Forscher der Johannes Kepler Universität Linz bringen ihre Expertise im Bereich Kunststofftechnik in einem Recycling-Startup in Kenia ein. Gemeinsam wurde ein wirtschaftlich tragbares Modell entwickelt, das auch technologischen Fortschritt brachte.

Die bestehende Abfallwirtschaft in Kenia ist rudimentär und läuft vorwiegend informell. Die Bewohner deponieren ihren Haushaltsabfall auf der Straße. Dort wird dieser in unregelmäßigen Abständen von privaten Müllsammlern eingesammelt, die Wiederverwertbares und Recycelbares heraussuchen. Das System ist undurchsichtig und ausbeuterisch: Die Abnehmer sind Mittelsmänner – und der Erlös ungewiss. Dadurch haben die Müllsammler kein fixes Einkommen. Wer von der undurchsichtigen Wertschöpfungskette profitiert, das sind die Mittelsmänner.

Ineffiziente Abfallwirtschaft

Problematisch sind nicht nur die sozial ausbeuterischen Verhältnisse in der informell organisierten Abfallwirtschaft, sondern auch deren Ineffizienz. Letztere ist auf fehlende rechtliche Rahmenbedingungen, unzureichende Beschäftigungsverhältnisse und unzugängliche Daten zurückzuführen.

Karim Debabe und Keiran Smith waren noch Studenten, als sie 2010 Mister Green Africa (MGA) gründeten. Gemeinsam wollten die Wirtschaftsstudenten den bislang ungeregelten Recyclingsektors in eine Plastik-Kreislaufwirtschaft integrieren. Gleichzeitig wollten sie eine Verbesserung der sozio-ökonomischen Bedingungen herbeiführen. Durch die Errichtung von Umschlagplätzen in ganz Nairobi, gelang es ihnen die Mittelsmänner auszuschalten und den Müllsammlern zwei Verbesserungen zu bieten:

  • die Möglichkeit des Direktverkaufs;
  • höhere und stabile Preise;

Transparenz schaffen

Die Müllsammlung organisierten sie via mobiler App. Jeder Müllsammler erhält ein Profil, das die Dokumentation und Analyse seiner Produktivität und Verlässlichkeit ermöglicht. Die Entlohnung ist erfolgsorientiert: Müllsammler, die regelmäßig an MGA liefern, haben Anspruch auf höhere Preise. Bei Erreichen des Monatsziels werden zusätzlich Sozialleistungen gewährt. Der Zustrom war groß: Bereits 2000 Müllsammler haben langfristige Verträge.

2017 wandte sich das Startup an das Institut für Polymer-Werkstoffe und Prüfung (IPMT) und das Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung (IQD) an der Johannes Kepler Universität in Linz. Das System krankte an mangelnder Materialqualität und Absatzfähigkeit der Recyclingprodukte. Hergestellt wurden vorwiegend Verpackungsprodukte. Das IPMT führte Materialtests durch und stellte mehrere Mängel fest:

  • Kontamination;
  • nicht kommerzialisierbare Farben;
  • unzureichende Verarbeitung;
  • geringe Belastbarkeit in mechanischen Tests;

 

Eine erste Maßnahme wurde mit der Errichtung eines Heißwasch- und Sortierungsfließbands am Firmensitz in Nairobi gesetzt.

Verunreinigter und durchmischter Müll

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung wurde das Geschäftsmodell der MGA analysiert. Gemeinsam wollte man ein Konzept für die Integration des informellen Recyclingsektors in eine sozial verträgliche Kreislaufwirtschaft entwickeln. Problematisch ist die starke Durchmischung und Verunreinigung der gesammelten Kunststoffe. Die Aufbereitung erfordert Handarbeit und industrielle Wasch- und Sortierprozesse, um hochwertiges wiederverwertbares Material zu erhalten, erklärt Melanie Wiener vom Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung in einem Bericht der Kepler Tribune (01/2019).

Eine Problemlösung fand man in der Kategorisierung des zu sammelnden Materials, das zu einer Harmonisierung der Arbeitschritte führte. Die gezielte Müllsammlung gewährleistet einen relativ konstanten Nachschub an bereits vorselektiertem recyclingfähigem Plastikmüll. Das ist die Grundvoraussetzung für das Sortieren, Waschen und Schreddern im industriellen Maßstab.

Industrielles Niveau

In den Recyclingprozess gehen Flaschen, Eimer, Behälter, etc. ein. Diese werden sortiert, von festen Fremdstoffen befreit, zerkleinert, gewaschen und getrocknet. Bis jetzt endet der Prozessablauf noch beim sortierten und heißgewaschenen Mahlgut, den sogenannten Flakes, die von MGA so vertrieben werden.

In naher Zukunft möchte MGA mit der Granulierung (Pelletizing) einen weiteren Wertschöpfungsschritt integrieren, erklärt der Forscher Markus Gall. Im Labor der JKU wurde dieser Schritt schon vollzogen. Dabei werden die heißgewaschenen Flakes mit Hilfe einer Extrusionsanlage zu Granulat (Pellets).

Im Verfahren werden die Flakes geschmolzen, gemischt, homogenisiert und entgast. Anschließend wird die Schmelze zu einem dünnen Strang geformt, der sofort granuliert wird.

Durch diese Aufbereitung nimmt das Material eine homogenere und besser definierte Form von Kunststoff an, als dies bei Mahlgut der Fall ist. Granulat ist besser zur Aufbewahrung, zum Transport und vor allem zur Weiterverarbeitung und Produktherstellung geeignet als Mahlgut.

Zukunftsziele

Mittlerweile sind die Recyclingprodukte marktfähig und können sich in Zusammensetzung und Eignung zur Weiterbearbeitung mit jenen im europäischen Recyclingmarkt messen.

Dieser Erfolg ließ die Projektpartner drei Zukunftsziele formulieren:

  • Am Firmensitz in Nairobi soll ein Plastikverarbeitungs- und Testlabor installiert werden, um Material- und Qualitätstests im Haus zu ermöglichen. Das Labor soll auch für Schulungszwecke genutzt werden. Adressat ist die interessierte Öffentlichkeit – und vor allem die Jugend. Die nächste Generation soll mit Wissen und Kreativität von der Fremdhilfe zur Selbsthilfe übergehen können.
  • Die Müllsammler sollen von der Straße weggeholt werden. Durch eine Umschulung sollen Müllsammler zu Abholagenten werden, die den Müll direkt von den privaten Haushalten abholen.
  • Das Projekt soll im IQD dokumentiert werden, um das Wissen in weiterer Folge ähnlichen Organisationen in anderen Entwicklungsländern zur Verfügung stellen zu können.

Gleichzeitig will Keiran Smith das Projekt ausweiten. “In den nächsten Jahren möchten wir uns noch auf die ostafrikanische Region konzentrieren, schließen aber eine Expansion in andere afrikanische Länder nicht aus“, sagt er in der Kepler Tribune. Darüberhinaus sieht er viel Potenzial für Länder, die ein Müllproblem und informelle Müllsammler haben – wie etwa Indien, die lateinamerikanischen Staaten oder aufstrebende Wirtschaften in Südostasien.

 

Mister Green Africa wurde 2010 von zwei Wirtschaftsstudenten in der Schweiz gegründet. Im Bild: Co-Gründer Keiran Smith mit seinen Mitarbeitern. (c) Mister Green Africa

 

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