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Depression ist heutzutage eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, die bereits im Kindes- und Jugendalter beginnen und zu schweren psychosozialen Beeinträchtigungen oder sogar zu Selbstmord führen können. Laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden weltweit über als 300 Millionen Menschen an einer Depression, mehr als vier Prozent der Weltbevölkerung. Für Deutschland lagen die geschätzten Zahlen der Menschen mit Depressionen 2017 bei 4,1 Millionen, das waren 5,2 Prozent der Bevölkerung. Rund 4,6 Millionen Menschen litten unter Angststörungen. Häufig wird die Krankheit, trotz vieler Diagnostikmöglichkeiten, besonders bei Kindern und Jugendlichen erst spät entdeckt, weshalb in Deutschland auch weniger als die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen angemessen behandelt wird.

Bei Kindern seien Depressionen aber eher selten, erklärt Prof. Dr. med. Gerd Schulte-Körne, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LMU. „Im Grundschulalter trifft es zwischen ein und zwei Prozent. Im Jugendalter sind sie stärker verbreitet. Und nach der Pubertät nimmt die Häufigkeit dann rapide zu. Ob die Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen heute insgesamt häufiger auftritt, lässt sich aufgrund der Datenlage nicht eindeutig beantworten. Aber der Kinder- und Jugendsurvey, eine nationale Erhebung in Deutschland, zeigt tatsächlich eine gewisse Zunahme unter weiblichen Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18, so wie es aussieht aber eher von leichten Depressionen.“

Die Ursachen für Depressionen sehen Wissenschaftler in genetischen, neurobiologischen, sozialen und psychologischen Faktoren, die sich gegenseitig verstärken können. Die Krankheit kann zwar im jedem Alter – also auch bei Erwachsenen – auftreten, oft beginnt sie aber schon im Kindes- und Jugendalter, ohne erkannt zu werden. Für eine gezielte und effektive Behandlung ist es aber unerlässlich, die Risikofaktoren zu kennen, die zur Entstehung der Erkrankung beitragen.

Viele Faktoren als Auslöser

„Sicher spielen da viele Faktoren eine Rolle, hierzu gehören individuelle Belastungen als auch traumatische Ereignisse. Was wir häufig erleben, ist, dass Jugendliche heute mit Stress schlechter umgehen können als früher“, weiß Schulte-Körne. „Außerdem haben sich die Umweltbelastungen für Jugendliche deutlich verändert, in der Schule und auch im Freizeitbereich, bei der Nutzung von sozialen Medien etwa. Und mit der heute längeren Adoleszenzphase stellt sich auch der Autonomie- und Ablösungsprozess vom Elternhaus anders dar als noch vor zehn Jahren.“

Depression
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Ein internationales Forscherteam, unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München und der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München hat deshalb 2.000 Kinder und Jugendliche genetisch, mit Fragebögen und klinischen Interviews untersucht. Anhand des sogenannten genetischen Risikoscores konnten die Wissenschaftler erstmals voraussagen, ob bei einem Kind oder Jugendlichen ein erhöhtes genetisches Risiko für eine Depression besteht.

„Letzten Endes bildet der Score ein umfangreiches Set von genetischen Informationen ab. Dabei handelt es sich um Varianten im Genom, meist nur kleinste Abweichungen, die zusammengenommen ein bestimmtes Merkmal oder eine Erkrankung, in diesem Fall die Depression, vorhersagen“, beschreibt der Wissenschaftler die Funktionsweise des Scores.“Diese genetischen Veränderungen einzeln tragen nur wenig bei, in der Summe jedoch bilden sie einen Score, der insgesamt das genetische Risiko des Betroffenen abbildet.“

Erkenntnisse zur Genetik der Depression bei Erwachsenen gibt es bereits, die Forscher haben nun getestet, ob diese genetischen Profile auch dazu geeignet sind, um Vorhersagen über Entstehung, Schweregrad und Erkrankungsbeginn bei Kindern und Jugendlichen zu machen. „Dieser Score wurde ursprünglich an einer sehr großen Stichprobe von Erwachsenen mit einer depressiven Erkrankung ermittelt und mit einer Kontrollgruppe abgeglichen. Die zentrale Frage unserer Untersuchung war, ob dieser genetische Score auch für Kinder und Jugendliche relevant ist und sich deshalb dafür eignet, auch bei ihnen das Erkrankungsrisiko zu ermitteln“, so Schulte-Körne.

Erkrankung mit vielen Gesichtern

Die Ergebnisse hätten das bestätigt. „Um diesen Fortschritt einordnen zu können, muss man sagen, dass man gerade bei der Depression Jahrzehnte lang gesucht hat, um überhaupt genetische Faktoren zu finden. Dass dies so lange nicht gelang, liegt wahrscheinlich daran, dass Depression eine Erkrankung mit vielen Gesichtern ist, mit so vielen Facetten, sodass genetische Mechanismen nur auf gewisse Symptome Einfluss haben, sich damit aber nicht die Komplexität dieser Erkrankung insgesamt erklären lässt.“

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Eine große Stichprobe, bei der eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit einer Depression mit einer Kontrollgruppe verglichen wurde, habe gezeigt, dass der Score auch bei Kindern aussagekräftig sei, sagt der Jugendpsychiater. Dabei haben die Forscher auch den Zusammenhang zwischen der Belastung mit depressiven Gedanken und Emotionen und diesem genetischen Score untersucht. „Lässt sich ein Zusammenhang finden, handelt es sich ja zunächst erst einmal nur um eine einfache Korrelation. Darum versucht man im nächsten Schritt zu ergründen, ob dahinter auch eine Kausalität steckt“, so Schulte-Körne weiter.

„Wir haben außerdem untersucht, ob zusätzlich auch belastende Lebenserlebnisse in der frühen Kindheit [wie z.B. Missbrauch, Anm. d. Redaktion] diesen Zusammenhang beeinflussen, und ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der genetischen Disposition und der Schwere der Erkrankung oder auch dem Ersterkrankungsalter. Wenn der genetische Score relevant ist, führt das im letzten Fall dazu, dass Kinder, die ein Risiko für eine Depression haben, unter Umständen früher erkranken.“

In der klinischen Stichprobe fand das Forscherteam heraus, dass der Score acht Prozent der depressiven Störung bei Kindern und Jugendlichen erklärt. „Und wenn man belastende Umweltereignisse oder belastende Ereignisse aus der Lebensgeschichte mit berücksichtigt, dann kommt man schon auf fast 18 Prozent der depressiven Symptomatik, die dadurch erklärt werden kann. Und das ist ein relativ hoher Wert“, betont Schulte-Körne. Im Grunde ginge es aber erst einmal darum, „ein Ursachenmodell der Depression zu entwickeln und zu verstehen, wie genetische Faktoren, individuelle Belastungen und Umweltfaktoren zusammenwirken.“

Mit dieser Studie sei ein wichtiger Schritt gelungen, die komplexen genetischen Ursachen der Depression bei Kindern und Jugendlichen zu verstehen, sagt der Forscher. Allerdings erkläre der Score nur eine Risikoerhöhung und nicht die Erkrankung selbst. Deshalb gebe es auch noch viel zu tun, um die frühzeitige Diagnose von Depressionen bei Jugendlichen zu verbessern, sagt die Max-Planck-Direktorin und Leiterin der Studie, Elisabeth Binder. „Wenn wir jedoch wissen, welche Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Depression entwickeln, haben wir die Möglichkeit, wirksame Präventionsstrategien einzusetzen und die enorme Belastung der Depression zu reduzieren.“

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Über den Autor

Author profile picture Petra Wiesmayer ist seit mehr als 25 Jahren als Journalistin und Autorin tätig. Sie hat bis heute hunderte Interviews mit Prominenten aus Entertainment, Sport und Politik geführt und zahllose Artikel über Entertainment und Motorsport für internationale Medien recherchiert und verfasst. Als großer Science-Fiction-Fan ist sie fasziniert von Technologien, die die Zukunft der Menschheit mitbestimmen könnten und liest und schreibt gerne darüber.