Photo by Urs Neumeier - CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=506858

Seit dem Aufkommen nachhaltiger Textilien wird die öffentliche Debatte von der Reduzierung der CO2-Emissionen beherrscht. Eine der wichtigsten Ressourcen – nämlich Wasser – werde hingegen vernachlässigt. Dabei ist Wasser eine endliche Ressource. Nur ein Prozent der weltweiten Süßwasservorräte sind trinkbar und werden von 7,5 Millionen Menschen genutzt, so das Mantra von SaltyCO. Das britische Start-up ist angetreten, um eine Alternative zum süßwasserintensiven Baumwollanbau zu etablieren: süßwasserfreie Textilfasern! 

Rund 700 Millionen Menschen weltweit leiden unter Wasserknappheit (Quelle: Global Water Institute). Demgegenüber steht eine Bekleidungsindustrie, die für die Herstellung einer einzigen Baumwollsocke 1200 Liter Wasser benötigt! Diese Menge reicht, um einen Menschen drei Jahre lang mit Trinkwasser zu versorgen, so der SaltyCO CEO Julian Ellis-Brown. Hauptverursacher des hohen Wasserverbrauchs ist der süßwasserintensive Baumwollanbau. Nebeneffekt dieses verschwenderischen Umgangs mit Süßwasser ist die exzessive Bewässerung der Böden, die zu Wüstenbildung und Versalzung führt. Von dieser Art der Zerstörung ist ein Drittel der Landmasse der Erde betroffen.

Salztolerante Pflanzen

Salzwasser blieb in der Produktion von Textilfasern bisweilen weitgehend ungenutzt. Dabei bestehen 97 Prozent der Wasserressourcen weltweit aus Meerwasser. Der Maschinenbauingenieur und Designer Ellis-Brown möchte das System neu denken und eine neue Kategorie in der nachhaltigen Textilproduktion etablieren: süßwasserfreie Materialien, deren Lieferketten sich heilend auf die Natur auswirken. Mitstreiter fand er in seinen ehemaligen Kommilitonen Antonia Jara Contreras, Finlay Duncan und Neloufar Taheri. Die jungen Forscher lernten sich im Rahmen eines Innovationsprogramms am Royal College of Art und am Imperial College London kennen.

Auch interessant: Luxusmodekonzerne setzen sich ein, dass Baumwollanbau ressourceneffizient wird

Die Vier konzentrieren ihre Forschung auf Pflanzen, die salztolerant sind. Denn salztolerante Pflanzen (Halophyten) kann man mit Meerwasser bewässern und das könnte die Abhängigkeit vom stark auf Süßwasser angewiesenen Baumwollanbau verringern. Darüberhinaus haben salztolerante Pflanzen eine einzigartige bodenreinigende Funktion: Sie können Salz aus versalzten Böden abziehen und speichern. Das heißt, die Böden sind nach der Ernte der Pflanzen vom Salz befreit. 

Alternative zu Baumwollanbau

Eine geeignete salztolerante Pflanze für die textile Lieferkette hat das Start-up schon gefunden. Jetzt forschen sie an regenerativen Anbautechniken und textilen Produkten. Unterstützung bekommen sie von Naturschutzgruppen und Landwirten in Schottland. Denn eine Patentlösung für Nachhaltigkeit gibt es nicht. Vielmehr müsse vom jeweiligen Zustand des Bodens ausgegangen werden, um eine heilende Lösung zu finden, so die Forscher. 

Saline Landwirtschaft

Den Namen der Pflanze können sie aus urheberrechtlichen Gründen nicht nennen. Aber in ihrer Anbautechnik orientierten sie sich an den Prinzipien der Salinen Landwirtschaft, bei der andere als Süßwasserquellen für die Bewässerung der Pflanzen genutzt werden. Meerwasser, Brackwasser oder Abwasser sind Alternativen, die den Schäden durch die künstliche Bewässerung in der traditionellen Landwirtschaft entgegenwirken können. Künstliche Bewässerung ist einer der Hauptgründe für versalzte Böden. Denn Wasser enthält immer etwas Salz und wenn das Wasser verdunstet, bleiben Salze in den oberen Bodenschichten zurück. Salze wie zum Beispiel Chloride, Sulfate und Carbonate des Natriums, Calciums und Magnesiums sowie Nitrate. Die hohe Salzkonzentration der Böden stört die osmotischen Prozesse, mit denen Pflanzen Wasser und Nährstoffe aufnehmen. Zusätzlich erschwert die damit einhergehende Bodenverdichtung das Wachstum der Wurzeln.

Heilfaktor von Salzwiesen

Salzwiesen zählen zu den Gebieten mit dem höchsten Heilfaktor. Die Pflanzen, die darauf wachsen, binden die 50-fache Menge an CO2 der gleichen Fläche Regenwald. Darüber hinaus saniert die auf Salzwasser basierende Landwirtschaft Wasserquellen und wirkt als Hochwasserschutz. Der Anbau salztoleranter Pflanzen in diesen Umgebungen ermöglicht es, bisher ungenutztes Land neu zu erschließen und salzbelastete Gebiete, die vom steigenden Meeresspiegel betroffen sind, wieder aufzuwerten. Das Interesse an der Innovation ist groß: Das Start-up erhält bereits Anfragen von Gemeinden aus der ganzen Welt, welche mit der regenerativen Anbautechnik eine lokale Industrie aufbauen wollen – alternativ zum Baumwollanbau.

Süßwasserfreie Textilien

Labor, Lager und Produktionsstätte von SaltyCO befinden sich in Schottland. Hier treffen die Pflanzen nach der Ernte ein und hier werden die Pflanzenfasern mechanisch extrahiert. Auch diesen Prozess haben die jungen Forscher neu gedacht und ein Patent angemeldet. Gemeinsam mit Forschungspartnern aus den Bereichen biologische Faserbeschichtungen und Faserarchitekturen, entwickelten sie bereits drei süßwasserfreie textile Produkte: einen Filz, ein Gewebe und ein technisches Füllmaterial. Alle Innovationen sind mit gegenwärtigen Lieferketten kompatibel. Der Filz eignet sich für eine vegane Lederalternative und das Gewebe ähnelt in seiner Beschaffenheit Baumwolle und Leinen. Am weitesten fortgeschritten ist die Entwicklung der technischen Faserfüllung, wie wir sie zum Beispiel von Anoraks und Schlafsäcken kennen. 

Vegan und biologisch abbaubar

Die Faser läuft unter der Bezeichnung BioPuff, besteht aus reiner Zellulose und ist eine ökologische Alternative zu tier- und erdölbasierten Produkten. Im Vergleich zu erdölbasierten Kunstfaserwattierungen kann pro Jacke 70 Prozent Erdöl gespart werden und bis zu 25 Liter frisches Trinkwasser in der Herstellung. Darüberhinaus ist die neuartige Faserfüllung grausamkeitsfrei. Denn im Vergleich mit gängigen Daunenfüllungen, können die Federkleider von bis zu 30 Gänsen pro Jacke gespart werden.

BioPuff  hat eine natürliche Clusterstruktur, welche die Wärme in kleinen Luftkammern einschließt und speichert. Eine natürliche Eigenschaft, die noch durch grüne Chemie optimiert wird. Als solches lässt sich die Faser leicht kompostieren und am Ende ihrer Lebensdauer biologisch abbauen. 

Daunenähnlich

Die technische Faserfüllung ähnelt in ihrer Clusterstruktur der Daune, die zu den wärmsten isolierenden Materialien für Kleidung zählt. Sie ist leicht, weich, warm und von Natur aus wasserabweisend. Eine natürliche Wachsschicht verhindert, dass sich das Material bei nassem Wetter vollsaugt. Das Verhältnis zwischen Füllung und Gewicht ist vergleichbar mit der 600 cuin Füll- oder Bauschkraft von Gänsedaunen. Die Füllkraft ist ein Qualitätsmerkmal und beschreibt die Fähigkeit der Daunen ihr ursprüngliches Volumen nach Kompression durch Lagerung oder Nutzung wieder zurückzugewinnen. Je höher das Maß, desto stärker isoliert und wärmt das Daunenprodukt. Bei Outdoorkleidung liegt das Mindestmaß bei 550 cuin. Diese Werte lassen das Ziel, dem grausamen Lebendrupfen von Gänsen ein Ende zu setzen, näher rücken.  

Die britische Designerin Stella McCartney haben die jungen Forscher schon überzeugt. Sie war eine der ersten Modedesignerinnen, die vegane und nachhaltige Konzepte in ihre Kollektion integriert haben. Jetzt hat sie auch Interesse an der Anwendung des technischen Füllmaterials gezeigt. Die ersten Jacken und Mäntel entstanden allerdings in einer Kollaboration mit dem italienischen Onlinemodehändler Yoox.com. Die Kapselkollektion wurde am 2. Dezember 2021 gelauncht. Ein Foto der Kampagne finden Sie unter diesem Link.

Auch interessant: Wie Baumwolle intelligent wird

Werden Sie Mitglied!

Auf Innovation Origins können Sie täglich die neuesten Nachrichten über die Welt der Innovation lesen. Wir wollen, dass es so bleibt, aber wir können es nicht allein tun! Gefallen Ihnen unsere Artikel und möchten Sie den unabhängigen Journalismus unterstützen? Dann werden Sie Mitglied und lesen Sie unsere Geschichten garantiert werbefrei.

Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie verfolgt neue Trends in Gesellschaft, Design, Technologie und Wirtschaft findet es spannend, interdisziplinäre Tendenzen zwischen den verschiedenen Bereichen zu beobachten. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.