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Woran erkennt der Winzer, dass die Trauben reif sind? Nach der traditionellen Methode kostet er höchstpersönlich. Und zwar wie folgt: Traube in den Mund nehmen, reinbeißen, den Saft herauslaufen lassen und dabei Höhe von Zucker- und Alkoholgehalt bestimmen. Und genau letzterer könnte in den klassischen Anbaugebieten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zum Thema werden. Denn laut einer Studie der Universität Bern beginnt die Traubenernte seit gut 30 Jahren im Burgund durchschnittlich 13 Tage früher als in den – sage und schreibe – vergangenen sechs Jahrhunderten.

Trauben reagieren empfindlich auf Schwankungen

Dieses Ergebnis ist einerseits für Winzerinnen und Winzer sowie Weinliebhaber interessant. Denn Trauben reagieren sehr empfindlich auf Temperatur und Regen. Höhere Temperaturen lassen die Trauben schneller reifen. Und die damit einhergehende, zunehmende Trockenheit bringt auch einen höheren Alkoholgehalt. Und dieser ist so gar nicht gewollt. Nicht nur, dass der Trend zu leichteren Weinen geht. Weine mit einem zu hohen Alkoholgehalt schmecken auch leicht „brandig“. Um dies zu vermeiden, ist nun die hohe Ingenieurskunst – hier sind die Deutschen übrigens weltweit führend – des Keltermeisters gefragt.

©Deutsches Weininstitut, deutscheweine.de

Laut Frank R. Schulz, Abteilungsleiter Kommunikation des Deutschen Weininstituts, können die Deutschen Winzer zumindest kurzzeitig die momentane Situation zu ihren Gunsten nutzen: Hier wachsen mittlerweile Welt-Rebsorten, wie Merlot oder Sauvignon Blanc, die bisher nur in Südeuropa heimisch waren. Während wiederum in Spanien die Traubenernte aufgrund der Trockenheit deutlich geringer ausfällt, als in den Jahren zuvor. Und sogar im Norden Deutschlands, wie auf Sylt oder in Schleswig-Holstein, wird derzeit versucht, Rebsorten gedeihen zu lassen. Und nicht zuletzt zeigt auch der Schaumweinanbau im Süden Englands, dass sich die Weinregionen langfristig verschieben könnten. Um auf die klimatischen Veränderungen reagieren zu können, wird in den südlichen Regionen an den Züchtungen gefeilt: Eine dickere Haut beispielsweise macht die Trauben etwas widerstandsfähiger.

Trauben als Klimaproxy

Mit ihrer Wetterempfindlichkeit eignen Trauben gleichzeitig sehr gut für einen Blick in die Klimavergangenheit. So lässt sich der Erntebeginn hervorragend als sogenannter Klimaproxy nutzen. Dies ist sozusagen ein indirekter Anzeiger für Veränderung, wie wir sie auch aus anderen natürlichen Archiven kennen. Dazu gehören beispielsweise Baumringe, Eisbohrkerne und Korallen. Und: Historische Dokumente wie die Weinlese. Die Wissenschaftler aus Bern werteten für ihre Analyse Datenreihen zur Traubenernte der vergangenen 664 Jahre aus.

„Dass sich der beschleunigte Erwärmungstrend seit den 1980er Jahren in dieser Zeitreihe so klar erkennen lässt, haben wir nicht vorhergesehen”, erklärt Christian Pfister, emeritierter Professor für Klima- und Umweltgeschichte an der Universität Bern und Mitglied des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung.

Er war zusammen mit Kolleginnen und Kollegen in der Schweiz, Frankreich und Deutschland für die Studie verantwortlich.

Aufzeichnungen zu Lohnzahlungen an Erntehelfer

Thomas Labbé, der Hauptautor der Studie, der an den Universitäten von Burgund und Leipzig forscht, rekonstruierte die Daten der Traubenernte in Beaune, der Weinhauptstadt des Burgunds, minutiös bis ins Jahr 1354 zurück. Er nutzte dazu eine große Anzahl unveröffentlichter Archivquellen, darunter Informationen über Lohnzahlungen an Traubenpflücker, Aufzeichnungen aus dem Stadtrat von Beaune und Zeitungsberichte. Die ununterbrochene Aufzeichnung von Daten zur Traubenernte, ist die längste rekonstruierte Zeitreihe dieser Art und endet im Jahr 2018.

„Bei den Erntedaten lassen sich klar zwei Phasen erkennen“, so Thomas Labbé. Bis 1987 seien die Trauben typischerweise ab dem 28. September gelesen worden. Seit 1988 aber habe die Weinlese im Durchschnitt 13 Tage früher eingesetzt. Die Analysen des Datenmaterials zeigen, dass in der Vergangenheit heiße und trockene Jahre ungewöhnlich waren, in den letzten 30 Jahren aber zum Normalfall geworden sind. Das aus Historikern und Naturwissenschaftlern bestehende Forschungsteam hat seine Zeitreihen mit Hilfe von detaillierten Temperaturaufzeichnungen aus Paris über die vergangenen 360 Jahre validiert. Dies ermöglichte eine Schätzung der Temperaturen zwischen April und Juli für die Region Beaune über alle im Datensatz abgedeckten 664 Jahre.

Vom Wissen zum Handeln

„Der Übergang zu einer schnellen globalen Warmphase nach 1988 zeigt sich sehr deutlich. Und es ist für alle offensichtlich, dass die vergangenen 30 Jahre außergewöhnlich waren“, beschreibt Christian Pfister.

„Ich wünsche mir, dass unsere Rekonstruktion dazu beiträgt, dass die Menschen die Klimasituation, in der sich unser Planet befindet, realistisch zu beurteilen und endlich zu handeln beginnen.“

Diese einzigartige Rekonstruktion zur Weinlese im Burgund wurde soeben in der Fachzeitschrift „Climate of the Past“ der European Geosciences Union (EGU) publiziert.

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Über den Autor

Author profile picture Almut Otto ist Autorin und bringt über 30 Jahre Know-how in der Kommunikations-Branche mit. Sie lernte das Journalisten-Handwerk von der Pike auf bei einer Tageszeitung und in einem Special Interest Magazin. Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften in München war sie lange Zeit als internationaler PR Manager in der Textil-, Schuh-, Outdoor- und auch IT-Industrie tätig. Seit einigen Jahren konzentriert sie sich wieder mehr auf ihre journalistische Herkunft. Als passionierte Outdoor- und Wassersportlerin ‒ zu ihren Hobbys zählen Windsurfen, Kitesurfen, SUP-Boarden, Segeln und Snowboarden ‒, interessiert sie sich vor allem für die Reinhaltung der Ozeane und die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft. Zudem ist sie stets fasziniert von neuesten Entwicklungen aus den Hard- und Software-Laboren dieser Welt.