Zwei junge Architekten haben jahrhundertealtes Bauwissen auf ein zukunftsweisendes Niveau gebracht. Ihr sogenannter Strohboid soll Häuser ermöglichen, die CO2-neutral und für Umwelt und Mensch unbedenklich sind. Indem traditionelle Rohstoffe mit innovativer Leichtbauweise verbunden werden, wird das Modell für viele zugänglich.

Maximilian Schade und Fritz Walter haben den Strohboiden im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Technischen Universität Graz entwickelt. Das vorgefertigte Modell benötigt neunzig Prozent weniger Herstellungsenergie als ein konventionelles Haus aus Stahl und Beton. Das Design folgt der Schwerkraft und dem Sonnenstand. Materialien werden gemäß ihrer natürlichen Eigenschaften eingesetzt.

Die Architekten arbeiten mit den natürlichen Rohstoffen Stroh, Holz und Lehm, die eine Reihe von Vorteilen haben:

  • In Kombination widerstehen diese Feuer, Wind und Nässe, optimieren das Raumklima und überdauern Jahrhunderte.
  •  Sie sind weltweit regional verfügbar.
  • Sie binden in ihrer organischen Masse mehr CO² als herkömmliche Gebäude bei Herstellung und Betrieb freisetzen.

Strohboid ist ein Freiformsystem und lässt sich auf Gebäude jeder Größe und Spannweite anwenden – vom Tiny House bis zum Olympiastadion. Das tragende Skelett besteht aus einer Holzgitterschale aus heimischem Buchenholz. Dieses hat Eigenschaften wie Stahl und wird mit Holzbugtechnik im feuchten und warmen Zustand geformt. Die Dämmschicht besteht aus Stroh, das außerordentliche Dämmeigenschaften und Speicherkapazität mitbringt. Es macht Heizen überflüssig und spart mehr CO2 als vergleichbare Materialien. Die Strohschicht wird mit Lehm verputzt. Das im Lehm enthaltene Silizium hat die Eigenschaft, Raumluft zu reinigen und zu regulieren.

Das erste Produkt von Schade und Walter ist ein zusammenfaltbares Event-Zelt, das mit einem zwölf Meter langen Anhänger transportiert werden kann. Herkömmliche Zelte sind aus einer Aluminiumkonstruktion und einer PVC-Plane. Das Strohboid-Zelt ist aus einer Holzkonstruktion und einer Lyocell-Plane. Lyocell ist ein holzfaserbasiertes Textil. Für das Zelt wurde ein österreichisches Patent angemeldet. Erste Umsätze generiert das Start-up mit der Vermietung dieses Zeltes. Der Launch weiterer Produkte soll folgen.

Max Schade im Interview:

 

Strohboid

Maximilian Schade (links) und Fritz Walter beim Aufbau des Strohboiden.

Was ist Ihre Motivation? Welches Problem lösen Sie?

Derzeit wird in der Bauwirtschaft noch sehr energieintensiv gearbeitet. Ökologisches Bauen ist noch eine Nische, wäre aber wichtig für eine CO2-neutrale Zukunft. Mit Stroh, Holz und Lehm lassen sich Gebäude errichten, die genauso viel CO2 speichern, wie herkömmliche Bauweisen freisetzen. So lässt sich die ökologische Wende im Baugewerbe verwirklichen. Ein konsequenter Umstieg würde mit einer CO²-Reduktion von zwanzig Prozent mehr einsparen als die Elektromobilität.

Warum ist das wichtig?

Unser Produkt ist CO2-neutral und hat keine chemischen Oberflächen. Dadurch kommt es zu keiner Ausdunstung von Baustoffen und dem damit verbundenen sick building syndrome. Das Zelt hat eine bessere Atmosphäre, ein besseres Raumklima und wirkt aus sich heraus. Wir verbinden klimaneutrales Bauen mit einem ansprechenden Design. Das Zelt braucht keine Dekoration, um zu wirken.

Was war das größte Hindernis, das Sie überwinden mussten? Gab es einen Moment in dem Sie aufgeben wollten?

Aufgeben wollten wir nie. Aber die Phase, als noch nicht klar war, ob die Idee der Holzgitterschalenkonstruktion funktioniert, war sicher die schwierigste. Bei der ersten Konstruktion hat der Aufbau drei Wochen gedauert. Die Frage war also, wie kann es schnell und einfach aufgebaut und transportiert werden? Lange war nicht klar, ob der Auf- und Abbau überhaupt möglich ist.

Was waren die bisher schönsten Momente? Welche Leistungen haben Sie wirklich stolz gemacht?

Der schönste Moment war, zu sehen, wie schnell man eine komplexe Struktur auf- und abbauen kann. Das war 2018. Der schönste Moment 2019, war das positive Feedback von den Kunden und zu sehen, wie gut das Zelt bei den Besuchern ankommt.

Was können wir im kommenden Jahr von Ihnen erwarten?

Momentan liefern wir bloß Zelte aus. Aber wir hatten auch schon konkrete Gespräche mit Vertriebspartnern aus Deutschland und der Schweiz. Bisher sind wir öfter weite Strecken gefahren, um interessierte Kunden zu treffen. Das ist aber langfristig nicht gerade umweltfreundlich. Außerdem wollen wir mit der Detailplanung des nächsten Projektes anfangen, dem Strohboid Chalet. Den Bau planen wir schon im kommenden Herbst. Das Musterhaus wird am Grundstück unseres Businessengels, Barbara Ebner, errichtet, wo wir es gemeinsam zum Ferienmachen und Probewohnen anbieten werden. Es ist eine neuartige Konstruktion, die vorgefertigt wird und innerhalb von ein bis zwei Monaten zu realisieren sein soll.

Strohboid Chalet (c) Strohboid

Wo möchten Sie mit Ihrem Unternehmen in fünf Jahren sein – was ist Ihr höchstes Ziel?

In fünf Jahren wollen wir unsere Eventzelte an Zeltverleiher weltweit verkaufen und uns vorrangig mit der Produktion der Eventzelte befassen. Neben den aktuellen Eventzelten, die eine Breite von acht Metern haben, werden wir auch Eventzelte mit zwanzig Meter Breite für Großveranstaltungen entwickeln. Das zweite Produkt, das Strohboid Chalet, soll in Serienfertigung gehen. Zudem wollen wir mit demselben ökologischen Bausystem auch größere Bauprojekte realisieren.

Was macht Ihre Innovation besser/anders als existierende Dinge?

Das Event-Zelt ist ökologisch und aus natürlichen Materialien. Es entspricht den Zukunftsthemen CO2-neutrales und ökologisches Bauen, hat ein perfektes Design und ist nicht mit bestehenden Zelten vergleichbar.

Danke für das Gespräch!

 

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