Darmkrebs ist in Deutschland bei Männern noch immer die dritthäufigste und bei Frauen die zweithäufigste Tumorerkrankung. So erkranken jedes Jahr rund 59.000 Menschen neu an dieser Krankheit. Laut Daten des Robert Koch Instituts liegt die Sterberate bei Männern bei 21 Prozent, bei Frauen bei knapp 13 Prozent. Heidelberger Wissenschaftler arbeiten nun an einer Therapie, unterschiedliche Krebszellen individuell zu bekämpfen.

Darmkrebs entsteht nicht nur an unterschiedlichen Stellen im Dick-und Dünndarm, auch die Krebszellen haben unterschiedliche „Bedürfnisse“. benötigen viel Energie, um zu wachsen und sich auszubreiten. Die Zellen eines Dickdarmtumors decken ihren Energiebedarf dabei unterschiedlich. Manche Krebszellen brauchen zum Wachsen viel Sauerstoff (aerob), andere wenig oder gar keinen Sauerstoff (anaerob). „Die Blutversorgung eines Darmtumors ist ‚chaotisch‘“, erklärt die Deutsche Krebshilfe. „Dadurch ist in einigen Bereichen des Tumors wenig, in anderen viel Sauerstoff vorhanden. Den Krebszellen macht das nichts aus: Ihr Stoffwechsel ist an die jeweilige Situation angepasst.“

Daher sprechen die unterschiedlichen Krebszellen auch unterschiedlich auf Therapien an und Medikamente wirken umso schwächer, je niedriger der Sauerstoffgehalt im Tumor ist, d.h., anaerob wachsende Tumoren sind resistent gegenüber der Chemotherapie. Die bislang eingesetzten Medikamente sind nämlich ohne Sauerstoff kaum wirksam. Anerobe Tumoren wachsen außerdem sehr schnell und können Schäden, die zum Beispiel durch eine Strahlentherapie entstehen, besser reparieren und überleben die Therapie. Somit kommt es auch immer wieder vor, dass Zellen mit einem anaeroben Stoffwechsel schon innerhalb kurzer Zeit nach der Behandlung ein erneutes Tumorwachstum hervorrufen.

Darmkrebs

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Maßgeschneiderte Kombinationstherapie aus mehreren Wirkstoffen

Da Darmkrebszellen sehr unterschiedlich und schlimmstenfalls gar nicht auf eine Chemotherapie ansprechen, untersuchen Wissenschaftler im Rahmen eines Forschungsprojekts jetzt, ob eine Kombinationstherapie aus verschiedenen Wirkstoffen sowohl aerobe als auch anaerobe Krebszellen gezielt bekämpfen und die individuelle Zusammensetzung des Tumors berücksichtigen kann. Die Deutsche Krebshilfe unterstützt das Projekt unter der Leitung von Dr. Bruno Köhler vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg und Professor Dr. Martin Schneider vom Universitätsklinikum Heidelberg mit 446.000 Euro.

„Wir wollen zunächst aus sieben bereits bekannten Krebsmedikamenten die Substanzen mit der markantesten Funktionsweise identifizieren – also solche Wirkstoffe, die spezifisch nur aerobe beziehungsweise anaerobe Tumorzellen töten“, sagt Projektleiter Köhler. Sobald sie die Substanzen identifiziert haben, die die vielversprechendsten Ergebnisse versprechen, wollen die Wissenschaftler diese Wirkstoffe kombinieren. Dann wollen sie anhand von Tumorgewebeproben und Darmkrebsmodellen untersuchen, welches die effizientesten Kombinationen sind.

Auf Basis der so gewonnen Ergebnisse sollen später klinische Studien für Dickdarmkrebs folgen. „Der Sauerstoff-Stoffwechsel spielt eine zentrale Rolle in der Tumorbiologie und ist möglicherweise der Schlüssel zu einer personalisierten Behandlung mit maximaler Wirkungskraft. Unser Ansatz könnte die Therapie von Kolonkarzinomen revolutionieren“, so Köhler.

Keine Therapie ohne Diagnostik

Die Wissenschaftler haben in Versuchen bereits eine verlässliche Analysemethode entwickelt, mit der sie die genaue Zusammensetzung des Tumors bestimmen können. Anhand von Gewebebiopsien erfassen sie den Stoffwechseltyp der Tumorzellen und erkennen auch, welcher Zelltyp überwiegt. Dadurch ist eine exakte Dosierung der kombinierten Präparate möglich. „Eine genaue Diagnostik ist somit eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz der zukünftigen Therapie in der klinischen Routine“, betont Schneider.

Darmkrebs

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Trotz Vorsorge und immer besserer Therapien ist Krebs oft noch immer noch eine Erkrankung mit schlechten Heilungsmöglichkeiten. „Die Deutsche Krebshilfe fördert daher zahlreiche Forschungsprojekte, die neue Perspektiven für Diagnostik und Therapie von Tumorerkrankungen eröffnen“, erklärt der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krebshilfe, Gerd Nettekoven. „Nur durch neue Erkenntnisse aus der Forschung lassen sich innovative und neue Therapiestrategien erarbeiten.“

„Darmkrebsmonat März“

Das durchschnittliche Erkrankungsalter von Darmkrebs liegt für Männer bei 72 Jahren und für Frauen bei 75 Jahren. Rund zehn Prozent der Diagnosen werden aber vor dem 55. Lebensjahr und somit vor dem Alter gestellt, in dem man Anspruch auf die von der gesetzlichen Krankenversicherung angebotenen Darmspiegelung zur Krebsfrüherkennung hat.

Als besondere Risikofaktoren, Darmkrebs zu entwickeln, gelten Rauchen und Übergewicht. Weiterhin tragen Bewegungsmangel und ballaststoffarme, fettreiche Ernährung dazu bei, das Risiko zu erhöhen. Forschungen haben auch gezeigt, dass Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken oder viel rotes Fleisch und Wurst aus rotem Fleisch essen häufiger an Darmkrebs erkranken als Menschen, die von diesen Lebensmitteln Abstand nehmen. Außerdem sind auch Menschen, deren Eltern oder Geschwister an Darmkrebs erkrankt sind, besonders gefährdet, diese Krankheit ebenfalls zu entwickeln.

Die Deutsche Krebshilfe hat den März als „Darmkrebsmonat März“ erklärt und informiert verstärkt über diese Tumorart.

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