Der weltweit größte Start-up-Campus befindet sich in einem ehemaligen Bahnhof im Herzen von Paris. Mit tausend angehenden Unternehmern auf 34.000 Quadratmetern Nutzfläche setzt sich Frankreich als eines der innovativsten Länder der Welt durch. Ein prestigeträchtiges Projekt, bei dem sich alles um Unternehmertum dreht. IO spricht mit der Unternehmerin Yama aus den Niederlanden ein.

Das erste, was einem beim Betreten der ‚Share Zone‘ an der Station F auffällt, ist die gigantische Play Doh-Skulptur von Jeff Koons. Koons brauchte zwanzig Jahre, bis er diesen Haufen bunter Tonklumpen zu einer Ikone der zeitgenössischen bildenden Kunst perfektioniert hatte. Start-ups unter dem ehemaligen Bahnsteigdach können von einem solchen langfristigen Unterfangen nur träumen.

Fighters Program

Wie Yama Saraj aus Eindhoven, der mit 33 Jahren behauptet, ein Veteran zu sein, wenn es um Start-ups geht. Letztes Jahr tauschte er die niederländische Stadt des Lichts gegen eine französische Stadt, um seine Bewegungs- und Coaching-App „Sensai“ auf dem Campus auf die nächste Ebene zu bringen. Mit einem Stipendium des Fighters Program, das sich an Unternehmer mit einem „unterprivilegierten Hintergrund“ richtet, hat er ein Jahr Zeit, das zu schaffen.

Yama kam im Alter von elf Jahren als Flüchtling aus Afghanistan in die Niederlande. Ein Besuch in seinem vom Krieg gebeutelten Land im Jahr 2011 hat dem ehemaligen Betriebswirt die Augen geöffnet. „Ich möchte die Technologie in meine Heimat bringen. Nennt es sozialen Aktivismus, aber IT gibt mir die Mittel, etwas zu tun.“ Geplant ist, die App schließlich in Afghanistan zu starten und so etwas für Menschen mit PTBS tun zu können. Aber zuerst muss Geld für die weitere Entwicklung gesammelt werden. Und das ist in Paris möglich.

Station F bietet zwei verschiedene Möglichkeiten für Start-ups an. Das Gründerprogramm konzentriert sich auf die Gründung von Start-ups „mit großen Ambitionen“. „In der 310 Meter langen Betonbahnhofhalle – gleich lang wie der Eiffelturm hoch – kann man für 195 Euro pro Monat einen Arbeitsplatz zu mieten. Zu diesem Preis bekommt man rund um die Uhr Zugang zu einem wunderschönen Gebäude mit Lounge-Sofas und Billardtischen in jeder Ecke, Konferenzräumen, einer Kreativzone, einem Indoor-Sportplatz und einem industriell anmutenden italienischen Restaurant mit persischen Teppichen. Im Wesentlichen geht es jedoch darum, dass man von echten Unternehmern und nicht von Professoren lernt“, sagt Yama.

Yama Saraj mit Partnern aus seinem Start-up, Jan de Bruijn (28) und Philippe Gnansounou (21)

Killer-Unternehmer

Um einen effizienten Wissensaustausch zu gewährleisten, werden Start-ups in „Gilden“ unterteilt, eine soziale Struktur, die auf der Perspektive der Gaming-Industrie basiert, die Zusammenarbeit belohnt. „Eine Gilde besteht aus durchschnittlich zehn Start-ups mit unterschiedlichem Hintergrund. Daraus ergeben sich interessante Wechselwirkungen z.B. zwischen Essen, Mode, Blockchain, E-Commerce und Cybersicherheit“, erklärt Yama.

Zusammen mit dreizehn anderen nimmt er am Fighters-Programm teil, das genau das gleiche bietet wie das Founders-Programm, für das er aber nicht bezahlen muss. „Im Mittelpunkt stehen ‚Killer-Unternehmer‘, die keine Chancengleichheit hatten, wie Einwanderer oder Flüchtlinge. Der Gründer von Station F ist der französische Milliardär Xavier Niel, der selbst aus schlechten Verhältnissen kommt“, sagt Yama. „Ich bin auch ein Street Fighter. Diese Mentalität kann nützlich sein, denn als Unternehmer muss man viele Hürden überwinden.“

Seiner Meinung nach ist das die Art von Denkweise, die im „Dorf“ Eindhoven schwer zu finden ist. „Wenn du Ambitionen hast, wirst du gefragt: ‚Was ist los mit dir?‘ Sie sehen hauptsächlich das, was bereits vorhanden ist, nicht das, was man erschaffen kann. Etablierte Unternehmen wie ASML und Philips stehen buchstäblich nur im Weg. Das Ökosystem ist um all diese wichtigen Akteure herum aufgebaut. Manchmal scheint es, als ob nichts anderes außerhalb dieser Unternehmen existiert. In Paris sehe ich, dass die Welt viel größer ist als das.“

„Dass sich Station F mit Partnern wie Google, Amazon und Facebook auch hohe Ziele setzt, war bereits bei der Eröffnung des Komplexes durch Präsident Emmanuel Macron vor zwei Jahren klar. Die Programme richten sich explizit an Jungunternehmer aus aller Welt, die Arbeitssprache ist Englisch und selbst die französische Bürokratie wird umgangen, um das Leben der Start-ups zu erleichtern. Ein Hauch von Lebensfreude ist natürlich unerlässlich. Die Meisten beginnen hier zwischen 10 und 11 Uhr mit der Arbeit, und zwischen all der Arbeit gibt es viel Chillen und gutes Essen“, lacht Yama.

Kein Flüchtling mehr

Mit seinem E-Scooter pendelt er täglich zwischen Campus und Flatmates, einer 10 Minuten entfernten Wohnanlage, die Teil der Station F ist. Für 400 Euro pro Monat mietet er dort ein Zimmer, ein Schnäppchen in Paris. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt sich Yama nicht mehr wie ein Flüchtling, sondern wie ein Expat oder ein Wissensarbeiter. „Hier in Frankreich bin ich ein typischer Holländer. Ich bin direkt, pünktlich und manchmal sogar etwas unhöflich. Zu Hause bin ich nicht so. Weil alle immer fragen, woher ich eigentlich komme.“