© RUB, Kramer

Das Immunsystem des Körpers bekämpft Viren in erster Linie mit Antikörpern und T-Lymphozyten. Dabei binden die Antikörper an bestimmte Virusrezeptoren and und verhindern so, dass die Viren in Zellen eindringen können. Gleichzeitig wird die infizierte Zelle für andere Akteure des Immunsystems markiert, so dass diese die Zelle dann abtöten. Virus-spezifische T-Lymphozyten können infizierte Zellen dagegen direkt abtöten.

In Studien, die in den vergangenen Wochen durchgeführt wurden, wurden solche zelltötenden SARS-Cov-2-spezifischen T-Zellen bei Patienten mit der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 analysiert. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass derartige Zellen vor allem bei Menschen zu finden waren, die eine Covid-19-Erkrankung überstanden hatten. Das ließe auf eine schützende antivirale Wirkung dieser Zellen schließen, erklären Wissenschaftler. Andererseits würden einige Studien nahelagen, dass eine zu starke Antwort des Immunsystems ursächlich für die schweren Covid-19-Verläufe sein könnte. Allerdings sei die Rolle der SARS-Cov-2-spezifischen T-Zellen bei dieser überschießenden Immunantwort unklar.

Stärke der Immunantwort entscheidend

Anders als bisher angenommen entsteht das gefürchtete Lungenversagen bei schweren Verläufen von Covid-19 also nicht, weil die Immunantwort zu schwach ist. Im Gegenteil. Zu diesem Lungenversagen scheint eine zu starke Reaktion des Immunsystems beizutragen. Forscher des Marien-Hospital Herne und der Virologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB) sowie der Kliniken für Infektiologie und Anästhesie und des Instituts für Virologie der Universitätsmedizin Essen haben hierzu umfangreiche Untersuchungen durchgeführt.

Unter Leitung von Prof. Dr. Nina Babel, Leiterin des Centrums für translationale Medizin am RUB-Klinikum Marien-Hospital Herne, haben die Wissenschaftler spezifische Antikörper und T-Zellen im Verlauf der Covid-19-Erkrnkung sowohl bei Patienten mit einem leichten Krankheitsverlauf, bei schwer erkrankten als auch bei später verstorbenen Patienten untersucht. Dabei stellten sie fest, dass die Immunreaktionen vergleichbar waren.

In der Studie, die in der Zeitschrift Cell Reports Medicine veröffentlicht wurde, haben die Forscher Immunantworten bei Patienten im Verlauf der Covid-19-Erkrankung analysiert. „So wollten wir die Bedeutung der T-Zellen und Antikörper für die Kontrolle der Infektion und der Erkrankung untersuchen”, erklärt Nina Babel. „Die Neuheit unserer Studie besteht darin, dass wir SARS-Cov-2-spezifische T-Zellen und Antikörper in Bezug auf den Krankheitsverlauf und die Virusbeseitigung analysiert haben. Wir konnten feststellen, dass eine stark ausgeprägte T-Zell- und Antikörper-Antwort nicht nur bei Patienten mit leichtem Covid-19-Verlauf beziehungsweise nach besiegter Virusinfektion nachweisbar waren.” Patienten mit schwersten Verläufen und Covid-19-bedingtem Lungenversagen hätten vergleichbare oder sogar stärkere Immunität gegen SARS-Cov-2 gezeigt.

Weitere Studien nötig

„Die Anzahl der spezifischen Immunzellen sowie deren Funktionalität waren im Verlauf der Erkrankung bei Patienten, die Covid-19 überlebt haben, nicht besser als bei den daran Verstorbenen”, sagt Dr. Ulrik Stervbo, Laborleiter im Centrum für Translationale Medizin. Es habe auch keinen Unterschied in der Stärke und der Funktionalität der Immunantwort zwischen den Patienten mit weiterhin bestehender und überstandener SARS-Cov-2-Infektion gegeben.

„Obwohl weitere Studien benötigt werden, um den konkreten Mechanismus des Covid-19-assoziierten Lungenversagen zu verstehen, deuten unsere Daten darauf hin, dass eine überschießende SARS-Cov-2-spezifische T-Zell-Immunantwort eine Immunpathogenese auslöst und somit zur Entstehung lebensbedrohlicher Verläufe führt”, betont Studienleiterin Nina Babel. „Die Ergebnisse aktueller Studien zu einer erfolgreichen Anwendung immunsuppressiver Therapien bei Covid-19 stützen diese Hypothese”, fasst Prof. Dr. Timm Westhoff, Direktor der Medizinischen Klinik I des Marien-Hospitals Herne, zusammen.

Originalveröffentlichung:
Constantin J. Thieme, Moritz Anft et al.: A robust T cell immunity towards spike, membrane, and nucleocapsid SARS-CoV-2 proteins is not associated with recovery in critical COVID-19 patients, in: Cell Reports Medicine, 2020, DOI: 10.1016/j.xcrm.2020.100092: https://www.cell.com/cell-reports-medicine/fulltext/S2666-3791(20)30118-X

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Über den Autor

Author profile picture Petra Wiesmayer ist seit mehr als 25 Jahren als Journalistin und Autorin tätig. Sie hat bis heute hunderte Interviews mit Prominenten aus Entertainment, Sport und Politik geführt und zahllose Artikel über Entertainment und Motorsport für internationale Medien recherchiert und verfasst. Als großer Science-Fiction-Fan ist sie fasziniert von Technologien, die die Zukunft der Menschheit mitbestimmen könnten und liest und schreibt gerne darüber.