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Um den Klimawandel zu stoppen und den Kohlendioxidgehalt der Luft nicht weiter steigen zu lassen, stehen technologische Verfahren zur Verfügung, die CO2 aus der Luft abschneiden: die CO2-Abschneidung und -Speicherung bei der Energieproduktion aus Biomasse (BECCS) und die Direktabschneidung und Speicherung von CO2 (DACCS). Beide Verfahren sind Methoden des Carbon Capture and Storage (CCS).

In dem 2018 von der EU-Kommission formulierten Entwurf zur Klima-Langfriststrategie wurde verankert, dass bis zum Jahr 2050 der Anstieg von CO2 und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre auf dem Gebiet der Europäischen Union auf Null abgesenkt werden soll. Es geht dabei um ein sogenanntes Netto-Null. Dass heißt, es wird weiterhin Emissionen geben, denn besonders in der Stahl- und Zementproduktion, beim Flugverkehr in der Landwirtschaft lassen sie sich nicht vermeiden. Um diese Restemissionen auszugleichen, müssen Verfahren zum Einsatz kommen, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen, sogenannte CDR-Verfahren.

So argumentiert die im Mai diesen Jahres veröffentlichte Studie „Unkonventioneller Klimaschutz“ der Stiftung Politik und Wissenschaft, einer durch Bundesmittel finanzierten Forschungsstelle in Berlin. Die Autoren Oliver Geden und Felix Schenuit gehen der Frage nach, auf welche Weise ‘unkonventioneller Klimaschutz’ – die gezielte Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre – als neuer Ansatz in die EU-Klimapolitik integriert werden kann.

Emissionen zu vermeiden, reicht nicht aus

Begrifflich wird der konventionelle Klimaschutz, der auf Vermeidung und Verringerung von Emission setzt, vom unkonventionellen Klimaschutz unterschieden. Bei letzterem geht es darum, der Atmosphäre CO2 zu entziehen. Es stehen dazu verschiedene natürliche Methoden zur Diskussion, die sogenannten natürlichen Kohlenstoffsenken. An erster Stelle ist hier die Aufforstung zu nennen. Weitere Möglichkeiten könnten die Anreicherung von Böden mit CO2, die Ausbringung spezieller Steinmehle in Böden und Ozeane oder die Düngung der Ozeane zur Förderung des Planktonwachstums bieten. Alle diese Verfahren haben ihre Vor- und Nachteile. Alle gemeinsam, davon gehen die Autoren der Studie aus, können der Atmosphäre nicht zuverlässig genug Kohlendioxid entziehen, um die Restemission auszugleichen.

Mittelfristig wird die EU nicht umhinkommen, technologische Senken in ihre Klimapolitik zu integrieren.

Deshalb kommen die künstlichen oder technologischen Verfahren ins Spiel, die CO2 aus der Luft entfernen. Eine Möglichkeit besteht darin, die Produktion von Energie aus Biomasse direkt mit der Abschneidung von Kohlendioxid zu kombinieren (BECCS). „Da Biomasse während ihres Wachstums CO2 bindet, ist die Kombination beider Prozesse gleichbedeutend mit einer Netto-Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre“ heißt es in der Studie. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass diese Entnahmestrategie in Konflikt mit der Nahrungsmittelproduktion und mit der Biodiversität steht, da die benötigten schnellwachsenden Pflanzen in Monokulturen angebaut werden. Ein weiteres technologisches Verfahren ist die Direktabschneidung und Speicherung von CO2 (DACCS). Mittels chemischer Prozesse wird es aus der Umgebungsluft gefiltert und kann dann weiterverarbeitet oder gespeichert werden.

Wohin mit dem Kohlendioxid?

Und hier beginnen beide Verfahren, problematisch zu werden. Nur ein kleiner Teil des CO2 kann genutzt werden, z.B. für die Getränkeindustrie oder zur Produktion synthetischer Treibstoffe. Und auch dieser Anteil landet früher oder später wieder in der Luft. Um das abgeschnittene CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre zu verbannen, müsste es gespeichert werden – in geologischen Formationen und in den Böden der Ozeane. Das CCS genannte Verfahren würde unterirdische Speicherung riesiger Mengen risikobehafteter Gase auf unabsehbare Zeit und in wachsendem Umfang bedeuten. Eine solche Aussicht ist nicht sehr attraktiv. Dazu kommt, dass die Verfahren sehr energieintensiv sind.

Dies mögen Ursachen dafür sein, dass sich EU-Gremien mit konkreten Plänen und Vorgaben zur Integration des unkonventionellen Ansatzes in die europäische Klimapolitik noch zurückhalten und eine Debatte um die CO2-Entnahme-Methoden vermieden wird. Gleichzeitig wird auf ihre Notwendigkeit verwiesen und es werden diesbezüglich Forschungsgelder bereitgestellt. In Deutschland wird die Anwendung von CCS als Teil der Klimaschutzpolitik abgelehnt. Besonders die Umweltverbände haben sich gegen einen Einsatz dieser Verfahren stark gemacht. Wir sprachen darüber mit Sascha Müller-Kraenner, dem Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe.

Um schmerzhafte Einschnitte kommen wir nicht herum

Seine Meinung zu diesem Thema lautet kurz zusammengefasst: „Über unkonventionellen Klimaschutz kann man sich Gedanken machen. Aber nicht jetzt.“ Denn es besteht die Gefahr, dass die unkonventionellen Methoden bestimmten Interessengruppen als Vehikel dienen, gegen die rapide Reduktion der Treibhausgasemissionen zu argumentieren. Doch hier sind schmerzhafte Einschnitte einfach unumgänglich. „Natürlich ist es so: die niedrig hängenden Früchte im Klimaschutz sind alle geerntet. Das was jetzt kommt tut richtig weh. Tut richtig weh in dem Sinne, dass es da um wirtschaftliche Interessen geht“, so Müller-Kraenner.

Die CDR-Verfahren sieht er kritisch. Denn es gibt sowohl ökologische wir auch ökonomische Grenzen für die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre. Die natürliche Umwelt bietet genügend Möglichkeiten zur Bindung von CO2 – wenn wir diese Möglichkeiten konsequent nutzen. Müller-Kraenner: „Die Überschrift muss sein: Wiederherstellung natürlicher und naturnaher Ökosysteme dort, wo sie einmal waren. Ganz viel Potenzial liegt außerdem in einer anderen Bodenbewirtschaftung und in der Beendigung der Zerstörung von primären Ökosystemen. Der Beendigung der Zerstörung von tropischen Regenwäldern. Der Wiedervernässung von Feuchtgebieten. Aber natürlich auch in der Reduzierung der Tierzahl bei der Viehzucht.“ Darauf sollte gesetzt werden, anstatt Auswege in energieaufwendigen „technologischen Wunderlösungen“ zu suchen. Um einschneidende Veränderungen in unserer Lebens- und Wirtschaftsweise kommen wir nicht herum, wenn wir das Klima wirklich schützen, unser Überleben sichern wollen.

Über unkonventionellen Klimaschutz kann man sich Gedanken machen. Aber nicht jetzt. Die Überschrift muss sein: Wiederherstellung natürlicher und naturnaher Ökosysteme.

Das sehen Geden und Schenuit im Grundsatz ähnlich. Deshalb schlagen sie vor, die Priorisierung des konventionellen Klimaschutzes, also der Reduzierung von Emission, gegenüber unkonventionellen Methoden festzuschreiben und zwar in einem Verhältnis von etwa 90:10 Prozent. Denn auch sie sehen die Gefahr, die die Strategie des unkonventionellen Klimaschutzes in sich birgt: wenn in starkem Maße auf die CO2-Entnahme-Strategie gesetzt wird, könnte das Paradigma des konventionellen Klimaschutz Schaden nehmen und an Wirkmächtigkeit verlieren. Weitere Emissionen könnten mit Verweis auf die Entnahme von CO2 grundsätzlich gerechtfertigt werden, was die Bemühungen zur konsequenten Emissionsvermeidung schwächen würde. Der Bärenanteil muss durch die Vermeidung von Emission erbracht werden, CO2-Entnahme-Verfahren können nur eine Ergänzung dazu sein.

Klimaschutz vs. Nachhaltigkeit?

Allerdings sehen die Autoren der Studie hier die Notwendigkeit als auch das Potenzial in der Entwicklung und im Ausbau technologischer Verfahren. Sie sehen die politischen Akteure in den EU-Gremien aufgefordert, hier die notwendigen Bedingungen zu schaffen. Unternehmerische Akteure sind in zweifacher Weise angesprochen: „Zum einen als (emittierende) Verantwortliche für das Problem und zum anderen als potentielle Innovationstreiber mit grünen Wachstumschancen.“ Bis auf wenige Ausnahmen haben sich europäische Unternehmen und Branchenverbände bislang noch nicht zum Ansatz der CO2-Entnahme positioniert. Es lässt sich, so die Autoren, nicht prognostizieren, auf welche Weise und mit welcher Geschwindigkeit die Entwicklung weiter verläuft. „Mittelfristig aber wird die EU nicht umhinkommen, technologische Senken in ihre Klimapolitik zu integrieren.“

Die beschriebenen technologische Verfahren laufen im Endeffekt auf eine Anhäufung von CO2 unter der Erde oder unter den Ozeanen hinaus. Auf die Nachteile und Gefahren dieser Verfahren gehen Geden und Schenuit in ihrer Studie nur am Rande ein. Unbeantwortet bleibt die Frage, wie es zum Paradigma der Nachhaltigkeit passt, kommenden Generationen Unmengen an Kohlendioxid in unterirdischen Speichern zu hinterlassen. Es bleibt also viel Raum für nachhaltige Innovationen in den Klimaschutz.

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