pills (c) Pixabay - Gabi Sanda

Die Neurobiologin Belinda Pletzer von der Universität Salzburg untersucht die psychische Wirkung der Antibabypille. Dabei konzentriert sie sich auf die neurobiologischen Auswirkungen auf die Strukturen im Gehirn – und ob diese reversibel sind. Interessierend ist vor allem die Pubertät als sensible Phase der Gehirnentwicklung.

Es gibt etwa 9000 Studien zu Gesundheitsrisiken und Nebenwirkungen der Pille. Neben körperlichen Erscheinungen wie Gewichtszunahme, Bluthochdruck und Thrombosen wurden auch bereits psychische Auswirkungen untersucht. Bis jetzt waren es aber erst etwa fünfzehn Studien, die sich mit dem Einfluss der Antibabypille auf das Gehirn beschäftigten. Die Ursache psychischer Auswirkungen im Gehirn zu beobachten, ist auch für Pletzer, die unter anderem Biologie und Psychologie studiert hat, die geeignete Methode.

Die Forscherin widmet sich in ihrer Studie Antibabypillen mit zwei unterschiedlichen Wirkstoffen:

  • Levonorgestrel hat androgene – eher vermännlichende – Wirkung;
  • Drospirenon hat anti-androgene – eher verweiblichende – Wirkung;

Frauen reagieren emotional sehr unterschiedlich auf die Einnahme der verschiedenen verfügbaren Antibabypillen. Dazu Pletzer:

„Bei manchen Frauen führt die Einnahme zu depressiven Verstimmungen. Bei anderen hat diese einen stabilisierenden Effekt. Schließlich werden manche Antibabypillen auch bei prämenstruellem Syndrom (PMS) verschrieben.“

PMS bezeichnet komplexe körperliche und emotionale Beschwerden im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus der Frau.

Tests zur Denkfähigkeit

Das Projekt soll zeigen, was Frauen, welche die Antibabypille gut vertragen, von Frauen unterscheidet, bei denen dies nicht der Fall ist. Weiters soll untersucht werden, wie die verschiedenen Antibabypillen das Gehirn während sensibler Perioden der Gehirnentwicklung wie der Pubertät beeinflussen.

Die Tests erfolgen mithilfe von fMRT-Scans an der Christian Doppler Klinik. Die Probandinnen müssen verschiedene kognitive Aufgaben lösen und die Scans dokumentieren, ob sich durch die Pilleneinnahme die Gehirnstruktur oder Gehirnaktivierung verändert.

Die Tests erfolgen vor, während und nach der Antibabypillen-Einnahme. Nach dem Absetzen der Antibabypille wird geprüft, ob der Einfluss reversibel ist.

Pletzer ist am Centre for Cognitive Neuroscience in Salzburg tätig. Ihrem Projekt wurde ein Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) zuerkannt, der mit 1,5 Millionen Euro dotiert ist. Die 36-jährige Ausnahmeforscherin hat Biologie, Psychologie, Philosophie und Mathematik studiert und hat ein doppeltes Doktorat. Außerdem ist sie Mutter von vier Kindern. Die Förderung läuft über fünf Jahre und ermöglicht ihr eine umfassende Studie mit 300 Probandinnen.

Belinda Pletzer im Interview:

DDR. Belinda Pletzer , NAWI Salzburg
DDR. Belinda Pletzer, Universität Salzburg (c) Andreas Kolarik/Herbert Rohrer

 

Hat es einen Grund, warum es bisher noch kaum Studien zur Auswirkung der Pille auf die Psyche gibt?

Wenn man von Psyche spricht, denkt man an emotionales Befinden. Schon seit den 1960er Jahren ist bekannt, dass die Pille Auswirkungen auf die Psyche hat. Es gibt auch Studien dazu, aber die Ergebnisse sind zwiegespalten. Manche Studien weisen erhöhte Depression nach, andere stabilisierende Effekte auf das emotionale Befinden. Es gibt beides, Frauen reagieren verschieden. Diese Effekte wurden von Frauenärzten beobachtet und in Studien belegt.

Ich denke bei Psyche an die neurobiologischen Strukturen im Gehirn – und dazu gibt es noch kaum geeignete Untersuchungen. Zum Beispiel gibt es Studien, die im Gruppenvergleich untersuchten, ob sich die Gehirnstruktur von Frauen welche die Pille nehmen, von jenen unterscheidet, die sie nicht nehmen. Das ist methodisch zweifelhaft. Jeder Mensch ist anders.

Wir führen eine Longitudinal-Studie durch und vergleichen die Entwicklung der Gehirnstruktur von Frauen, bevor, während und nachdem sie die Pille genommen haben.

Welcher Art sind die kognitiven Aufgaben, welche die Probandinnen während der Tests erfüllen müssen?

Dadurch, dass es in dem Bereich noch kaum Studien gibt, versuchen wir die Kognition möglichst breit abzudecken. In der Regel sind dies die Aspekte: räumlich, verbal und Gedächtnis. Wir testen

  • Navigationsaufgaben
  • Arbeitsgedächtnis
  • Verbale Flüssigkeit
  • Gesichtserkennung

Zu Gesichtserkennung haben wir eine Vorstudie, in der wir zeigen konnten, dass die Gesichtserkennung bei Einnahme von bestimmten Arten der Antibabypille besser ist. Die Gesichtserkennung korreliert mit der grauen Masse in der Gehirnregion, die für die Gesichtserkennung zuständig ist.

Unabhängig von uns hat sich eine andere Gruppe die Gehirnaktivierung angesehen, die ebenso korreliert. Je länger die Frauen die Pille einnehmen, umso mehr.

Gesichtserkennung könnte man einreihen in die Studien, welche den Einfluss der Antibabypille auf das Gedächtnis untersucht haben. Tatsächlich und mit ganz viel Vorsicht kann man sagen: Der gemeinsame Nenner der wenigen vorhandenen Studien ist, dass sich Gedächtnisleistung durch die Einnahme der Antibabypille leicht zu verbessern scheint.

Das sagt nicht, dass die Einnahme der Antibabypille positiv oder negativ ist, sondern lediglich, dass sie eine Auswirkung haben könnte. Da jede Frau anders auf die Pilleneinnahme reagiert und es noch kaum geeignete Studien gibt, kann man auch noch keine Empfehlung abgeben.

Welche Befunde zum Thema gibt es aus vorangehenden Studien?

Grundlage für unsere Hypothesen sind Befunde, wie körpereigene Hormone auf das Gehirn wirken. Wir haben uns eine Reihe von Gehirnregionen angesehen, die immer – in verschiedenen Studien und bei verschiedenen Probandinnen – ähnlich auf Hormone reagieren. Wenn Östradiol ansteigt, dann gibt es mehr graue Masse und mehr Aktivität im Hippocampus. Weil in der Pille meist ein sehr starkes synthetisches Östrogen (Ethinyl-Östradiol) enthalten ist, erwarten wir uns einen ähnlichen Effekt. Aber das ist noch zu zeigen.

Anmerkung: Östradiol ist ein Sexualhormon und im Vergleich mit Estron und Estriol das wirksamste natürliche Estrogen (Östrogen). Es wird vor allem in den Follikeln der Eierstöcke gebildet.

Danke für das Gespräch.

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie verfolgt neue Trends in Gesellschaft, Design, Technologie und Wirtschaft findet es spannend, interdisziplinäre Tendenzen zwischen den verschiedenen Bereichen zu beobachten. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.