Der Bachelor-Student Johannes Střelka-Petz entwickelte eine mobile Braille-Tastatur für Blinde und Sehbehinderte. OSKAR Concertina, so der Name des Prototyps, ist ein Open-Source-Projekt. Die Pläne und der Programmcode sind frei online verfügbar.

Wenn Blinde und Sehbehinderte einen Computer nutzen, dann verwenden sie ein eigenes Schriftsystem, das in der Braille-Tastatur umgesetzt ist. Die Braille-Tastatur hat den Vorteil haptischer Symbole. Für Smartphones ist diese bisweilen noch nicht verfügbar. Aktuell behelfen sich die Betroffenen mit Voice Control und virtueller Tastatur. Beide Varianten sind problematisch:

  • Voice Control entbehrt der Privatsphäre;
  • Die virtuelle Tastatur entbehrt der Haptik und ist langsamer als eine physische Tastatur;

Zusätzlicher Tool für das Smartphone

Johannes Střelka-Petz beschäftigte sich in seiner Bachelor-Arbeit mit dem Problem. Er studiert an der TU Wien Verfahrenstechnik und schrieb seine Bachelor-Arbeit an der Fakultät für Informatik im Forschungsbereich Multidisciplinary Design and User Research Inspiration für die Entwicklung einer mobilen Tastatur waren Vorlesungsunterlagen von Professor Wolfgang Zagler. Beim Bau des Prototypen orientierte er sich an einer Bauanleitung für eine Akkord-Tastatur. Die Anleitung ist auf Wikipedia verfügbar. Die Komponenten sind handelsüblich und basieren auf Schnittstellen wie Arduino, Bluetooth und USB.

Střelka-Petz entwickelte eine mobile Tastatur und implementierte Braille als international anerkannten Standard. Die Tastatur ist so klein ist, dass sie an der Rückseite des Smartphones befestigt – und über Bluetooth mit gängigen Smartphones verbunden werden kann.

Konzept der mobilen Braille-Tastatur

Die Braille-Schrift basiert auf sechs Punkten, die in drei vertikalen Zweierreihen angeordnet werden. Um aus den sechs Punkten Buchstaben werden zu lassen, werden jeweils verschiedene Punktkonstellationen markiert. Zum Beispiel ist auf einer Taste der erste Punkt oben links markiert, auf einer anderen die drei Punkte am rechten unteren Ende. Insgesamt sind dies sechs Buchstaben, die in dieser Form auch auf der Braille-Tastatur realisiert werden – und erstastbar sind. Zwei zusätzliche Tasten werden als Modifyer genutzt. Die Braille-Tastatur ist eine sogenannte Akkord-Tastatur. Ihre Funktion ist mit jener eines Klaviers vergleichbar. Auf dem Klavier entsteht durch das gleichzeitige Anschlagen mehrerer Tasten ein Akkord, auf der Braille-Tastatur entstehen Buchstaben.

Basis für OSKAR Concertino war die deutsche Norm DIN 32 982. Da diese Norm jedoch etwas in die Jahre gekommen ist, entwickelte der Braille-Experte Professor Erich Schmid eine für heutige Computer und Smartphones angepasste Variante Erich Schmids 8 Keys Braille.

Prototyp der mobilen Braille-Tastatur

Der Student brachte die Braille-Tastatur auf ein mobiles Format. Diese gewährleistet der Zielgruppe bei der Texteingabe haptische Symbole. Darüberhinaus ist diese auch Eingabegerät. Sie übernimmt die Funktionen von Tastatur, Touchscreen, Keypad und Fernsteuerung.

Weil die Tastatur auf der Rückseite des Smartphones angebracht wird, haben es die Nutzer mit einem umgedrehten Tastensystem zu tun. Das erfordert eine andere Handhaltung als bei einer gewöhnlichen Tastatur. Aber die Tasten sind so angeordnet, dass dieselben Finger für die einzelnen Positionen zuständig sind.

mobile Braille-Tastatur Oskar

Johannes Střelka-Petz mit der mobilen Braille-Tastatur Oskar. (c) TU Wien

Evaluierung der mobilen Braille-Tastatur

Ziel der Entwicklung war es, eine Tastatur zu schaffen, die im Stehen und Gehen mit einer Hand bedienbar ist. Darüberhinaus sollte das System leistungsfähiger sein, als gängige mobile Texteingabemethoden. Um dieses Ziel zu überprüfen, setzte Střelka-Petz die Tastatur in einer einhändigen und einer zweihändigen Variante um. Diese testete er an sieben Personen des österreichischen Bundes-Blindenerziehungsinstituts. Teil der quantitativen Evaluierung war die Messung von Geschwindigkeit und Genauigkeit der Prototypen. Wobei die Einhandbedienung und Zweihandbedienung noch zusätzlich mit der virtuellen QWERTZ-Tastatur verglichen wurden.

Zweihändig bedienbare Braille-Tastatur bevorzugt

Střelka-Petz ging vom Ideal einer einhändig bedienbaren Tastatur aus. Die Probanden bevorzugten aber dezidiert den zweihändig bedienbaren Prototyp, der auch als Testsieger hervorging. Im Vergleich mit der virtuellen Tastatur ermöglichte dieser den Nutzern die vierfache Geschwindigkeit – und das bei höherer Genauigkeit.

Der Test zeigte, dass der Umgang mit der mobilen zweihändig zu bedienenden Braille-Tastatur rasch zu erlernen ist. Die Probanden führten die Tests ohne vorangehendes Üben durch. Schon nach wenigen Minuten erreichten diese mit dem neuen Gerät eine Schreibgeschwindigkeit von etwa zwanzig Wörtern pro Minute. Diese Geschwindigkeit ist mit jener auf der konventionellen Braille-Tastatur vergleichbar.

Die Tests zeigten, dass eine mobile Akkord Tastatur wie OSKAR eine Alternative zum Touchscreen sein kann. Den Probanden war jedoch wichtig, dass die Tastatur neben der Texteingabe auch die Steuerung des Smartphones ermöglicht.

Als mobiles Gerät kann OSKAR übrigens nicht nur an Endgeräten wie einem Smartphone oder Tablet befestigt werden sondern auch an Unterarm und Hand.

Die Bachelorarbeit von Střelka-Petz wurde von Roman Ganhör am Institut für Visual Computing und Human-Centered Technologie betreut. Am 24. September erhielt der Student den WINTEC Preis für Inklusion durch Naturwissenschaft und Technik des Sozialministeriums.

Den Link zur Bachelorarbeit finden Sie hier: OSKAR – Prototypische Implementierung und Evaluierung einer mobilen Braille-Texteingabemethode

Den Link zur Open Source Bauanleitung für OSKAR Concertina finden Sie hier: https://gitlab.com/teamoskar/oskar_concertina

 

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