Die Gründer des Wiener Start-ups Benu sind selbst über die verkrusteten Strukturen des Bestattungwesens in Österreich gestolpert. Nun wollen sie es anderen erleichtern und zeitgemäße Beerdigungen ermöglichen. Dass sie mit der Idee einer zeitgemäßen Bestattung genau richtig liegen, zeigte sich bereits mit dem Start des Unternehmens: Sie erhielten eine Förderung der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft, die Projekte mit sozialem Impakt fördert.

Bestattung streng geregelt

In Österreich war die Bestattung lange öffentlich reguliert: In jeder Region gab es einen Bestatter, der eine Art Monopolstellung hatte. In manchen Gemeinden, wie etwa in Wien, war die Bestattung in öffentlicher Hand. Erst seit dem Erlass einer neuen Gewerbeordnung 2002, regelt sich das Bestattungswesen über die Gesetze des Marktes. Allerdings müssen Bestatter über einen Gewerbeschein verfügen. Durch diese späte Marktöffnung hinkt der Wettbewerb in Österreich hinter dem in anderen Ländern hinterher. Vor allem wird ein Mangel an Preistransparenz und öffentlich zugänglichen Informationen moniert. Für die Gründer von Benu ist diese Situation rückständig. Sie vergleichen das Problem gerne mit dem Reisewesen. Bis vor 2000 musste man ins Reisebüro gehen und war der Beratung des Reisebüro-Mitarbeiters sozusagen ausgeliefert. Heute  gibt es dagegen die Möglichkeit, online zu vergleichen und die Reise online zu organisieren.

Gründer und Geschäftsführer Stefan Atz im Interview:

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Ein Teil des Teams Benu (von links): Alexander Burtscher (CEO), Stefan Atz (CEO), Natascha Kvicsala, Daniel Petri, Lukas Wurzinger; (c) Benu

Welches Problem löst ihr und warum ist das wichtig?

Unsere Hauptmotivation ist es, Menschen in einer schwierigen Lebenslage zu helfen und das Dienstleistungserlebnis besser und einfacher zu machen. Wir geben den Hinterbliebenen die Möglichkeit, die Entscheidungen zu Hause mit der Familie – im geschützten Rahmen – zu treffen.

Was war das größte Hindernis, das ihr überwinden musstet?

Die Start-up-Szene ist geprägt von Herausforderungen und Problemen, die gelöst werden wollen. Wir kämpfen vor allem mit den verkrusteten Strukturen, die im österreichischen Bestattungswesen vorherrschen. Bis heute gibt es regionsspezifisch Bestatter, die ein Quasi-Monopol haben. Das macht es schwer, Fuß zu fassen. Nach wie vor gibt es Bestattungsbetriebe, die in öffentlicher Hand sind, und die Deals mit Friedhöfen und Pflegeheimen haben. Das führt dazu, dass uns als neuen Anbieter der Zugang zum Friedhof verwehrt wird – und das ist wettbewerbsrechtlich bedenklich.

Was hält eure Motivation aufrecht?

Die positiven Erlebnisse mit unseren Kunden. Wir haben in Österreich schon 300 Bestattungen durchgeführt und bisher waren alle sehr glücklich mit unserem Service. Viele bedanken sich per E-Mail, Brief oder kommen persönlich vorbei. Unsere Arbeit führt zu Kundenzufriedenheit und trägt zur Befindlichkeit bei. Positiv ist auch, dass wir uns wirtschaftlich gut entwickeln – und Freude daran haben, uns weiterzuentwickeln und etwas zu bewegen.

Wie sind die Bedingungen an eurem Standort? Könnt ihr euch einen idealeren Ort für Benu vorstellen?

Bisher haben wir uns die Standortfrage nicht gestellt, es war klar, dass wir in Österreich gründen. Wien ist eine schöne Stadt und wir bekommen hier gute Mitarbeiter.

Wir möchten aber auch über die Grenzen Österreichs hinauswachsen und zum führenden europäischen Online-Portal werden – rund um die Themen Tod, Bestattung und Sterbevorsorge.

Man sagt den Wienern einen Hang zur Morbidität nach?

Der Tod ist nach wie vor ein Tabuthema und wir wollen die Auseinandersetzung damit gesellschaftsfähig machen. Dass die Menschen in Wien eine Offenheit dafür haben, kommt uns vielleicht entgegen.

Vor einem Jahr haben wir eine Guerilla-Plakatkampagne gemacht. Anlass war eine Äußerung von Sebastian Kurz, die heftige Proteste in den sozialen Medien nach sich zog. Es ging um die Mindestsicherung und er sagte: “Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen.” Wir konterten mit einem Plakat und dem Text: „Herr Bundeskanzler, manche WienerInnen schlafen sogar ewig!“

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Guerilla Plakatkampagne (c) Benu

Was können wir von Benu im kommenden Jahr erwarten?

Wir wollten bis zum Ende des ersten Quartals 2020 eine relevante Größe im Bereich der akuten Bestattung erreichen. Unser Ziel war es, eine Bestattung pro Tag zu organisieren – und dieses Ziel haben wir erreicht. Bis Jahresende möchten wir die Anzahl der Bestattungen weiter ausbauen.

Parallel dazu entwickeln wir ein Treuhandmodell für die Sterbevorsorge, das einfach und verlässlich ist. Die Kunden können sich für die Bestattungsart und den Friedhof entscheiden und haben die Möglichkeit, finanziell vorzusorgen. Letzteres war bisher nur beim Versicherer möglich. Unser Modell ist umfassender und gleichzeitig kostengünstiger.

Weiters streben wir den Markteintritt in Deutschland an.

Wo möchtet ihr in fünf Jahren sein?

In fünf Jahren möchten wir ein führendes end-of-Life Portal sein und Anlaufstelle für alle Themen rund um die Themen Tod und Sterbevorsorge sein.

Was ist an eurer Innovation besser/anders als an existierenden Dingen?

Unser Anspruch ist es, jede Dienstleistung und jedes Angebot transparent darzustellen. Wir wollen jeden Prozess und jedes Produkt anders und neu und 100 Prozent aus Kundensicht denken.

Danke für das Gespräch.

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie verfolgt neue Trends in Gesellschaft, Design, Technologie und Wirtschaft findet es spannend, interdisziplinäre Tendenzen zwischen den verschiedenen Bereichen zu beobachten. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.