Jetzt, wo es eins gibt, fragt man sich, warum es nicht schon eher existierte: Ein Grundbuch für Materialien. Das Utrechter Unternehmen Madaster stellt seit 2017 sogenannte „Materialpässe“ für Gebäude her und macht somit den Bau eines jeden Gebäudes transparent. Nach der Expansion in europäische Länder werden nun die Aktivitäten nach Taiwan ausgeweitet. „Unsere Mission ist es, Verschwendung zu vermeiden, indem wir Materialien eine Identität geben“, so Rob Oomen, Partnermanager bei Madaster.

Auf der Plattform ging, die im September 2017 online ging, sind mittlerweile zwei Millionen Quadratmeter Material registriert. Der geniale Plan stieß von Anfang an auf positive Resonanz. So unterstützen große Unternehmen aus verschiedenen Branchen ‒ darunter Heijmans, Deloitte und Rabobank ‒, seit Beginn der Aktivitäten die niederländische Plattform. Mit einer einmaligen Spende gaben sie ihr zudem einen ersten Wachstumsschub.

3D-Konstruktionszeichnung als Basis

Die Idee ist einfach, aber innovativ. So verfügen viele Neubauten über eine 3D-Konstruktionszeichnung, ein sogenanntes Building Information Model (BIM). Dieses wird zunächst in Madaster hochgeladen. Anschließend wird das BIM mit der eigens erstellten Datenbank bekannter Materialien verglichen. Als Ergebnis entsteht ein Pass, der genau angibt, welches Material verwendet wurde. Zudem gibt es eine Übersicht über die Qualität und den Wert des verwendeten Materials.

Der Vorteil des Passes ist: Er erleichtert die Kreislaufwirtschaft erheblich. Denn er gibt an, wie Material wiederverwendet werden kann. In Anbetracht dessen, dass irgendwann unsere Rohstoffe erschöpft sind, ist dies laut Oomen dringend notwendig: „Es ist für die ganze Welt von Bedeutung, die Materialien gut zu managen.“ Madaster kann von Einzelpersonen und Unternehmen abonniert werden. Gebäude, die ‒ da sie beispielsweise älter sind ‒ keine 3D-Gebäudezeichnung haben, können die „Zutaten“ für einen kompletten Pass in einem bereitgestellten Formular sammeln.

Nachhaltig und Sicher

Übrigens ist es nicht nur das Thema Nachhaltigkeit, das das Unternehmen antreibt. Laut Madaster kann durch das Erfassen der Konstruktions-Komponenten auch die Sicherheit von Gebäuden verbessert werden. Man denke zum Beispiel an das eingestürzte Parkhaus in Eindhoven oder das brennende Mehrfamilienhaus in London. Ein Pass ermöglicht es, solche Konstruktionen schnell nachzuvollziehen.

Madaster blieb übrigens auch im Ausland nicht unbemerkt. „In der Schweiz wird bereits an einem Swiss Madaster gearbeitet. Zudem sind wir mit Belgien, Luxemburg, Deutschland, Finnland und Norwegen im Gespräch“, so Oomen. Doch dann klopfte Taiwan plötzlich an die Tür. Ein Land, das das Unternehmen zunächst nicht auf dem Schirm hatte.

„Taiwan ist sehr zukunftsorientiert“, erklärt Simone Sars, Business Development Manager Asia. „Es gibt dort nur eine begrenzte Anzahl an Quellen und wenige Ressourcen. Deshalb wird hier ein Konzept wie Zirkularität schnell als wichtiges Thema aufgegriffen.“

Sars ist als Sinologin eng mit Madaster verbunden. Ihr Wissen über Asien hilft ihr dabei, die Expansion auf diesem Markt voranzutreiben. Ende März reist Madaster als Teil einer niederländischen Handelsmission nach Taiwan. Zwei unterzeichnete Absichtserklärungen unterstreichen dabei die Zusammenarbeit mit dem Inselstaat. Vor Ort sollen zwei Materialpass-Demonstrationen gezeigt werden. „Wir hoffen auf diese Weise die Taiwanesen von unserer Idee zu überzeugen“, so Sars.

Sofern die Taiwanesen interessiert sind, wird es für das Unternehmen eine große Herausforderung sein, das niederländische Madaster in eine taiwanesische Version zu übersetzen. Dazu Sars: „Sie haben dort zum Beispiel ein anderes Kodierungssystem, und es muss vollständig ins Chinesische übersetzt werden.“

Sars und Oomen hoffen, dass dies ein Sprungbrett in den restlichen asiatischen Markt sein wird. „Madaster hat ein öffentliches Interesse“, betont Oomen. „Wenn wir Verschwendung vermeiden wollen, müssen wir ihr zuerst eine Identität geben. Dazu brauchen wir eine Systemänderung.“