„Bakterien sind die intelligenteste, umweltfreundlichste und ressourcenschonendste Art, Textilfarbe zu produzieren“, sagt Karin Fleck, Gründerin von Vienna Textile Lab. „Bakterien kommen in der Natur vor, können als Stämme im Labor gelagert – und jederzeit vermehrt werden. Sie synthetisieren die Farbe in einem natürlichen Prozess”.

Karin hat an der TU Wien Technische Chemie studiert und war jahrelang im Management von Energieunternehmen tätig – unter anderem für Vattenfall Energy Trading in Deutschland und den Niederlanden. Erst die Begegnung mit Cecilia Raspanti, Gründerin des Textile Lab Amsterdam, brachte sie auf die Idee, Textilfarbe aus Bakterien zu entwickeln. Cecilia hatte es selbst versucht, war aber nicht besonders erfolgreich. „Bakterien als Rohmaterial zu nutzen, ist nicht die größte Herausforderung, aber es braucht Wissen und wissenschaftliche Methoden. Außerdem ist es gut, Vorsicht walten zu lassen. Es könnten auch Krankheitskeime dabei sein“, erklärt Karin.

Sie selbst hatte sich zwar schon im Abitur mit Farbe auseinandergesetzt, aber der gesamte Sektor war noch neu für sie. Sie holte sich Unterstützung bei

Mikrobielle Farbstoffe werden von Mikroorganismen meist als Reaktion auf veränderte Wachstumsbedingungen produziert. Sie schützen die Zellen vor Umwelteinflüssen wie Salz- oder Temperaturstress sowie Licht und Konkurrenzdruck. Oftmals haben diese Substanzen auch noch eine antibakterielle Wirkung und bieten dadurch einen Mehrwert.

Im Gebrauch hat auf Bakterien basierende Textilfarbe ähnliche Eigenschaften wie herkömmliche synthetische Farbe.

Karin Fleck im Interview:

Bakterien, Textilfarbe, Vienna Textile Lab

Karin Fleck, Vienna Textile Lab (c) Vienna Textile Lab

Welches Problem löst bakterienbasierte Textilfarbe und warum ist das wichtig?

Wir schaffen eine Alternative zu synthetischen Farbstoffen, die zum Teil bedenkliche Auswirkungen auf die Gesundheit und Umwelt haben – besonders auf jene der Arbeitenden in der Textilindustrie, die den Farbstoffen permanent ausgesetzt sind. Aber jeder trägt täglich Kleidung und ist den darin enthaltenen Chemikalien ausgeliefert. Mittlerweile werden Farbstoffe weltweit kritischer beurteilt und auch die EU reglementiert synthetische Farbstoffe. In regelmäßigen Abständen werden verdächtige Farbstoffe verboten oder deren Anwendung eingeschränkt. Damit eröffnet sich Raum für neue innovative Farbstoffe, und vor allem auch neue Produktionssysteme, die nicht auf Erdöl basieren.

Was war das größte Hindernis, das ihr überwinden musstet?

Die beschränkten Möglichkeiten in der Beschäftigung von Mitarbeitern. Der österreichische Arbeitsmarkt ist auf kontinuierliche Beschäftigung angelegt, also Beständigkeit und Sicherheit. Aber der Start-up-Markt ist volatil und Mitarbeiter werden projektweise gebraucht, um Spitzen abzufangen. Als junges Unternehmen mit Wachstumsschmerzen muss man agil sein können.

Was waren die bisher schönsten Momente? Welche Leistungen haben dich wirklich stolz gemacht?

Es gab viele schöne Momente. Zum Beispiel die Preise, die wir gewonnen haben. Ganz am Anfang haben wir den dritten Platz im großen Finale des Climate Launchpad gewonnen und 2019 den Start-up-Preis der Universität für Bodenkultur in Wien. Ermutigend waren auch die zahlreichen Einladungen, die wir erhalten haben, wie zum Beispiel zum TEDxCanggu in Bali oder  zum Pitch bei CLIX auf der Abu Dhabi Sustainability Week 2018.

Schön ist es auch zu sehen, wie uns Menschen, Kunden und Organisationen weltweit ausfindig machen. Wir reden mit Leuten in den USA, Indonesien, Schweden, Estland, Niederlanden, Deutschland, Italien, Frankreich. So kam zum Beispiel auch der Kontakt zu  Material Connexion in New York, eine Sammlung unterschiedlichster neuartiger Materialien für Industrie, Gewerbe, Künstler und Designer, in die auch Proben von Vienna Textile Lab aufgenommen wurden.

Aber am schönsten ist die tolle Unterstützung von Menschen, die uns wissen lassen, wie toll sie unsere auf Bakterien basierende Textilfarbe finden, die Experten, die uns wirklich helfen wenn wir mal anstehen oder auch die hiesigen Organisationen, die an unseren Erfolg glauben. Dazu gehört zum Beispiel auch der Vienna Impact Hub oder TCBL, Textile clothing and business labs.

Bakterien, Textilfarbe, Vienna Textile Lab,

Vienna Textile Lab (c) Michael Fraller

Foto oben: Bakterien können auch direkt auf den Stoff aufgebracht werden, wo sie sich ausbreiten und ein Muster entwickeln.

Wie sind die Bedingungen am Standort Wien?

Gut, weil man sich auf Strukturen und Systeme verlassen kann. An Förderstellen und Universitäten haben wir viel Ermutigung und Unterstützung erlebt. Es gibt hier Leute, die uns promoten, obwohl sie uns gar nicht persönlich kennen. Ob es woanders besser ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich weiß, dass es in Deutschland und den USA höhere Finanzierung im Bereich Biotech gibt.

Wo möchtest du mit deinem Start-up in fünf Jahren sein?

Unsere Herstellungsmethode auf Industrieniveau gebracht haben, eine Kundenanzahl, mit der wir wachsen können und vielleicht stehen wir dann auch schon vor einer weltweiten Expansion.

Was macht Vienna Textile Lab besser/anders als existierende Dinge?

Wir setzen auf starke Partner. Das macht uns stärker und kompetenter. Außerdem versuchen wir offen zu bleiben und mit allen potentiellen Kunden oder Partnern zu reden – mit Konzernen genauso wie mit Nischenanbietern, Künstlern und Designern. Das macht die Dinge zwar komplizierter, aber auch besser. Wir lernen so viel durch diese Interaktionen und können somit auch unsere Produkte besser platzieren und entwickeln. Last but not least haben wir eine ausgesprochen große Auswahl an unseren Hauptakteuren, den Bakterien.

Bakterien, Textilfarbe, Vienna Textile Lab

Vienna Textile Lab (c) Michael Fraller

Foto oben: Bakterien decken eine große Farbpalette ab. Manche Farben sind aber auch problematisch und müssen gemischt werden.

Danke für das Gespräch.

 

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