WIEN, 19, November 2018 – Sophie Skach experimentiert mit elektronischen Textilien. Sie versucht herauszufinden, was über Kleidung gewonnene Daten über menschliches Sozialverhalten aussagen – und wie dieses Wissen sinnvoll eingesetzt werden kann. Die Österreicherin ist seit 2015 PhD-Studentin in der neugeschaffenen interdisziplinären Forschungsgruppe Cognitive Science und Performative Wearables an der Queen Mary University of London. Sie ist die Textilexpertin im Team. Ihre Kollegen sind Kognitionswissenschafter, Psychologen und Musiktechnologen.

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Bisher wurden Körperdaten mit Gadgets wie Armbändern und Ketten gemessen. Textilien sind unkomplizierter – und Teil der menschlichen Umgebung – zu finden in Teppichen, Möbeln, Kleidung, … Elektronische Textilien als Schnittstelle zwischen der analogen und digitalen Welt einzusetzen, ist also naheliegend, erklärt Skach.

Analyse menschlicher Körpersprache und Gestik

In den Kognitionswissenschaften sind Textilien ein neues Medium und sollen ein neues Forschungsfeld eröffnen. Dabei geht es um soziale Aspekte, die sich in menschlicher Körpersprache und Gestik offenbaren. Herkömmliche Messtechniken zur Sammlung von Bewegungsdaten sind Kameras oder das Motion Capture System. Mit der Integration von Sensoren in Textilien wird die Datensammlung vereinfacht. Neu in Skachs Arbeit ist die Information über soziale Interaktion.

Die Analyse menschlicher Körpersprache und Gestik soll Möglichkeiten zur positiven Beeinflussung sozialer Interaktion eröffnen. Skach: „Technologie kann zwischenmenschliche Kontakte bereichern. Kleidung, die weiß ob jemand viel oder wenig spricht, ob jemand nervös oder ängstlich ist, kann dem Gesprächspartner Hinweise geben, auf die dieser reagieren kann.“

Einen systematischen Zugang zu Stricksensoren finden

Skach will im Labor einen systematischen Zugang zu Stricksensoren entwickeln und herausfinden, welche Sensoren für welche Materialien geeignet sind. Sie arbeitet mit leitenden Materialien und experimentiert mit metallhaltigen Fasern, wie etwa einem Garn mit 20% Stahlanteil und einem Garn, das mit einem Silberfilm aufbereitet ist. Das Material schließt sie an einen Mikrochip an und testet verschiedene Dinge, die sie in der Programmierung festlegt, wie z.B. elektrischen Widerstand.

Die Sensoren reagieren auf Körper- und Umgebungsimpulse, indem sie diese dokumentieren. Bei Hosen könnte dies zum Beispiel das Verhalten von Stretch bei Abbiegen des Knies sein.

Zusammenarbeit mit Konversationsanalytikern

In einem ersten Projekt webte sie Drucksensoren in den Stoffbezug von Sesseln ein. Ziel war es, die darauf ausgeführten Bewegungen zu messen und auf die sozialen Rollen und die Machtverteilung der Gesprächspartner zu schließen. In den Aufzeichnungen aus den Drucksensoren lässt sich zwischen Sprechen, Lachen und Hörersignalen unterscheiden. Als Hörersignal gilt zum Beispiel Nicken. Jede Handlung ist mit einer bestimmten Druckmusterverteilung auf der Sesseloberfläche verbunden.

In der Deutung von Körpersprache und Gestik arbeitet Skach mit Konversationsanalytikern. Der Inhalt des Gesprächs und die Identität der Personen gehen nicht in die Analyse ein. Dadurch bleibt die Privatsphäre gewahrt.

In einem zweiten Projekt entwickelte sie Hosen mit integrierten Drucksensoren, die auf Berührung und Selbstberührung programmiert sind. Die Datensammlung soll zeigen, ob Handlungen wie Beine überkreuzen oder Hand auf das Knie legen, eine Aussage über das Sozialverhalten hat.

Die fühlende Hose

Die Hose ist als leitfähige Stricktextilie zu verstehen, die als Drucksensor fungiert. In einem Drei-Lagen-System ergibt sich ein zehn-mal-zehn Raster. Eine Lage bilden die horizontal angeordneten Sensoren, eine Lage die vertikal angeordneten. Dazwischen liegt eine ebenfalls leitfähige, karbonbeschichtete Lage.

Die Messung des elektrischen Widerstands setzt dann ein, wenn durch eine Körperbewegung Druck auf das Material ausgeübt, oder eine Verformung des Materials bewirkt wird. Je stärker der Druck oder die Verformung, desto geringer der Widerstand.

Mikrochip und Batterie werden an der Fessel des Trägers befestigt. Jeder Sensor bzw. jeder Streifen des Rasters ist mit dem Chip verbunden. Dieser misst den elektrischen Widerstand der Drucksensoren und speichert diese Daten.

Über Sophie Skach:

Skach (29) eignete sich ihre Mode-, Textil- und Strickexpertise an der Modeschule der Stadt Wien im Schloss Hetzendorf an. Nach drei Semestern im Studienfach Technische Mathematik an der Technischen Universität Wien, wechselte sie an die Kunstuniversität Linz und absolvierte den Bachelor in Modedesign. 2012 führte sie ihre Modeausbildung am London College of Fashion im Studiengang Fashion Design Technology Menswear fort. Seit 2015 ist sie PhD-Studentin an der Queen Mary University of London in der Forschungsgruppe Cognitive Science und Performative Wearables.