Isolation bei Ebola (c) B. Hossfeld - Pixabay

Die Bevölkerung im Kongo leidet am bisher größten Ebola-Ausbruch in der Geschichte des Landes. Mehrere Hilfsprojekte laufen. Im sozialwissenschaftlichen Netzwerk SONAR global sollen die Projekte jetzt koordiniert werden – und Modelle für die bessere Einbindung von Betroffenen entstehen.

Es ist der zehnte Ebola-Fieber-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo. Seit Ende Juli 2018 wurden mehr als 1700 Fälle von Ebola-Fieber gemeldet. 1100 Betroffene sind gestorben (Quelle: Robert Koch Institut). Mehrere internationale Organisationen sind vor Ort, um den Ausbruch einzudämmen. Seitens der Bevölkerung mangelt es allerdings oft an Vertrauen. So werden zum Beispiel die Ebola-Zentren gemieden und lokale Gesundheitszentren aufgesucht.

Soziale Einbindung

Der Kongo ist nur ein Gefahrenherd. Weltweit kommt es zu Ausbrüchen von Lassa-Fieber, Gelbfieber, Masern und anderen Infektionskrankheiten. Begleiterscheinung von Epidemien ist der unkontrollierte Gebrauch von Medikamenten. Dadurch werden zusätzlich antimikrobielle Resistenzen (AMR) gefördert.

Die Einfluss-Faktoren auf die infektiösen Bedrohungen sind komplex: politische und wirtschaftliche Instabilität, sich ändernde ökologische Bedingungen, Tierhaltung und Lebensmittelproduktion sowie lokale Gemeinschaften und deren marginalisierte Bevölkerungsgruppen sind zu berücksichtigen. Die Bewältigung der Gesundheitsbedrohung geht über herkömmliche Reaktionsstrategien hinaus. Nationale Regierungen und einzeln agierende Organisationen sind überfordert.

Faktor Bewusstseinsbildung

Um in Zukunft besser – und in Kooperation mit der Bevölkerung – agieren zu können, wurde das internationale sozialwissenschaftliche Netzwerk SONAR global geründet. Gemeinsam mit den Betroffenen will man vor Ort Modelle entwerfen, welche die Probleme der Bevölkerung vor, während und nach Epidemien lösen und das Leben verbessern. Wesentlicher Faktor ist die Bewusstseinsbildung.

Die anhand der akuten Situation im Kongo entwickelten Tools sollen künftig weltweit dazu betragen, Epidemien durch die bessere Einbindung von Betroffenen zu verkürzen. Diese sollen auch unter anderen politischen Verhältnissen und bei anderen Infektionserkrankungen und antimikrobiellen Resistenzen eingesetzt werden können.

Kommunikative Aufgabe

Ziel ist es, die Resilienz (Widerstandskraft) in der Bevölkerung zu verbessern, die bestehenden Unsicherheiten zu verstehen und zu gemeinsamen Lösungen zu gelangen. Problemfelder sind etwa die Isolation und Behandlung von Erkrankten oder die Quarantäne von Angehörigen. Die Sozialwissenschafter übernehmen dabei eine kommunikative Aufgabe. Sie erklären, warum die Maßnahmen notwendig sind und in welchen Situationen diese wichtig sind. So soll das notwendige Problembewusstsein geschaffen werden.

Auch die Medizinische Universität Wien ist an dem Projekt beteiligt. Im Team um Ruth Kutalek von der Abteilung für Sozial- und Präventivmedizin geht es um sozialwissenschaftliche Fragestellungen wie

  • das soziale Verhalten bei Epidemien;
  • das gezielte Ansprechen von besonders verletzlichen Gruppen;
  • die Integration von geeigneten Public Health-Maßnahmen in Gemeinschaften;

„Das alles geht nur mit der betroffenen Bevölkerung, wir entwerfen gemeinsam mit ihnen Modelle, die zu geeigneten Lösungen beitragen, um das Leben der Menschen vor, während und nach Epidemien zu verbessern.“ Ruth Kutalek

 

Steigerung der Effizienz

Um möglichst effizient arbeiten zu können, wurden im ersten Schritt ähnlich gelagerte Projekte im Kongo erfasst. Projekte, die sich vor Ort mit sozialwissenschaftlichen Aspekten von Prävention, Behandlung und mentaler Unterstützung beschäftigen. Möglich wurde dies in der engen Zusammenarbeit mit dem Global Outbreak Alert & Response Network (GOARN), das Länder weltweit bei der Bekämpfung von Krankheitsausbrüchen unterstützt. Die so entstandene Landkarte verhindert, dass in einem Bereich mehrere, gleiche Projekte gestartet werden.

Verletzliche Gruppen

Unter anderem werden Instrumente für eine verbesserte Ansprache von besonders verletzlichen Gruppen entwickelt. Dabei gilt es zunächst zu eruieren, welche Bevölkerungsgruppen wie und wo besonders ansteckungsgefährdet sind oder besonderer Hilfe bedürfen. Das kann von Ort zu Ort sehr unterschiedlich sein, weiß Kutalek. Wie sich bereits zeigte, sind jedoch besonders Frauen gefährdet – erwachsene genauso wie minderjährige. Aufgrund von Kriegsereignissen werden Familien oft von weiblichen Kindern geführt. Sie sind diejenigen, welche die Erkrankten zum überwiegenden Teil pflegen, erklärt Kutalek.

Erarbeitung von Lehrplänen

Die Ergebnisse des Projekts sollen unter anderem in die Erarbeitung von Lehrplänen für die Vorbereitung und Reaktion auf Infektionsbedrohungen und AMR einfließen. Diese sollen innerhalb und außerhalb der Sozialwissenschaften eingesetzt werden, um das Wissen über Infektionsbedrohungen und antimikrobiellen Resistenzen zu fördern.

Das Projekt …

… SONAR global läuft über drei Jahre und wird im Rahmen von Horizon 2020 von der Europäischen Kommission finanziell unterstützt. Die Leitung des Projekts obliegt Tamara Giles-Vernick vom Institut Pasteur, einem global agierenden Netzwerk, das zur Verbesserung der öffentlichen Gesundheit – speziell bei Infektionskrankheiten beiträgt.

Originalpublikation:

Drückers, M./Giles-Vernick, T./Kaawa-Mafgiri, D./Kutalek, R./Napier, D./Paget, J. et al. (2019): A new social sciences network for infectuous threats. In: The Lancet Infectious Deseases. Volume 19, issue 5, 461-463.

 

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger ist Schriftstellerin. Sie lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie interessiert sich für neue Trends in Design, Technologie und Wirtschaft. Sie ist besonders gespannt auf interdisziplinäre Tendenzen zu entdecken und Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen zu verwischen. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.