Künftig werden die Krankenschwestern die Patienten über Computerdaten überwachen, die von auf den Körper geklebten Sensoren gesendet werden. Bild: Philips

Die Europäische Kommission bereitet eine Gesetzgebung vor, um eine riesige Sammlung kostenloser Daten für den europäischen Binnenmarkt bereitzustellen. Damit soll es europäischen Unternehmen, Forschungsinstituten und Regierungen erleichtert werden, die Daten zu nutzen um Innovationen zu fördern. Die gesetzlichen Regelungen sollen 2022 verabschiedet werden. Dies geht aus der aktuellen Datenstrategie hervor, die die Europäische Kommission im vergangenen Monat veröffentlicht hat.

Weniger Macht für Google und Facebook

Laut der Europäischen Kommission wird dadurch ein Binnenmarkt für Daten geschaffen, der mit der Datenerfassung der amerikanischen Big-Tech-Unternehmen Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google konkurrieren kann. Diese Unternehmen kontrollieren derzeit weitgehend den europäischen Datenmarkt.

Momentan werden 80 Prozent der Daten in Rechenzentren gespeichert, die sich hauptsächlich im Besitz der amerikanischen Technologieunternehmen befinden. Dies wird in Zukunft anders sein, wenn es nach dem Plan der Europäischen Kommission geht.

Im Jahr 2025 werden 80 Prozent der Daten in Geräten gespeichert werden, die Daten durch Sensoren erfassen. Grund dafür ist, dass die Zahl der Geräte, die das IoT, das “Internet der Dinge”, nutzen, zunehmen wird. Diese Art von Gerät speichert Daten nicht in Datenzentren, sondern in externen Geräten, was als ‘Rand’ bezeichnet wird oder als ‘Edge Computing’.

Datenräume für neun Sektoren wie Gesundheitswesen und Landwirtschaft

Darüber hinaus sollen getrennte Datenräume für verschiedene wirtschaftliche und soziale Bereiche entstehen. Dies ist einer der Gründe, warum ein Standard für die Datenspeicherung geschaffen werden muss, der die Verarbeitung verschiedener Datensätze erleichtert. Wenn alle Unternehmen dafür unterschiedliche Protokolle verwenden, kann dies die effiziente Nutzung der Daten behindern.

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In ihrer Datenstrategie unterscheidet die Europäische Kommission neun Sektoren, die jeweils eigene Datenräume erhalten sollten: (verarbeitende) Industrie, Aktivitäten im Zusammenhang mit der Umsetzung des Europäischen Grünen Deals, Mobilität, Gesundheitswesen, Finanzdienstleistungen, Energie, Landwirtschaft, öffentliche Verwaltung und Arbeitsmarkt.

EU als Unternehmen geführt

Letzteres ist vor allem in politischer Hinsicht interessant: Es zielt darauf ab, auf dem Arbeitsmarkt in den Mitgliedstaaten Mangel sowie Überschuss an bestimmten Qualifikationen und Fachkenntnissen zu verhindern. Mit dieser Heransgehensweise nimmt die EU mehr und mehr die Gestalt eines Unternehmens an, das die Europäische Kommission effizient führen will und das deshalb eine Personalplanung für seinen (zukünftigen) Binnenmarkt benötigt.

Bisher jedenfalls hatte sich die Europäische Kommission noch nie in derartige Angelegenheiten eingemischt.

Europäische Mega-Bibliothek für kostenlose Daten

Wenn diese neun Datenräume wirklich entstehen, wird es eine Mega-Bibliothek digitaler Daten geben, mit der die Europäische Union die derzeitige Hegemonie der amerikanischen Technologieunternehmen auf dem Big-Data-Markt brechen kann. Das wäre ein Erfolg für Kommissarin Vestager (Wettbewerb und Digitalisierung) in ihrem Kampf gegen den Missbrauch dieser Marktmacht: ein Problem, das sie bisher trotz einiger Klagen und Bußgeldern in Milliardenhöhe nicht lösen konnte.

Ob der Plan Erfolg hat, wird sich erst noch zeigen müssen. Die Unterschiede in der Nutzung der Datenspeicherung über eine Cloud (die notwendig ist, um einen so großen Datenraum zu schaffen) sind zwischen den Mitgliedstaaten groß. In einem nutzen bereits 65 Prozent der Unternehmen eine Cloud zur Speicherung von Daten, in einem anderen nur 10 Prozent.

Darüber hinaus müssen die Bürger der verschiedenen europäischen Mitgliedstaaten über die Nutzung von Computern und die Digitalisierung ihrer Geschäftsabläufe umfassend aufgeklärt werden.

Schnellere Innovation

Wenn der europäische Plan jedoch Erfolg hat, werden die Vorteile groß sein. So helfen beispielsweise leicht zugängliche Datensätze den Forschern im Gesundheitswesen. Die Analyse dieser Datenräume könnte Erkenntnisse liefern, ohne eine arbeitsintensive Patientenforschung zu erfordern.

Dasselbe gilt für andere Sektoren wie die Landwirtschaft. In verschiedenen Ländern verwenden Landwirte beispielsweise bestimmte Arten von Apparaturen mit Sensoren, die mit einer digitalen Datenbank verbunden sind. Auf diese Weise messen sie, wie die Zusammensetzung des Bodens und seine Bewässerung mit dem Wachstum bestimmter Kulturen unter verschiedenen klimatischen Bedingungen zusammenhängen.

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Wenn jeder Landwirt die Informationen über sein eigenes Feld vor sich hat, vermittelt ihm das nur Wissen über diesen Boden, die Nährstoffe und den Ertrag der Pflanzen. Wenn alle Landwirte, die diese Art von Sensoren verwenden, ihre Daten im Datenraum für die Landwirtschaft gemeinsam nutzen und ein Forscher sie analysiert, kann dies zu neuen Erkenntnissen führen, die es allen ermöglichen, ihre Böden besser zu nutzen.

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