(c) Wormsystems

Ein Regenwurm kann pro Tag die Hälfte seines Körpergewichts an pflanzlichem Biomüll fressen. Die Ausscheidung, die er produziert, nennt man Humus – und mittlerweile auch schon schwarzes Gold. Ein Kilogramm Humus kostet mehr als ein Kilogramm Erdöl.

David Witzeneder nutzt den enormen Appetit der Regenwürmer für sein nachhaltiges Konzept der Biomüllentsorgung, die er mit einem Augenzwinkern Wurmkiste nennt. Und tatsächlich ist es eine Holzkiste, in die er Regenwürmer gibt und mit Biomüll füttert. 1000 Regenwürmer fressen pro Tag 200 Gramm Biomüll. Nach nur 21 Tagen wird der Biomüll zu Humus.

Allein in Wien werden jährlich 172.000 Kilogramm Biomüll im Restmüll entsorgt. Wenn alle Wiener ihren Biomüll mit der Wurmkiste in Humus verwandeln würden, wären täglich 20 bis 40 Lastkraftwagen weniger auf den Straßen. Das ermittelte David in seiner Diplomarbeit an der Universität für Bodenkultur in Wien. Außerdem würde eine große Menge an Humus entstehen, welchen die Bewohner entweder für ihre eigenen Pflanzen nutzen oder weitergeben könnten.

David Witzeneder im Interview:

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David Witzeneder (c) Wormsystems

 

Was hast du vor der Gründung von Wormsystems gemacht und wie ist die Idee entstanden?

Ich war nach der Matura lang im Ausland und absolvierte meinen Zivildienst in Costa Rica. Als ich das Studium der Agrarwissenschaften an der BOKU in Wien antrat und eine Wohnung bezog, fand ich es problematisch, den wertvollen Biomüll mit dem Restmüll zu entsorgen. Am Anfang vergrub ich meinen Biomüll im Türkenschanzpark. Bis ich durch Zufall auf das Prinzip der Wurmkiste stieß.

Was brauchen die Regenwürmer um ihre Aufgabe zu erfüllen?

Der Biomüll muss pflanzlich sein. Mit Ausnahme von Zitrusfrüchten fressen die Regenwürmer fast alles. Um sich wohl zu fühlen, brauchen sie ein feuchtes Klima. Aber da Biomüll zu 70 Prozent aus Wasser besteht, ist das fast automatisch gegeben. Die ideale Temperatur liegt, wie beim Menschen, bei 20 bis 25 Grad Celsius. Bei Temperaturen über 25 Grad reduziert sich ihr Fressverhalten, ab 35 Grad zeigen sie Stresserscheinungen und ab 40 Grad gehen sie zugrunde. Deshalb sollte die Wurmkiste im Sommer an einem kühlen Ort stehen.

Was ist deine Motivation, welches Problem löst du?

Meine Hauptmotivation ist die richtige Entsorgung des Biomülls. Die Regenwürmer wandeln 100 Kilogramm Biomüll in zehn Kilogramm Humus um. Der Humus ist ein kleines Nebenprodukt. In der Wurmkiste sind Biomüll und Humus sauber getrennt und die Ernte erfolgt zweimal jährlich.

Im Vergleich zur herkömmlichen Restmüllentsorgung kann die Wurmkiste dezentral aufgestellt und kontinuierlich mit Biomüll versorgt werden.

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Wurmkiste (c) Wormsystems

Was war das größte Hindernis, das du überwinden musstest? Gab es einen Moment in dem du aufgeben wolltest?

In den ersten zwei Jahren war sehr viel Durchhaltevermögen nötig. Das Produkt und der Webshop waren da, aber keiner fand uns. Das änderte sich erst als das befreundete Unternehmen Wohnwagon die Wurmkiste in seinen Webshop aufnahm. Dann erkannte ich auch das Problem: mein Webshop hatte keine SEO-Optimierung und konnte also gar nicht gefunden werden. Nach der SEO-Optimierung ging es dann richtig los. Ich musste damals noch vier Prüfungen an der Uni absolvieren. Aber es dauerte mehrere Jahre, bis ich das nebenbei schaffte.

Was waren die bisher schönsten Momente? Welche Leistungen machen dich wirklich stolz?

Wenn ich zusammenrechne, wie viele Wurmkisten es schon gibt und wie viel Humus daraus entsteht. Oder wenn ich positives Feedback bekomme. Einmal schickte mir eine Kundin ein Foto von einer Ananas, die sie im Wurmhumus angebaut hatte. Die Ananas war im Vergleich zur Vorjahresernte doppelt so groß.

Ihr habt euch in Andorf, einer 5000-Einwohner-Gemeinde in Oberösterreich niedergelassen. Wie sind die Bedingungen am Standort?

Ich wollte nach dem Studium wieder nach Hause zurück. Hier ist es sicher schwerer, Gleichgesinnte zu finden. Am Anfang haben die Leute gelacht, wenn ich von meinem Start-up erzählt habe. Aber seit wir eine alte Gewerbe-Immobilie mit 500 Quadratmetern Fläche angemietet haben, sehen sie, dass es funktioniert.

Befindet sich die gesamte Produktion unter einem Dach?

Wir lassen Teile von einem Integrationsbetrieb in Linz vorfertigen und in Andorf von Mitarbeitern der Lebenshilfe zusammenbauen. Insgesamt sind es etwa 50 Prozent der Produktion, die wir in Andorf abwickeln: Lager, Wurmzucht, Büro und Montage. Die Wurmzucht ist in einer separaten Halle auf etwa 200 Quadratmeter Fläche untergebracht.

Wo möchtet ihr mit eurem Unternehmen in fünf Jahren sein?

Im ersten Schritt haben wir Privathaushalte adressiert. Im nächsten Schritt möchten wir Wurmkisten für Gastronomie- und Gewerbe anbieten. Erste Pilotprojekte in Wien laufen bereits.

Was macht eure Innovation besser/anders als existierende Dinge?

Der wichtigste Punkt ist die dezentrale Entsorgung. Bei der herkömmlichen Entsorgung von Biomüll im Restmüll entstehen durch Abtransport und Verbrennung Kosten von etwa 60 Cent pro Kilogramm. Biomüll ist die schwerste Fraktion im Restmüll. Diese Kosten entfallen bei Nutzung der Wurmkiste. Die Anschaffung der Wurmkiste ist günstig. Die Regenwürmer pflanzen sich dem Nahrungsangebot entsprechend fort und leben lang. Wenn man auf sie achtet, entstehen keine Nachkosten mehr.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Restmüll in zehn Jahren noch mit dem Lastkraftwagen abtransportiert wird. In Australien haben die Bewohner schon heute die Wahl zwischen Wurmkiste und Müllabtransport.

Danke für das Gespräch.

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Über den Autor

Author profile picture Hildegard Suntinger ist Schriftstellerin. Sie lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt über alle Aspekte der Modeproduktion. Sie interessiert sich für neue Trends in Design, Technologie und Wirtschaft. Sie ist besonders gespannt auf interdisziplinäre Tendenzen zu entdecken und Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen zu verwischen. Das Schlüsselelement ist die Technologie, die alle Lebens- und Arbeitsbereiche verändert.