TU Wien (c) Von Peter Haas, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25729420

„Es reicht nicht, abzuwarten, bis sich die Dinge bottom-up entwickeln, sonst braucht es Jahrzehnte, um dort hinzugelangen, wo wir hinwollen“, sagt Sabine Seidler, die Rektorin der TU Wien in einer Reaktion auf die jüngste Maßnahme der TU Eindhoven. Diese will in den Stellenausschreibungen der kommenden eineinhalb Jahre ausschließlich Frauen ansprechen. Ziel ist es, die Frauenquote zu erhöhen.

Die TU Eindhoven wird in den kommenden eineinhalb Jahren circa 150 fixe Stellen im wissenschaftlichen Bereich ausschreiben. Alle sollen mit Frauen besetzt werden. Maßnahmen zuvor haben nicht schnell genug gegriffen, so das Argument des Rektors Frank Baaijens. Er erwartet sich von einer diversen Belegschaft mehr Kreativität und ein schnelleres Innovationstempo. Den Artikel finden Sie unter diesem Link

Die Rektorin der TU Wien, Prof. Sabine Seidler, reagierte in einem Kommentar darauf:

„Für Außenstehende mag diese Maßnahme auf den ersten Blick drastisch oder vielleicht sogar überzogen erscheinen. Für Kenner_innen eines technischen Universitätssystems und Arbeitsmarktes, in dem das Werben um weibliche Spitzenkräfte intensiv und zehrend ist, ist sie durchaus nachvollziehbar. Die TU Eindhoven steht wie auch die TU Wien vor der großen Herausforderung, für Frauen ein optimales und nachhaltiges Umfeld für ihre wissenschaftlichen Karrieren aufzubereiten.

Call for Professorinnen

Ich selbst habe mich vor einigen Jahren dem Thema intensiv gewidmet, weil die TU Wien einen niedrigen Anteil von Frauen am wissenschaftlichen Personal verzeichnete: 2016 waren lediglich elf Prozent der Professuren und zwanzig Prozent der Laufbahnstellen mit Frauen besetzt. Auch wir griffen zu einer aufsehenerregenden Maßnahme, dem sogenannten Call for Professorinnen bei dem das Rektorat der TU Wien in einem internen Wettbewerb die acht Fakultäten aufrief, nachhaltige Gleichstellungskonzepte vorzulegen. Als Preis wurden zwei Professuren und zwei Laufbahnstellen für Frauen in Aussicht gestellt, die zwischenzeitlich erfolgreich mit Kolleginnen im Bauingenieur- und Maschinenwesen, der Informatik und Technischer Chemie besetzt wurden.

Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien zur Erhöhung der Frauenquote
Sabine Seidler (c) Raimund Appel

Fächerspezifische Lösungen

Der Erfolg dieses Calls war der Weg hin zur Etablierung dieser vier Stellen und das Faktum, dass wir es dadurch geschafft haben, die Diskussion dieses Themas in die Fakultäten hineinzutragen. Während dieses Wettbewerbs haben Kolleg_innen der Fakultäten strategische Konzepte erarbeitet, wie sie an der Erhöhung der Frauenanteile arbeiten können, sodass das Geschlechterverhältnis irgendwann einmal fünfzig:fünfzig beträgt. Dabei sind sehr viele Ideen entstanden, die fächerspezifisch sind und auf die speziellen Rahmenbedingungen in den Fakultäten abzielen.

Frauen ziehen Frauen an

In den Zielvereinbarungen zwischen Rektorat und Fakultäten ist festgeschrieben, dass der Frauenanteil durch wirksame Maßnahmen zu erhöhen ist. Denn es reicht nicht, abzuwarten, bis sich die Dinge bottom-up entwickeln, sonst braucht es Jahrzehnte, um dort hinzugelangen, wo wir hinwollen. Und Erfahrungen und Studien zeigen: Wenn erst einmal Frauen da sind, dann ziehen sie weitere Frauen an. Professorinnen betreuen viel mehr Diplomandinnen.

Internationaler Wettbewerb

Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sehen: Es nützt nichts, wenn eine Institution alleine sehr viel tut und das gesellschaftliche Umfeld tut nichts. Das Forschungssystem ist ein internationales, und wir sind darauf angewiesen, dass überall die gleichen Anstrengungen unternommen werden. Insofern blicke ich gespannt nach Eindhoven. Wir verlieren unsere jungen Frauen möglicherweise im internationalen Wettbewerb, dafür müssen jedoch von woanders her auch wieder Frauen an die TU Wien kommen – der Austausch steht in der Wissenschaft immer im Vordergrund.“

Über Sabine Seidler

Sabine Seidler studierte an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg, wo sie in Werkstoffwissenschaft promovierte. Später wechselte sie an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und war dort sieben Jahre lang am Institut für Werkstoffwissenschaften tätig. 1996 erfolgte die Berufung an die TU Wien. Hier war sie von 2007 bis 2011 Vizerektorin für Forschung und wurde 2011 zur ersten Rektorin der TU Wien gewählt. Im Mai 2018 wurde Seidler für eine dritte Periode bis 2023 wiedergewählt.

 

Auch interessant:

Am Meisten Gelesen Diese Woche: „Indem wir nur Frauen einstellen, werden auch Männer davon profitieren“

Akademische Stellenangebote an der TU Eindhoven vorerst ausschließlich für Frauen

Werden Sie Mitglied!

Auf Innovation Origins können Sie täglich die neuesten Nachrichten über die Welt der Innovation lesen. Wir wollen, dass es so bleibt, aber wir können es nicht allein tun! Gefallen Ihnen unsere Artikel und möchten Sie den unabhängigen Journalismus unterstützen? Dann werden Sie Mitglied und lesen Sie unsere Geschichten garantiert werbefrei.

Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie verfolgt neue Trends in Gesellschaft, Design, Technologie und Wirtschaft findet es spannend, interdisziplinäre Tendenzen zwischen den verschiedenen Bereichen zu beobachten. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.