Die Wälder rund um den Globus werden immer weniger. Die Gründe dafür sind zum großen Teil Rodungen – und es wird nicht besser. Gerade erst hat Brasiliens Regierungschef Jair Bolsonaro den Chef des Instituts für Weltraumforschung, Ricardo Galvão, entlassen, nachdem der über massive Abholzungen des Regenwald berichtet hatte, die auf Satellitenbildern zu sehen sind. So seien im Juni diesen Jahres 920 Quadratkilometer Regenwald im Amazonas verloren gegangen, 88 Prozent mehr als im Juni 2018. Im Juli sind nach Aussagen von Galvão sogar 212 Prozent mehr Bäume gefällt worden als im Juli 2018.

Die Rodungen werden wohl auch in ähnlichem Tempo weitergehen, da Bolsonaro bereits angekündigt hat, sie zugunsten von Soja-, Weizen- und Maisanbau oder Weideland für Rinder zuzulassen. Es werde keine keine neuen Schutzgebiete im Amazonasgebiet geben. Außerdem kürzte er das Budget für den Klimaschutz und schreckt auch nicht davor zurück, die im Wald lebenden indigenen Völker notfalls mit Gewalt zu vertreiben, um mit den Rodungen fortfahren zu können.

Gleichzeitig spricht der Rest der Welt von einer dringen nötigen Wiederaufforstung der Wälder, um einer weiteren Erwärmung der Erde zumindest etwas entgegenzuwirken. In Deutschland plant Umweltministerin Julia Klöckner für September einen nationalen Waldgipfel. „Unser Wald ist massiv geschädigt“, sagte sie der Rheinischen Post. „Nur mit vereinten Kräften stemmen wir die Mammutaufgabe, die vor uns liegt, um unseren Wald zu retten – nicht nur für uns, sondern für die nachfolgenden Generationen.“

Auch zwischen Flensburg und Bodensee sind die Wälder nämlich erheblich geschädigt, in erster Linie durch Stürme oder Schädlinge. Laut Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) sind bereits 120.000 Hektar abgestorben, vor allem Fichten, Kiefern, Buchen und Eichen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) spricht nach dem großen Waldsterben in den 1980er Jahren schon von einem „Waldsterben 2.0″.

© Petra Wiesmayer

„Manchmal ist nichts tun am besten“

Wie man etwas gegen dieses Waldsterben tun kann und wie ein nachhaltiger Wald aussieht, zeigt der kleine, nur 6,35 Hektar großer Listlewald bei Buchloe im Ostallgäu. Im Jahr 1998 erwarb die J. B. Kaiser’sche Armen- und Krankenstiftung den Wald von seiner damaligen Besitzerin, Kreszentia Listle, die ihn nach einem Sturmschaden im Jahr 1990 als Mischwald mit Fichten, Eichen, Eschen, Erlen, Birken und Ahorn neu gepflanzt hatte. Mittlerweile finden sich in dem Wald 14 verschiedene Baumarten und zahllose Büsche, Gräser und Gewächse, die für die Gesamtökologie, Artenvielfalt und auch die Klimaresistenz des Waldes wichtig sind.

Der Listewald ist kein saubergefegter Wald und auch keiner, in dem alles wild wuchert, selbst wenn es teilweise den Anschein haben könnte. „Manchmal ist nichts tun am besten“, betont Revierleiter Stephan Fessler vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kaufbeuren, das den Wald im Auftrag der Stiftung bewirtschaftet. Und er zeigt eindrucksvoll, „dass auch sehr gut gewirtschaftet werden kann, wenn man mit der Natur zusammenarbeitet.“ Dieses Nichtstun sei jedoch nicht immer einfach, da sich schon hin und wieder mal Leute über die „Unordnung im Wald“ beschweren würden.

Bis der Wald soweit war, wie er heute ist, war es ein langer Weg. Vor 35 Jahren sah es zwischen den Bäumen aus, wie in den meisten Wäldern. Kahl und auf dem Boden lagen höchstens die trockenen Nadeln. Nun ist alles grün und es blühen Blumen. „Der eine oder andere wird wohl denken, was ist das hier für ein Verhau? Lauter Unkraut, das Holz liegt kreuz und quer, aber genau das wollen wir heutzutage“, sagt Fessler. „Früher hat man im Wald massiv aufgeräumt. Jeder Stock kam raus bis hin zur Nadelstreu, das als Einstreu im Viehstall genutzt wurde, weil es kein Stroh gab.“ Das sei heutzutage nicht mehr notwendig und darum könne man es sich auch leisten, nicht mehr derart aufzuräumen. „Man muss es sich auch leisten, weil es im Wald auch darum geht, dass man möglichst viele Arten erhält und möglichst vielen Arten Lebensraum schafft. Und genau das machen wir hier.“

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Unkraut als „Begleitwuchs“

Und so wächst im Listlewald auch das Unkraut nicht unkontrolliert. In einem, nach einem Borkenkäferbefall entstandenen „Käferloch“, bietet es den neu gepflanzten, jungen Bäumen, Schutz. „Wir mussten in kürzester Zeit wieder standortgerechte Baumarten pflanzen und die ersten Bäume kommen durch den Begleitwuchs, die Brennesseln und das Gras auch schon durch“, zeigt Fessler. Fichten gibt es an dem Standort nicht mehr, dafür aber Erlen und Tannen, die allerdings durch Gitter geschützt sind um nicht dem Appetit der Rehe zum Opfer zu fallen. „Die Tanne ist eine schattenliebende Baumart und verträgt die Freifläche normalerweise nicht, weil sie Probleme hat mit Frostgefährdung. Trotzdem wollten wir hier eine weitere Baumart mit einbringen, die neben der Erle auch den wirtschaftlichen Gedanken etwas mit prägt und gleichzeitig zu diesem Standort hier passt. Der Begleitwuchs übernimmt hier die Aufgabe der Fichte und ermöglicht so eigentlich der Tanne erst das Leben.“

Begleitwuchs ist das Schilf, das man im Listlewald überall am Wegrand findet, zwar nicht, leistet aber, wie auch der Wasserdost, ebenfalls einen Beitrag zur Artenvielfalt. Man müsse nicht ständig Grabenpflege betreiben, stellt Forstdirektor Stephan Kleiner klar. „Dank der neuen, naturbelassenen Bewirtschaftung wurde im Listlewald neuer Lebensraum geschaffen, der durch die frühere Bewirtschaftung vernichtet worden war“, freut er sich. „Der Wasserdost brauch einen feuchten Lebensraum und gibt Nahrung gibt für einen Schmetterling: die spanische Flagge. Sie braucht den Wasserdost, um dort ihre Eier abzulegen und die nächste Schmetterlingsgeneration sicherzustellen.“

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Mehr auf den Standort besinnen

Einen weiteren „Grundpfeiler der Biodiversität und ökologischen Vielfalt“ bilden im Listelwald auch Totholzbäume, die ein Zuhause bieten für Käfer, Insekten, Schmetterlinge und auch Vogelarten wie den Specht, den Waldkauz, oder die Rothaube. „Sie beheimaten Arten, von denen andere Arten wiederum abhängig sind“, sagt Kleiner. „Der Specht baut seine Höhle in dieses Totholz hinein und dann gibt es jede Menge Nachmieter, die keine Miete zahlen. Da zieht dann der Waldkauz ein oder die Rothaube. Der Specht leistet sehr wichtige Vorarbeit für die Nachfolger. Man muss das eben auch aushalten und kann nicht alles immer gleich aufräumen.“

Das frühere forstliche Konzept, reine Fichte mit etwas Erle durchsetzt, sei überholt, erklärt Fessler. Reine Fichtenwälder sind nämlich viel zu anfällig bei Trockenheit, Sturm, für Borkenkäfer oder auch Schneebruch. „Wild einfach neue Baumarten zu pflanzen, und zu sehen, was passiert“, sei aber auch keine Lösung. Man muss die Wälder zwar an das Klima anpassen und sie klimarestistent gestalten, aber: „Man muss sich mehr auf den Standort besinnen und die passende Baumart suchen, und nicht versuchen, den Standort unter allen Umständen für die Fichte tauglich zu machen. Ich denke, wir sind hier auf seinem sehr guten Weg“, so Fessler.

Im Listlewald baut man daher auch auf zusätzliche Baumarten, die die Natur kostenlos geliefert hat. „So kommt man auf engstem Kreis von einer Baumart plötzlich auf sieben Baumarten und hat schon gleich mal Biodiversität.“ Das sei die Zukunft, betont Fessler. „Das ist die einzige Chance, wie dieser Wald auch in Zukunft als Wald erhalten bleiben kann. Bei 100% Fichte hätten wir kaum Chancen bezüglich Klimawandel, dass hier der Wald als Waldstandort erhalten bleiben kann.“

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