Dossier Covid-19

Der Ausbruch des Coronavirus Covid-19 ist offiziell eine Pandemie. Aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass die Menschheit genau in diesen Momenten zu kreativen Lösungen kommt. Innovation Origins berichtet darüber täglich im Dossier Covid-19.

Die Tatsache, dass sich viel mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben, als in den offiziellen Zahlen sichtbar wird, bringt nur wenige Stirnen zum Runzeln. Sogar auf der Website des niederländischen RIVM, des Nationalen Instituts für Öffentliche Gesundheit und Umwelt, wird jeden Tag ordnungsgemäß darauf hingewiesen, dass die tatsächliche Zahl der Infektionen in den Niederlanden viel höher ist. Vorige Woche kletterte ich in den Ring, um auf dieser Website meine Unzufriedenheit auszudrücken. Denn seit voriger Woche werden nur Krankenhausaufenthalte auf kommunaler Ebene bekannt gegeben, anstatt der Gesamtzahl der Diagnosen.

Obwohl es immer noch eine Schande in Bezug auf die Einheitlichkeit der Datenerhebungen ist, verstehe ich diese Entscheidung jetzt. Das RIVM selbst erklärte: “Da in den Niederlanden so wenige Tests durchgeführt werden, geben die Zahlen der Krankenhausaufenthalte ein realistischeres Bild der Situation wieder”. Plausibel. Denn angesichts der Zahl der Verstorbenen und der Krankenhauseinweisungen kann die Zahl der Infizierten nur um ein Vielfaches höher sein als die auf der Website genannten 19.580. Tatsächlich ist es wahrscheinlich, dass die 19.580 weniger als zehn Prozent der Gesamtzahl ausmachen. Die winzige Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Wie kann diese Krankheit in einem Land weniger als ein Prozent der Patienten töten während sie in einem anderen in fast 20 Prozent der Fälle tödlich verläuft?

Der isländische Eisberg

“Testen, testen, testen”. Nun ist dies in einem Land mit Millionen von Einwohnern nicht leicht zu bewerkstelligen. Aber es gibt auch kleine Länder wie beispielsweise Island. Dieser skandinavische Inselstaat mit weniger Einwohnern als manch niederländische Provinz ließ fast 5 Prozent der Bevölkerung – etwa 18.000 Menschen – auf das Virus testen. Und was stellte sich heraus? Bei nicht weniger als der Hälfte der positiv getesteten Isländer trat COVID-19 ohne die bekannten Symptome auf. Das scheint eine gute Nachricht zu sein. Aber sie hat einen bösen Haken. Asymptomatisch heißt nicht immun. Tatsächlich spielte diese Gruppe eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Virus.

Inzwischen werden auch in den Niederlanden alle Anstrengungen unternommen, die Testkapazität von 4.000 auf 17.500 pro Tag zu erhöhen. Später sollen die Tests auf bis zu 30.000 gesteigert werden kann. Dies scheint kein überflüssiger Luxus zu sein; in den Niederlanden sind etwas mehr als 5.000 von einer Million Menschen getestet worden. Die folgende Karte zeigt, wie viel dies im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist. Es gibt mehr als 2.100 Opfer bei einer Infektionszahl von 19.580. Dabei wird die Mortalität von COVID-19 ziemlich eindeutig auf etwa 1 Prozent geschätzt. Wie ist es möglich, dass es in den Niederlanden fast das Zehnfache ist? Entweder haben wir es hier mit einer tödlicheren Mutation des Virus zu tun, oder der Löwenanteil der infizierten niederländischen Bevölkerung wird vom Radar nicht erfasst.

 

Hunderttausende von Corona-Patienten in den Niederlanden?

Wie viele Menschen in den Niederlanden tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert sind oder waren, muss noch ermittelt werden. Die Daten des RIVM enthalten jedoch eine Reihe von Hinweisen, die das Ausmaß der Pandemie verdeutlichen. Seit letzter Woche spielt die Anzahl der Krankenhauseinweisungen dabei eine der Hauptrollen. Die Einweisungen sagen jedoch nicht alles: In einer idealen Situation, in der in angemessener Zahl Tests durchgeführt werden, folgen Krankenhauseinweisungen nicht unmittelbar nach einer positiven Diagnose. Der Infizierte muss ernsthafte Symptome entwickeln, bevor eine Einweisung erfolgt. Laut einer chinesischen Studie aus Wuhan geschieht dies etwa 7 bis 8 Tage, nachdem sich die ersten Symptome zeigen. Aber da die Situation in den Niederlanden eine völlig andere ist, kann man daraus nur wenige Schlüsse ziehen.

Die Zahl der Todesfälle. Dieses Bild ist etwas realistischer, da eine Krankheit klinisch gesehen zwei Endstadien hat: Heilung oder Tod. Dann ist ein Fall abgeschlossen. Ein Patient erreicht dieses Endstadium im Durchschnitt zwei Wochen nach Auftreten der ersten Symptome. Bei einer Inkubationszeit von fünf Tagen kann man aufgrund dieser Daten vermuten, dass sich jemand, der heute stirbt, um den 17. März herum mit dem Virus infiziert hat. Doch selbst diese Daten sind nicht ganz wasserdicht, weil die Menschen, die zu Hause sterben, nicht mitgezählt werden. Die zuverlässigste Zahl ist die Zahl der Todesfälle bei Statistics Netherlands (CBS). Diese Zahlen spiegeln jedoch – wie alle Corona-Daten – ein um mehrere Wochen verzögertes Bild wider.

Da es keine Anzeichen dafür gibt, dass die Niederlande an einer tödlicheren Mutation des Virus leiden, erscheint die isländische Situation auch für die Niederlande – und das übrige Europa – plausibel. Bei 2.100 Todesfällen am 7. April, einer Todesfallrate von 1 Prozent und einer Verzögerung von 19 Tagen würde dies bedeuten, dass die Niederlande am 17. März mehr als 200.000(!) Corona-Infizierte hatten. Am 17. März lag die Zahl der Infizierten jedoch “nur” bei 1.705. Dies würde bedeuten, dass weniger als ein Prozent aller infizierten Niederländer zu diesem Zeitpunkt vom RIVM diagnostiziert wurden. Und genau das ist der Grund, warum die Zuverlässigkeit dieser Zahl in Frage gestellt wurde. Dies könnte die relativ hohe Sterblichkeitsrate in den Niederlanden erklären. In Deutschland gab es eine ähnlich hohe Opferzahl, während dort fast zehnmal so viele positive Diagnosen gemeldet wurden. Zudem verfügen beide Länder (noch) nicht über ein überlastetes Gesundheitssystem, wie dies in Italien der Fall war.

Keine Titanic-Szenen in den Niederlanden

Um so viel Leid wie möglich zu verhindern, muss das Ausmaß des Problems bestimmt werden. Die niederländische Regierung will dies auf verschiedenen Wegen erreichen: mit deutlich mehr Testkapazität und Projekten wie dem Corona-Radar des LUMC (Medizinisches Zentrum der Universität Leiden). Zum Einsatz sollen auch die Daten des NIVEL, (Niederländisches Institut für Forschung im Gesundheitswesen) und eine “intelligente” App kommen, die die Bewegungen von Corona-Patienten verfolgt, wie es in Singapur und Südkorea geschieht. Unabdingbar natürlich ist bei alldem die Mitarbeit der Bevölkerung, die sich an die Richtlinien zur Hygiene, der Selbstisolierung und sozialer Distanzierung hält.

Nur wenn auf dieser Grundlage verlässliche Zahlen verfügbar sind, kann Politik gemacht werden. Wichtigstes Augenmerk gilt der Ansteckungsrate. Sie muss unter 1 bleiben, damit das Virus ausgelöscht werden kann. Laut Jaap van Dissel liegt diese Zahl jetzt bei etwa 0,3. Festspielsaison gerettet? Diese Freude wäre verfrüht, denn noch ist das Ausmaß nicht klar. Und diese Zahl könnte wieder steigen, wenn die Beschränkungen zu früh aufgehoben werden.

Wie könnte man diese Fakten besser abbilden? Man müsste rückwirkend die Zahl der lokalen Krankenhauseinweisungen weltweit bekannt machen. So könnte jeder Forscher, Programmierer oder Journalist dazu beitragen, die Gegenwart auf der Grundlage von Daten aus der Vergangenheit zu interpretieren, um fundierte Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. Schließlich ist der Sieg über eine Pandemie ein Mannschaftssport.