Bewuchs an Häusern ist nichts Neues: So waren es früher vor allem die Fassaden, die mit Rank-Pflanzen begrünt wurden. Doch nun sollen zusätzlich auch Fenster und Türen per kinetischer, hängender „Blumenkästen“ für grüne Ausblicke sorgen. Der Vorteil wäre eine höhere Sauerstoffproduktion, die Verbesserung des Klimas, Kühleffekte im Wohnbereich sowie auch Energieeinsparung, ein erhöhter Wohnkomfort und zu guter Letzt schön anzuschauende Hauswände. Diese Vision zumindest hat das Team von Bioblinds: Mit einem kostenlosen DIY-Tool-Kit der von ihnen entwickelten Bio-Gardinen-Mechanik zum Download möchte es zukünftig für mehr Grün in den Städten sorgen. Die notwendigen Bauteile sind nämliche alle im Baumarkt erhältlich. Doch bis zur Realisierung ist noch einiges zu tun.

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Die Idee stammt vom Kreativbüro Jan Engel, dessen Inhaber vor Jahren in New York lebte und dort in seiner Erdgeschosswohnung an seinem unschönen Ausblick auf die Mülltonnen feilte. Seitdem arbeitet er daran, urbane Aussichten minderwertiger Wohnungen attraktiver zu gestalten. Engel erinnert sich:

Viele Versuche in den letzten 20 Jahren sind gescheitert ‒ weil ich versucht habe auf bestehenden Forschungen aufzubauen. Anfang 2019 konnten wir dann endlich mit dem Produktdesigner aus unserem Team die Grund-Mechanik identifizieren und über unsere Prototypen verfeinern.“

Crowd-Funding für Forschung gestartet

Bis jetzt testete Engel seine vertikalen Gärten auf privaten Balkonen in Berlin und in seinem Landbüro im Harz. Doch nun möchte das Team um Bioblinds – symbolisch als Geste zum 30-jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit –, ein Land-Art-Projekt als Träger der Botschaft von demokratischer Freiheit initiieren. Dafür will die Gruppe einen zweistöckigen Forschungskubus in Osterwieck an der ehemaligen innerdeutschen Grenze bauen. Dieser soll notwendige soziale, mechanische und gestalterische Daten generieren. Gleichzeitig soll er sowohl Menschen als auch Pflanzen unterschiedlicher Kulturen zusammenbringen.

Engel erklärt:

Wir haben mehrere Prototypen gebaut, die alle funktionieren. Die Grund-Mechanik ist gefunden und soll nun im nächsten Schritt in Bezug auf unterschiedliche Pflanzen und Klimazonen adaptiert werden. Dafür planen wir den Forschungskubus.“

Zur Realisierung startet Bioblinds im Dezember 2019 eine Crowd-Funding-Kampagne. So möchten die Initiatoren herausfinden, ob überhaupt Interesse an einem solchen Projekt besteht. Gebaut, bepflanzt und geforscht werden soll dann ab kommenden Frühjahr und im Sommer.

Ab Oktober 2020 stünden dann alle Daten des digitalen Toolkits zur Verfügung und ab dem Frühjahr 2021 könnten theoretisch alle Menschen ihre eigenen ‚Sauerstoffmaschinen‘ nach unseren Bauanleitungen planen“, hofft Engel.

Mit der Idee möchte Bioblinds einen Impuls für grünere Städte setzen.

Durchdachtes Konzept

Das endgültige Produkt wird das Do-It-Yourself-Kit sein. Dieses wird neben Einkaufslisten die technischen Baupläne sowie auch Pflanzeninformationen beinhalten. Dazu Engel:

Jahrelang dachten wir, wir müssten eine Pflanze genetisch verändern. Dies ist zum Glück nicht der Fall, wie Gespräche mit Spezialisten von bspw. KWS gezeigt haben. Die Mechanik funktioniert mit ausgewählten Ranke- und Hängepflanzen. Selbstverständlich hängt die Auswahl von den persönlichen Vorlieben, aber auch von den klimatischen und architektonischen Gegebenheiten ab. Bisher haben wir Versuche mit Hopfen, Efeu, Blauregen, Jasmin, wildem Wein, Dichondra und Kiwi gemacht.

©Bioblinds

Bei der Entwicklung achteten die Initiatoren neben der speziellen Mechanik darauf, dass die Pflanzen nicht verletzt wurden und auch die Wasserversorgung garantiert war. Prinzipiell könnte sie sogar in einem noch größeren Abstand angebracht werden. So könnten neue, luftige Räume geschaffen und auch Glasfassaden begrünt werden.

Über unsere Mechanik lassen sich die Bioblinds ganz einfach öffnen – theoretisch auch elektronisch. Sprich: Der Blick aus dem Fenster bleibt, wenn gewollt, frei. Gleichzeitig kann er aber auch Sichtschutz bieten. Ob offen oder geschlossen – die Pflanzen werden nicht strapaziert“, freut sich Engel.

Pflege der Pflanzen und Schutz der Häuserfassaden

Und auch über die Pflege der wachsenden Bio-Gardinen hat sich das Team Gedanken gemacht.

In der DIY-Version werden die vertikalen Gärten von den Wohnungs- bzw. Hausbesitzern gepflegt ‒ im Erdgeschoss von außen oder innen, ab der ersten Etage aus dem Fenster heraus“, erklärt Engel, „wenn man allerdings ein Hochhaus mit Bioblinds verkleiden möchte, müsste man, ähnlich wie bei der Reinigung von Glasfassaden, auf Spezialisten / Gärtner zurückgreifen.“

Ebenso müssen aber auch die Häuserfassanden geschützt werden. Zwar geschieht dies – vor allem vor Witterung – einerseits durch den Bewuchs. Gleichzeitig sorgt aber auch der in der Grundmechanik integrierte Abstandshalter von 10-20 cm für Schutz. Dieser hält beispielsweise die Saugärmchen von Efeu fern. Und dank der – auch abnehmbaren –, Mechanik ist sogar ein Reinigen der Fassaden bequem möglich. Momentan versucht das Team zudem Pflanzen zu finden, die über natürliche Bakterien einen Schutz liefern könnten.

Kostenloses Open-Source Projekt

Wichtig ist den Initiatoren, dass es bei dem ganzen Projekt nicht ums Geld verdienen geht. Das primäre Ziel ist ihnen, Menschen dazu zu inspirieren, ihre „Blumenkästen“ über den Fenstern und Türen anzubringen. Und zwar mit Hilfe der von Bioblinds entwickelten Mechanik als Vorhang. Wobei diese nicht den Anspruch hat, das perfekte Produkt zu sein. In der Community ist jeder dazu eingeladen, seine Erfahrungen und Ideen zu teilen. Bioblinds soll ein kostenloses Open-Source Projekt sein, dass Hausfassaden auf der ganzen Welt demokratisch begrünen könnte. Und genau das ist auch der Grund, warum das Team schon jetzt viele Informationen öffentlich macht. So will es verhindern, dass eine große Firma mit ihrer Idee ein Patent anmeldet und das Angebot dann nicht mehr kostenfrei wäre. Sollte das Community-Commons-Projekt funktionieren, wird es nicht nur stets “work-in-progress” sein, sondern auch international die grüne Kommunikation verstärken.

Zum Team gehören neben Engel der Produktdesigner Tino Seubert aus London, Anne Jacobs, Journalistin und PR Fachfrau, Rüdiger Engel, pensionierter Unternehmer und Ex-Marketing-Club-Leiter Harz e.V. sowie Judith Jacobs, Schauspielerin und Kulturberaterin in Berlin.