De Cottbuser Ostsee vanaf een uitkijktoren. Foto Maurits Kuypers
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In Deutschland kann man in diesem Sommer für 9 Euro im Monat mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren. Innovation Origins nutzt die Gelegenheit, um eine Reihe von Zukunftsprojekten zu besuchen. In dieser Folge geht es von Cottbus nach Bitterfeld-Wolfen.

Eine riesige offene Ebene mit kleinen Seen und Bächen darin und im Hintergrund das Kraftwerk Jänschwalde, das drittgrößte Kraftwerk in Deutschland. Das ist die Aussicht vom 31 Meter hohen Turm an der „Cottbuser Ostsee“.

Im Turm gehen die Leute ein und aus, um zu sehen, wie dieses gigantische Projekt vorankommt. Die Ebene ist ein alter Braunkohletagebau, der bis zum Rand mit Wasser gefüllt sein wird. Das Kraftwerk im Hintergrund wird noch weitgehend mit Braunkohle aus der Region gespeist.

Es handelt sich nicht um irgendein Kraftwerk. Das Ungetüm hat eine Kapazität von 3.000 Megawatt und hat im Jahr 2021 schätzungsweise 15,2 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen, was eigentlich gar nicht so schlecht ist, denn nach Angaben des Eigentümers der Anlage, der Firma LEAG, waren es im Jahr 2012 sogar 24 Millionen Tonnen, womit sie in jenem Jahr weltweit an siebter Stelle lag.

Aussichtsturm an der Cottbuser Ostsee
Aussichtsturm an der Cottbuser Ostsee. Foto Maurits Kuypers

Klimakiller

Ein Klimakiller also, der derzeit wegen des Krieges in der Ukraine wieder auf Hochtouren läuft. Aber das ist nur vorübergehend, wenn alles gut geht.

In ein paar Jahren sollte der weiße Rauch endgültig verschwunden sein. An den Ufern des Sees sollen dann Ferienhäuser gebaut werden. Cottbus bekommt einen ganz neuen Stadtteil. Es wird Strandpromenaden, Bars, Hotels und Häfen geben. Alles, was zu einem Badeort gehört.

Aber so weit ist es noch nicht. Kathi Gerstner, die Sprecherin der LEAG, sagt, dass die Befüllung der Grube mit Wasser eine große Herausforderung darstellt. Es wird eine Frage von Jahren sein, wobei vieles von den Wetterbedingungen abhängt.

Informationstafel an der Cottbuser Ostsee
An der Cottbuser Ostsee gibt es mehrere Informationstafeln über den Prozess und wie er aussehen wird. Foto Maurits Kuypers

Spreewasser ist knapp

„Bei der Flutung der Cottbuser Ostsee sind wir weitgehend von der Spree abhängig. Der Wasserstand des Flusses muss über einem bestimmten Niveau bleiben. Schließlich ist es auch ein wichtiger Fluss für Berlin, die Schifffahrt und andere Städte flussabwärts. Das heißt, wenn es viel Niederschlag gibt, geht es schneller, als wenn es trocken ist.“

Die Befüllung der Cottbuser Ostsee erfolgt über ein Netz von Kanälen und Schleusen, die geöffnet und geschlossen werden können. Gerstner geht davon aus, dass der Prozess irgendwann in der Mitte dieses Jahrzehnts (etwa 2024-2025) abgeschlossen sein wird. Es wird dann noch kein Badegewässer sein. Es wird noch einige Jahre dauern, bis die Gefahr von Erdrutschen vorüber ist und die Wasserqualität für Pflanzen, Tiere und Menschen gut genug ist.

Deutschlands größter künstlich angelegter See

Was aber, wenn der Klimawandel kaum noch Regen bringt? Selbst dann, so versichert Gerstner, wird der künstliche See entstehen. Es wird nur viel langsamer gehen, weil das meiste dann aus dem Grundwasser kommen muss. „Der Fluss ist wichtig, weil fließendes Wasser für eine bessere Wasserqualität sorgt.“

Blick über die Cottbuser Ostse
Blick über die Cottbuser Ostsee. Foto Maurits Kuypers

Künstliche Seen gibt es nicht nur in dieser Region, aber der Cottbuser See ist der bisher größte deutsche Braunkohletagebau, der in ein Badeparadies verwandelt werden soll. Es ist auch das erste Projekt dieser Art für die LEAG – ein Energieunternehmen im Besitz der tschechischen EPH-Gruppe.

Insgesamt werden 250 Millionen Kubikmeter Wasser für eine Fläche von etwa 19 km2 benötigt. Die Kosten werden auf 300 Millionen Euro geschätzt. Der See wird an manchen Stellen mehr als 30 Meter tief sein. Wenn alles gut geht! Denn es gibt Kritiker, die glauben, dass das Projekt nie seine volle Größe erreichen wird.

Netz künstlicher Seen

Aber die LEAG kann aus anderen Projekten in der ehemaligen DDR Hoffnung schöpfen. Die Lausitz – die Region, in der Cottbus liegt – ist wie ein großer löchriger Käse, mit alten Bergwerken überall, die mit Wasser gefüllt sind.

Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV steuert seit zwei Jahrzehnten den Prozess der Flutung. Neben der Spree wird in der Lausitz auch Flusswasser der Neiße und der Schwarzen Elster für diesen Zweck genutzt. Viele der Seen sind durch Kanäle miteinander verbunden und bilden das Lausitzer Seenland. Insgesamt gibt es mehr als 30 künstliche Seen, die nicht weiter als 80 Kilometer von Norden nach Süden und 40 Kilometer von Osten nach Westen voneinander entfernt sind.

Neben der Lausitz gibt es auch in andere Teile von Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt ehemalige Bergwerke, die zu neuem Leben erweckt werden. Wir sprechen hier vom Mitteldeutschen Braunkohlerevier. In dieser Region befindet sich der bisher größte künstliche See. Das ist der Geiseltalsee in der Nähe von Leipzig, mit einer Fläche von 18,4 km2.

Goitzschesee

Ein weiterer sehr großer künstlicher See – der bereits für den Tourismus bereit ist – befindet sich in der Nähe von Bitterfeld-Wolfen, zwei Städten in Sachsen-Anhalt mit viel chemischer Industrie. Zu DDR-Zeiten galt dies als eine Art „Todeszone“ mit stinkender Luft und toten Flüssen. Die Industrie ist seit dem 19. Jahrhundert hier ansässig. Damit ist es eines der ältesten und größten Industriegebiete in Deutschland, in dem die Braunkohle als Energieträger seit jeher eine wichtige Rolle spielt.

Der Goitzschesee bei Bitterfeld
Der Goitzschesee bei Bitterfeld. Foto Maurits Kuypers

Aber das gehört der Vergangenheit an. Im Mitteldeutschen Braunkohlenrevier (Deutschland hat insgesamt vier Braunkohlereviere) sind nur noch etwas südlich von Leipzig zwei Braunkohlegruben in Betrieb. In der Nähe von Bitterfeld befindet sich heute der Goitzschesee.

Fischadler und Seeotter

Auch an diesem See kann man einen Aussichtsturm besteigen. Im Gegensatz zu Cottbus ist das Wasser hier klar und der Strand ist voller Menschen. Es gibt einen Jachthafen und zahlreiche Ferienhäuser. Die rasante Entwicklung des Goitzschesees ist unter anderem auf ein großes Hochwasser im Jahr 2002 zurückzuführen. Für die Einwohner von Bitterfeld war das damals eine Katastrophe, aber für den See war es großartig, denn er wurde mit Wasser aus der Mulde gefüllt.

Auf einer Fahrradtour hat man gute Chancen, viele Vögel zu sehen. Es gibt Kraniche, Fischadler, Otter und Biber. Auch der Fischbestand scheint gut zu sein: Karpfen, Hecht, Wels, Aal, Barsch, Zander und andere. Über eine Webcam lässt sich sogar das Auf und Ab einer Fischadlerfamilie live verfolgen. Kurzum, die Natur hat hier ganze Arbeit geleistet.

Hier der Link zur Fischadler-Webcam.

Der Goitzschesee bei Bitterfeld
Der Goitzschesee bei Bitterfeld. Foto Maurits Kuypers

Festivalgelände Ferropolis

Etwas weiter nordöstlich befindet sich ein umgestalteter ehemaliger Braunkohletagebau, dessen Maschinen an Ort und Stelle belassen wurden und nun als Kulisse für das Festivalgelände „Ferropolis“ dienen. In der „Stadt aus Eisen“ finden den ganzen Sommer über Musik- und Sportveranstaltungen statt, wie das Melt- oder das Splash-Festival.

Und die Industrie, ist sie noch da?

Klar, zwischen Bitterfeld und Wolfen fährt man endlos an Fabriken vorbei. Aber sie stinken nicht mehr so sehr wie früher. Mehr als 360 Unternehmen sind im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen angesiedelt.

Ferropolis-Festivalgelände während des Melt! im Jahr 2012
Ferropolis-Festivalgelände während des Melt! im Jahr 2012. Foto Ferropolis

Lithium vom niederländischen Unternehmen AMD

Es gibt auch sehr moderne Industriezweige. So wird im Chemiepark derzeit eine der größten Lithium-Raffinerien Europas gebaut. Die niederländische Advanced Metallurgical Group AMG investiert 120 Millionen Euro in eine Lithiumhydroxid (LiOH)-Anlage.

Das Rohmaterial stammt aus einer AMD-Mine in Brasilien. Es wird mit einer Produktion von 20.000 Tonnen LiOH pro Jahr begonnen, die später auf 100.000 Tonnen ansteigen soll.

CEO Heinz Schimmelbusch sagte im Mai diesen Jahres bei der Grundsteinlegung, dass er bis zum Jahr 2030 mit einer Nachfrage von rund 600.000 Tonnen in Europa rechnet. LiOH ist ein wichtiger Bestandteil von Batterien für Elektroautos.

Die neue Lithiumanlage des niederländischen Unternehmens AMG im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen
Die neue Lithiumanlage des niederländischen Unternehmens AMG im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen. Foto Maurits Kuypers

Das Solar Valley ist noch nicht tot

Direkt am Stadtrand von Wolfen befindet sich ein Gewerbegebiet, das der Solarzellen- und Solarmodulindustrie und allen damit verbundenen Branchen gewidmet ist.

Es ist ein Gewerbegebiet, das in den letzten Jahrzehnten ein enormes Auf und Ab erlebt hat. Kurz nach der Finanzkrise im Jahr 2009 war dies das weltweite Zentrum der Solarmodulindustrie. Die Regierung hatte viel investiert. Im Jahr 2012 arbeiteten hier 3.000 Menschen. Doch dann kam der große Niedergang.

Straßenschild Sonnenallee
Solar Valley. Foto Maurits Kuypers

China überschwemmte den Markt mit seinen Solarmodulen. In der Zwischenzeit hat die deutsche Regierung viele ihrer Subventionen gekürzt. Viele Unternehmen im Solar Valley konnten das nicht verkraften und gingen nach und nach in Konkurs. Das Unternehmen Calyxo ist eines der letzten, das 2020 seinen Betrieb einstellen musste.

Manche werfen der Regierung vor, nicht genug gegen das chinesische Dumping zu unternehmen. Tatsache ist, dass es nur noch wenige Solarunternehmen in der Sonnenallee gibt. Das größte, QCells, ist jetzt in südkoreanischer Hand (Hanwha).

Firmengebäude von QCells
Ansiedlung von QCells im Gewerbegebiet Solar Valley. Foto Maurits Kuypers

Sonnenkollektoren von Meyer Burger

Das ist eigentlich zu wenig, um das Gewerbegebiet „Solar Valley“ zu nennen. Aber es besteht nun die Hoffnung, dass es diesen Namen wieder verdienen wird. Zu verdanken ist das dem Schweizer Unternehmen Meyer Burger Technology. Wirtschaftsminister Robert Habeck sprach bei einem Arbeitsbesuch Ende Juli begeistert von einer „Chance für ein Comeback der Solarindustrie“. Habeck: „Wir haben diese Industrie verkommen lassen, aber wir können ihr neues Leben einhauchen.“

Das Besondere an Meyer Burger ist, dass sie die gesamte Kette abdeckt. Die Maschinen werden in der Schweiz entwickelt. Die Solarzellen werden in Bitterfeld-Wolfen hergestellt (das Verfahren ähnelt dem von Computerchips) und die Solarmodule in Freiberg (einer Bergbaustadt zwischen Dresden und Chemnitz).

Geschützt vor chinesischen Dieben

Meyer Burger verkaufte früher seine Maschinen an chinesische Unternehmen, die in China produzierten, stellte dies aber ein, weil der Umsatz und die Margen immer kleiner wurden. Meyer Burger warf den Chinesen auch vor, das Know-how zu stehlen. Heute hält das Unternehmen seine Technologie verborgen.

In Freiberg hat das Unternehmen nun die Kapazität, 2.700 Module pro Tag zu einem Stückpreis von rund 200 Euro zu produzieren. Nach Angaben des Unternehmens liefern seine Paneele 20 Prozent mehr Ertrag pro cm2 als ein durchschnittliches Solarpanel. Nach Angaben des Unternehmens wird der größte Teil der Arbeit in Bitterfeld von Robotern erledigt.

Die Meyer Burger Fabrik im Solar Valley
Die Meyer Burger Fabrik im Solar Valley. Foto Maurits Kuypers

Filmrollen von Agfa und Orwo

Auf dem Rückweg zum Bahnhof fahre ich am Wolfener Rathaus und dem Filmmuseum vorbei. Beide spielen eine wichtige Rolle in der lokalen Industriegeschichte.

Das Rathaus war früher der Hauptsitz von Agfa, einem ursprünglich Berliner Unternehmen, das in Bitterfeld-Wolfen Raum zur Expansion fand.

Die etwas Älteren unter uns werden sich sicherlich noch an die Agfa-Filmrollen erinnern. Das Unternehmen war auch der Erfinder des Farbfilms im Jahr 1936. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand Agfa im Westen und die Filmrollen wurden von der ostdeutschen Firma Orwo in Wolfen hergestellt. Neben Fuji und Kodak waren dies die großen Namen in der Welt des Rollfilms im letzten Jahrhundert. Das Museum (vorübergehend geschlossen) erzählt die Geschichte der Filmfabrik Wolfen.

Gründung der AEG im Jahr 1893

Den Grundstein für die chemische Industrie legte ein anderes Berliner Unternehmen: die „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“ AEG – die 1893 als erste einen Produktionsstandort in Bitterfeld suchte und fand.

Wie viele Städte in Deutschland erlebte auch Wolfen während des Zweiten Weltkriegs eine sehr dunkle Zeit. Agfa war Teil eines großen Chemiekonglomerats, das unter dem Namen IG Farben firmierte und zu dem auch BASF und Bayer gehörten. In ihren Betrieben wurden in Bitterfeld Häftlinge aus dem KZ Ravensbrück als Zwangsarbeiter eingesetzt.

Eine andere Tochtergesellschaft der IG Farben (Degesch) produzierte das Giftgas Zyklon B (Blausäuregas), das in den Konzentrationslagern für den größten Massenmord der Geschichte eingesetzt wurde.

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