse, die diese Betriebssysteme inzwischen erreicht haben, ist überwältigend. Es verdeutlicht aber auch, dass der Weg für die OEMs, speziell die deutschen Hersteller wird immer steiniger wird.

‘Abkürzungsstrategie’

Vielleicht ist die ‘Abkürzungsstrategie’ von Unternehmen wie Volvo oder Polestar, auf Drittanbieter wie Google zu setzen, tatsächlich die bessere.

Eines steht jedoch fest: der Rückstand der deutschen Premiumhersteller scheint nicht kleiner zu werden, sondern in einer beängstigenden Geschwindigkeit zu wachsen. Das musste auch Audi gerade schmerzhaft erfahren. Das mit viel Brimborium Anfang 2020 gegründete Pseudo-Start-up Artemis, das durch flache Hierarchien quasi drei Treppenstufen auf einmal nehmen sollte (Elektromobilität, Betriebssystem und autonomes Fahren), wurde gerade wieder in die Mutter eingegliedert und dem Konzernvorstand unterstellt, die Launchtermine deutlich nach hinten verschoben…

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Über den Autor

Author profile picture Jahrgang 1960. Wollte eigentlich nie etwas mit Computern zu tun haben. Studierte zunächst zwei Semester Maschinenbau an der TU München und folgte dann auf Anraten seiner Freunde dem Herzen und sattelte auf Kommunikationsdesign um. Seit 1990 selbstständig und Geschäftsführer der Werbeagentur TWENTYFIRST Communications GmbH. Die Kunden der Werbeagentur rekrutieren sich vorwiegend aus der IT-, Automobil- und Gesundheitsbranche. Mit dem Aufkommen des Apple iPhone verlagerte sich das Geschäft immer mehr in Richtung digitale Medien und Apps. Seit Jahren beobachtet Bernd Maier-Leppla die Elektromobilität (vor allem die Innovationen von Tesla) und entschloss sich Ende 2018 mit e-engine.de ein eigenes Portal zu Elektromobilität, autonomem Fahren und Verkehrswende zu gründen.