Immer mehr E-Bike-Fahrer sind im Straßenbild der Städte zu sehen. Bisher war es unumgänglich, das alte Fahrrad gegen ein elektrobetriebenes Rad einzutauschen. Doch seit Pendix, ein Start-up aus Zwickau, einen nachrüstbaren Elektromotor für Fahrräder entwickelt hat, ist das nicht mehr nötig. Der geliebte Drahtesel lässt sich einfach umbauen. Christian Hennig, technischer Geschäftsführer bei Pendix, erzählt warum das Unternehmen zuerst einen völlig anderen Weg eingeschlagen hat und warum es im E-Bike-Markt gelandet ist.

Warum haben Sie Pendix gegründet?

Wir sind fünf Gründer und haben uns während unserer Studienzeit in Zwickau kennengelernt. In dieser Zeit beschäftigten wir uns vor allem mit Antrieben für Elektroautos und nahmen am Formula-Student-Konstruktionswettbewerb teil. Wir entschieden wir uns, gemeinsam etwas Eigenes in Zwickau auf die Beine stellen zu wollen und fingen in Form einer Hochschulausgründung an, als Entwicklungsdienstleister im Bereich der Elektromobilität innovative Antriebe und Steuerungselektroniken dafür zu entwickeln und herzustellen.

Wie sind Sie dann zu E-Bikes gekommen?

Das war ganz einfach. Wir bekamen eine Anfrage aus der Fahrradindustrie. Als wir uns näher mit dem Markt beschäftigten, haben wir festgestellt, dass dieses Segment für uns ein gutes Betätigungsfeld ist. Während der Automobilbereich seit vielen Jahren einen hohen Professionalisierungsgrad aufweist, können wir uns mit der steigenden Professionalisierung im Fahrradmarkt sehr gut mitentwickeln. Wir merkten schnell, dass wir unsere Erfahrungen in den Zweiradmarkt einbringen können.

Feuerwehr-e-bike

E-Bikes für die Feuerwehr? Mit dem nachrüstbaren Antrieb ist das kein Problem – und es bleibt sogar Platz für den Feuerwehrschlauch. ©Pendix

War das keine große Umstellung?

Schon, denn zunächst entwickelten wir einen Fahrradantrieb mit einem Getriebe am Elektromotor für Lastenräder. Allerdings kam das Projekt kundenseitig zum Erliegen. Für uns entstand daraus die Idee, einen Antrieb für Fahrräder zu entwickeln, der nachrüstbar ist. Das ist jetzt etwa sechs Jahre her.

Wie haben Sie sich in dieser Zeit finanziert?

Als wir noch in der Hochschule waren, über einen Gründerstipendium. Danach finanzierten wir uns über Dienstleistungen und haben schließlich 2013 die Pendix GmbH gegründet. Kurz danach machten wir uns auf Investorensuche und sind auch fündig geworden. Etwa knapp zwei Jahre hat es gedauert, bis wir unseren Fahrradantrieb serienreif bekommen haben. Auf der Eurobike in Friedrichshafen, einer der größten Fahrradmessen überhaupt, haben wir schließlich unseren Antrieb vorgestellt.

Motor für e-Bike von Pendix

Deutlich zu sehen – die Spulen im Antrieb ©Pendix

Wie funktioniert der Antrieb und wie lässt er sich einbauen?

Uns war bei der Entwicklung wichtig, den Antrieb so einfach wie möglich zu gestalten. Sowohl vom Einbau als auch von der späteren Anwendung her. Jedes Fahrrad, das umgerüstet werden soll, braucht deswegen nur ein Hauptkriterium zu erfüllen. Es muss mit einem BSA-Tretlager ausgestattet sein. Das ist bei etwa 85 bis 90 Prozent aller Fahrräder der Fall. Wichtig ist auch, dass der Akku in den Rahmen passt und der Motor linksseitig angebaut werden kann. Von der Nutzung selbst ist es denkbar einfach – man setzt den Akku ein, schaltet ihn an und schon kann man losfahren. Die beim Pedalieren eingebrachte Kraft des Fahrers wird im Tretlager gemessen und durch die Motorsteuerung erfasst, wodurch der Motor weiß, wieviel Kraft er dazu geben soll.

Wie gehe ich nun vor, wenn ich mein Fahrrad umrüsten will?

Inzwischen haben wir in Deutschland ein Netz aus über 800 Fachhändlern aufgebaut. Zudem werden wir hier auch von einem Großhändler vertreten, der unsere Lösung vertreibt.  Neben unserem Händlernetz, wo man die Antriebe kaufen kann, betreiben wir seit diesem Jahr einen eigenen Online Shop. Dort kann ich auswählen, ob ich es zum Einbau zum nächsten Händler in meiner Nähe oder zum Selbsteinbau direkt zu mir schicken lasse. Es müssen das Tretlager getauscht, Akku, Motor und Drehzahlsensor integriert werden. Selbstverständlich aber sollte das Fahrrad vor dem Umbau geprüft werden, ob es ausreichend technisch sicher und straßenverkehrstauglich ist.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie bei der Gründung von Pendix zu kämpfen?

Ein Gründerstipendium zu bekommen, war schon ein großes Hindernis. Zwei Mal mussten wir unser Konzept nachbessern, bis es geklappt hat. Gründer in Deutschland sind sehr mit formellen Sachen beschäftigt. Da muss man sich schon durchbeißen. Wenn man eine gute Idee hat, von der man überzeugt ist, sollte man sich hier nicht zu schnell abschrecken lassen, sondern dafür kämpfen.

Antrieb und Flaschenakku von Pendix

Mehr braucht es für die Umrüstung des Lieblingsfahrrads nicht – Antrieb und Akkuflasche ©Pendix

Gab es einen Moment, in dem Sie gerne aufgegeben hätten?

Grundsätzlich war Aufgeben nie eine Option, aber ja, natürlich gibt es auch Momente in denen man zweifelt. Denn auch in einem Start-up ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Wir hatten unsere Auseinandersetzungen. Oft ist es so, dass man als nächstes Ziel den großen Meilenstein vor Augen hat. Das kann dazu führen, dass man vor einem Riesenberg Arbeit steht und einem der Überblick verloren geht. Hier hilft es oft, sich kleinere Teilziele zu setzen und Stück für Stück diese zu erreichen bis man dann den großen Berg endgültig erklommen hat. Eine besonders harte Phase war, den Prototyp zur Serienreife zu bringen. Es ist eine große Herausforderung und Leistung, es zu schaffen, dass jedes Produkt gleich vom Band läuft. Dies haben wir rückblickend betrachtet, trotz der großen Herausforderung, sehr gut gemeistert.

Was bedeutet es, ein Unternehmen zu führen?

In die Unternehmensentwicklung muss man ein Stück weit hineinwachsen. Inzwischen sind wir 40 Mitarbeiter. Was früher auf Zuruf funktionierte, das läuft heute anders. Ab einem gewissen Punkt werden die Abläufe unübersichtlich und ineffizient. Dann müssen die Bereiche aufgeteilt und regelmäßig Meetings abgehalten werden. Sie müssen aktiv an den Prozessen arbeiten und trotzdem auch kurzfristig dynamische Anpassungen vornehmen können. Ein junges Unternehmen ist sehr schnelllebig, da kann sich aufgrund neuer Erkenntnisse auch eine früher entschiedene Ausrichtung wieder ändern, worauf man dann schnell reagieren muss.

Was war bisher Ihr größter Erfolg mit Pendix?

Ein großer Meilenstein war ganz klar der Marktstart. Meistens ist man ja mit seinem eigenen Produkt nicht zu 100 Prozent zufrieden und würde am liebsten ewig daran weiterarbeiten. Entwickler wollen eben manchmal die goldene Türklinke erfinden. Es nützt aber das beste Produkt nichts, wenn es nicht auf den Markt gebracht wird.

Akkuflasche

Gut versteckt – der Akku sieht aus wie eine Trinkflasche ©Pendix

Wie haben Sie Ihr Produkt auf den Markt gebracht?

Wir haben viel Marketing betrieben, das ging von Messeauftritten, über Online-Vermarktung bis hin zu Anzeigen in Fachmagazinen und vieles mehr. Um möglichst schnell und effizient in den Markt zu kommen, haben wir dafür eine Marketing-Agentur als Dienstleister eingesetzt, zugleich aber auch das Sales-Team aufgebaut. Der Außendienst akquirierte sukzessive Fachhändler, als auch Kunden in anderen Kanälen wie Fahrradhersteller oder auch Flottenbetreiber. Nach anfänglichen Aktivitäten in der Endkundenvermarktung ohne direkten Abverkauf fokussierten wir uns zunächst auf das Händlermarketing, um über diesen Kanal die Antriebe in den Markt zu bringen. So haben wir relativ schnell gelernt, die Händler entsprechend mit POS-Material und anderen Mitteln zu unterstützen. Zudem gibt es auch ein lukratives Bonusprogramm für Händler.

Wie geht es nun weiter?

Wir arbeiten gerade an verschiedenen Produktupdates, welche zur Vorstellung auf der diesjährigen Eurobike geplant sind, sowie an der Erweiterung unserer Pendix.bike Pro App. Seit dem vergangenen Jahr ist sie für Android und Apple verfügbar. Zudem sind wir gerade dabei, das Potential des australischen Marktes für eine mögliche Expansion zu untersuchen. In Europa vertreiben wir den E-Antrieb bereits in zehn Ländern.

 

 

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