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In Deutschland kann man in diesem Sommer für 9 Euro im Monat mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren. Innovation Origins nutzt die Gelegenheit, um eine Reihe von Zukunftsprojekten zu besuchen. In dieser Folge reisen wir nach Halle an der Saale.

Vom Dach aus haben wir einen hervorragenden Blick auf den Technologiepark Weinberg Campus in Halle. Bert-Morten Arnicke führt uns durch einen der am schnellsten wachsenden Wissensparks in Deutschland, der sich auf Biochemie, Biotechnologie und Materialwissenschaften konzentriert.

Am Horizont sind deutlich die Werke von Buna und Leuna zu erkennen, zwei Städte, die zum so genannten Chemiedreieck gehören. Darunter haben Halle und die gesamte Region zu DDR-Zeiten sehr gelitten. „Wenn der Wind falsch stand, war die ganze Stadt in einen dicken, gelben, stinkenden Nebel gehüllt“, sagte mir eine Frau im Zug an diesem Tag. Das lag nicht nur an den Fabriken, sondern auch an den vielen Braunkohlegruben in der Region. „Aber ich bin noch am Leben“, fügte sie hinzu. „Und ich hatte eine ziemlich schöne Kindheit. Gewerbegebiete und Baugruben waren unser Spielplatz.“

Halle mit chemischer Industrie
In Halle ist die chemische Industrie immer in der Nähe. Foto Maurits Kuypers

Das Chemiedreieck besteht immer noch und verbindet nun die Städte Halle, Merseburg und Bitterfeld. Die Fabriken sind nur nicht mehr so schmutzig wie zu DDR-Zeiten. „Anfang des letzten Jahrhunderts hat sich hier die chemische Industrie angesiedelt“, erklärt Arnicke. So begann die BASF ab 1916 in Leuna mit der Herstellung von synthetischem Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff für die Kriegsindustrie. Das war notwendig, weil Deutschland keinen Salpeter für Munition mehr aus Chile importieren konnte.

Der Krieg ging verloren, aber die Chemie blieb. Die Region an der Grenze der drei Bundesländer Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt war aufgrund ihrer großen Braunkohlevorkommen (für die Befeuerung) und des Vorhandenseins einer Reihe von Flüssen perfekt geeignet. Später entwickelte sich dieses Gebiet zu einem Zentrum für alle Arten von Kunststoffen und Raffinerien. Zu den namhaften Unternehmen gehören heute Dow Chemical, TotalEnergies, BASF, Linde, AkzoNobel, Bayer, Degussa, Lanxess und Heraeus.

Nächste Woche erfahren Sie mehr über den Wandel dieser Region, in der stillgelegte Braunkohletagebaue zu neuem Leben erweckt werden und das „Solar Valley“ versucht, sich zu etablieren.

Die Russen

Auffallend sind auch die vielen kasernenartigen Gebäude. „Einige von ihnen stammen noch aus der Nazizeit“, erklärt Arnicke. Sie wurden als Ausbildungszentren für die Armee genutzt. Die Gebäude sehen dem berühmten Berliner Flughafen Tempelhof sehr ähnlich, was kein Wunder ist, denn sie haben den gleichen Architekten: Ernst Sagebiel. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte die deutsche Armee Platz für die russische Armee, die in Halle einen großen Stützpunkt mit rund 9.000 Soldaten unterhielt.

Parkplatz vor einer Kaserne
Auf diesem Parkplatz hielt die russische Armee früher Aufmärsche und Übungen ab. Im Hintergrund die Kaserne. Foto Maurits Kuypers

Doch 1991 war auch damit Schluss, und viele Gebäude wurden in einem schlechten Zustand hinterlassen. Für den Technologiepark war dies jedoch der Beginn von etwas Großartigem. „Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) befand sich bereits in der Nähe und hat im Laufe der Jahre immer mehr Gebäude bezogen“, sagt Arnicke.

Schon in der DDR hatte Halle einen guten Ruf auf dem Gebiet der Pflanzenzüchtung und Mikrotechnik. Zwei Institute aus dieser Zeit wurden in das Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie (IPB) und das Max-Planck-Institut für Mikrostrukturphysik (MPI) umbenannt.

Fraunhofer, Leibniz, Helmholtz und Max-Planck

Und es blieb nicht bei diesen beiden Wissensinstituten. Später folgten diese:

  • Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur, von Werkstoffen und Systemen (IMWS)
  • Fraunhofer-Center für Silizium-Photovoltaic (CSP)
  • Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie (IZI)
  • Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO)
  • Helmholtz Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Wer Deutschland ein wenig kennt, weiß, dass schon ein einziges der Fraunhofer-, Max-Planck-, Helmholtz- oder Leibniz-Institute der regionalen Wirtschaft einen enormen Schub geben kann. Erst recht, wenn es so viele gibt, wie in Halle.

Frauenhofer-Institut
Das Fraunhofer-Institut CSP forscht hier an Solarzellen. Foto Maurits Kuypers

mRNA-Impfstoffe

Wir fahren mit unseren Fahrrädern weiter durch den Park. Auf einer Großbaustelle erzählt uns Arnicke, dass hier der nächste Durchbruch für den Wissenschaftspark ansteht. Wacker Biotech – eine Tochtergesellschaft der bayerischen Wacker Chemie – baut eine brandneue Fabrik und ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Impfstoffe auf der Basis der so genannten Boten-RNA (mRNA).

Diese Technik hat in den letzten zwei Jahren vor allem durch Covid-19 viel Aufmerksamkeit erregt, wird aber beispielsweise auch zur Entwicklung von mRNA-Impfstoffen gegen Krebs eingesetzt. Bei der nächsten Pandemie kann Wacker nach Arnickes Worten an die Arbeit gehen. Der Kauf von Impfstoffen wird mehr oder weniger von der deutschen Regierung garantiert.

„Für uns ist das ein Zeichen, dass wir mit dem Technologiepark in die nächste Phase eintreten, in der Start-ups zu Global Playern werden können.“ Die Technologie, mit der Wacker arbeiten wird, wurde von einem lokalen hallischen Unternehmen entwickelt, das aus der Universität hervorgegangen ist: Scil Proteins, das 2014 von Wacker übernommen wurde.

Universitätsklinikum
Das Universitätsklinikum in Halle. Foto Maurits Kuypers

Start-ups

Es ist nicht das einzige Beispiel für eine erfolgreiche Neugründung, aber es ist das wichtigste. Ein weiteres vielversprechendes Unternehmen ist Icon Genetics, das in Pflanzen Enzyme (Proteine) für medizinische Zwecke züchtet, unter anderem gegen Ebola. „Derzeit findet ein großer Versuch mit Tabakpflanzen statt“, sagt er. Arnicke zeigt nach oben. Von der Straße aus sind die Lichter tatsächlich sichtbar. Seit einigen Jahren ist Icon Genetics Teil der japanischen Denko-Gruppe.

Eine weitere Entwicklung, auf die Arnicke stolz ist, ist die zunehmende Interaktion zwischen Wissenseinrichtungen, Unternehmen und dem Universitätsklinikum Halle. So wird beispielsweise an neuen Behandlungsmethoden für Demenz und Krebs gearbeitet.

7.000 Mitarbeiter und 8.000 Studenten

Heute beschäftigt der 134 Hektar große Technologiepark rund 7.000 Menschen in seinen Forschungszentren und Unternehmen ( ungefähr 100). Darüber hinaus beschäftigt das Universitätsklinikum fast 4.000 Mitarbeiter und die Universität hat über 8.000 Studenten.

Eines der neuesten Gebäude auf dem Campus wurde speziell als Gründungszentrum für Start-ups konzipiert. Zumindest sieht das Gebäude neu aus, es wurde renoviert und dient als Büro und Ort für Vorträge und Präsentationen für Investoren. Außerdem werden hier Jungunternehmer mit Rat und Tat unterstützt.

Arnicke: „Seit den Anfängen haben rund 300 Unternehmen im Park das Licht der Welt erblickt. Sie sind nicht alle gleich groß.“ Wir radeln an einem der ältesten Unternehmen auf dem Campus vorbei, der ECH Elektrochemie, die sich auf Messgeräte für Labors spezialisiert hat. „Ein Nischenanbieter, aber seit vielen Jahren weltweit erfolgreich.“

Weinberg Campus Innovation HUB
Das Gebäude für Start-ups mit Auditorium. Foto Maurits Kuypers

Die Forscher

In Bezug auf Start-ups und Forschung gibt es laut Arnicke viele spannende Geschichten zu erzählen. So erforscht Professor Robert Paxton die Rolle von Parasiten beim Bienensterben, Karsten Mäder beschäftigt sich mit dem Transport von Medikamenten durch den Körper, und der Amerikaner Stuart Parkin arbeitet an neuen experimentellen Formen der Datenspeicherung.

Was könnte verbessert werden? Laut einem der Professoren auf der Website gibt es auf dem Campus immer noch zu wenige Treffpunkte, an denen man sich mit Kollegen über ihre Arbeit austauschen kann. Nach Ansicht des Professors könnte dies zu überraschenden neuen Erkenntnissen führen.

Eingang zum Weinberg Campus
Der Eingang zum Weinberg Campus Technologiepark. Foto Maurits Kuypers

Händel, Genscher und die Reformation

Zum Glück bietet die Altstadt von Halle viel Platz zum Entspannen. Der Campus liegt in der Nähe von „Halle Neustadt“, einer typischen Neubausiedlung der 1960er Jahre, die damals sehr modern war, dann verfallen ist und nun langsam wieder in Mode kommt, da viele Gebäude renoviert wurden oder werden. Doch die Altstadt an der Saale ist nach wie vor die beliebteste Wohngegend.

Skulptur in der Altstadt
Die Altstadt von Halle hat viel zu bieten. Foto Maurits Kuypers

Mit dem Geburtshaus des Komponisten Georg Friedrich Händel, dem Marktplatz mit der schönen Marienkirche und dem Kunstmuseum Moritzburg, wo Anfang des 16. Jahrhunderts Kardinal Albrecht von Brandenburg residierte, hat die Stadt auch für Touristen viel zu bieten.

Albrecht war damals das mächtigste kirchliche Oberhaupt im Heiligen Römischen Reich nach dem Papst und der große Gegner von Martin Luther, dem Begründer der Reformation und des Protestantismus, der etwas weiter entfernt in Wittenberg lebte.

In Halle wurde auch Hans-Dietrich Genscher geboren, der Außenminister, der eine wichtige Rolle beim Fall der Berliner Mauer spielte.

Die Universität der Universitäten

Gegenüber der Moritzburg befindet sich auch das renommierteste Wissensinstitut Deutschlands. Es wird auch „die Universität der Universitäten“ genannt, die Deutsche Akademie der Wissenschaften Leopoldina (früher: Akademie der Naturforscher).

Die Akademie wurde 1652 gegründet und ist die älteste noch existierende wissenschaftliche Gesellschaft, in der sich die klügsten Köpfe aus Deutschland und dem Rest der Welt regelmäßig treffen (nicht alle zur gleichen Zeit), um die großen globalen Fragen zu diskutieren und die Regierung zu beraten.

Leopoldina
Deutsche Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Foto Maurits Kuypers

Nach Angaben eines Sprechers hat das Institut derzeit 1672 Mitglieder. Die Idee ist, dass die Wissenschaftler ihr Wissen und ihre Forschungsergebnisse aus verschiedenen Disziplinen einbringen, um bestmögliche Lösungen zu finden.

So spielte das Institut beispielsweise eine wichtige Rolle bei der Corona-Krise. Weitere wichtige Themen sind der Klimawandel, die Demografie, die globale Nahrungsmittelversorgung, die Genetik, die Digitalisierung, die Energiewende und die globale Gesundheit.

Albert Einstein und Marie Curie

Die Wissenschaftler sind nicht nur eine Gruppe von Menschen, die sich zusammentun. Sie sind die renommiertesten Forscher auf ihrem Gebiet. So waren oder sind beispielsweise seit 1901 184 Nobelpreisträger Mitglieder: 40 Nobelpreise für Physik, 67 für Chemie, 76 für Medizin und zwei für Frieden.

Ein bekanntes Mitglied aus den Niederlanden heute ist Ben Feringa (Nobelpreis für Chemie). Die Niederlande sind mit 12 Mitgliedern vertreten. Einige prominente Persönlichkeiten aus der Vergangenheit sind: Albert Einstein, Marie Curie, Niels Bohr, Ivan Pavlov und Max Planck.

Halle-Neustadt, Hochhäuser
Halle-Neustadt, eine typische Neubausiedlung aus den 1960er Jahren, wird vor allem bei Studenten wieder beliebt. Foto Maurits Kuypers

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