Jede Woche schauen wir uns mit dem Spezialisten für Elektromobilität und Innovation-Origins-Kolumnisten Auke Hoekstra an, was ihm an aktuellen Entwicklungen aufgefallen ist, bei denen es darum geht, unsere Welt nachhaltiger zu gestalten. Diese Woche: Ist Streaming schlecht für die Umwelt?

Manchmal erhält man Pressemitteilungen, von denen man nicht genau weiß, was man damit machen soll. Letzte Woche kam diese Mail in Großbuchstaben:

Netflix &…COVID-19: Die Auswirkungen Ihrer Lieblingsshows auf die Umwelt.

Die Nachricht kommt von einer Agentur irgendwo in Großbritannien und es geht um eine ‘Studie’ von safeenergy.com. Das ist eine Vergleichsseite für Gas und Elektrizität in den Vereinigten Staaten und England. Diese Website stellt die CO2-Emissionen der beliebten Netflix-Shows im Streaming-Verfahren den Emissionen beim Fahren und Fliegen gegenüber. Wenn man sich die Zahlen ansieht, sieht es im ersten Moment so aus, dass ob das Streaming viel mehr emittiert als das Fahren.

Der Vergleich zeigt auf, dass Birdbox (zwischen Oktober 2018 und September 2019 die beliebteste Netflix-Show in den USA) in den Vereinigten Staaten 80 Millionen Mal gesehen wurde. Das entspricht mehr als 146 Millionen Meilen (oder 234 Millionen Kilometer) mit dem Auto und einem Gesamtausstoß von mehr als 66 Millionen Kilogramm CO2. Um diese Zahl in den ‘Kontext’ zu stellen: Das entspricht laut Website fast 40 Tausend Mal der Hin- und Rückreise von London nach Istanbul.

Scham-Ecke

Also müssen wir uns jetzt, zusätzlich zum Fahren und Fliegen, auch noch fürs Streaming in die Scham-Ecke stellen. Aber wie kommt diese Website an die Zahlen? Sie entnehmen die CO2-Emissionen des Streaming aus einer Studie aus dem Jahr 2014. Sie besagt, dass man beim Streaming eines 30-minütigen Videos etwa 200 Gramm CO2 freisetzt. Und was die CO2-Emissionen beim Fahren betrifft, so basiert die Website auf einer Aussage von Inês Azevedo, Universitätsdozentin an der Stanford University: Eine halbe Stunde Fahrt entspricht etwa 1,8 kg CO2.

Mal sehen, was Debunker Auke davon hält: “Wenn man diese Zahlen so sieht, kann man denken: ‘Oh nein, Netflixen ist schlecht. Das dürfen wir nicht mehr tun’. Aber was hier gemacht wird, gibt nicht viel her. All diese 80 Millionen Zuschauer entsprechen einer Person, die so viel fährt. Man erweckt einen falschen Eindruck. Es sieht so aus, als ob jemand, der eine Sendung auf Netflix sieht, wirklich so viele Kilometer verfährt. Als ob das Streaming eine so große Auswirkung hätte. Wenn man es dagegen pro Person berechnet, ist es nicht so gravierend”.

Seiner Meinung nach vergleicht diese Website nicht Äpfel mit Äpfeln: “Wenn man die Quelle der Recherche nimmt, sieht man das bereits. Einfach ausgedrückt: Beim Streaming werden 400 Gramm CO2 pro Stunde freigesetzt. Beim Autofahren etwa 2,5 kg CO2 pro Stunde, beim Fliegen sechzig Mal mehr als bei einer Stunde Netflixing. Man kann auch sagen, dass man statt einer Stunde Netflixing eine Minute lang fliegen kann. Das ergibt sofort ein völlig anderes Bild”.

Energieverbrauch der Geräte mal Energiemix

Dass sich die Zeiten schnell ändern können, zeigt auch die Studie, die als Quelle herangezogen wurde. Hier werden die CO2-Emissionen aus dem Streaming dem Lebenszyklus von DVDs gegenübergestellt (2012 betrug der Anteil der ausgeliehenen DVDs noch 42% des Marktes, verglichen mit 25% Netflix) “Die Studie sagt, dass Netflixen weniger Energie und Rohstoffe benötigt als die Produktion und der Vertrieb von DVDs. Auch der Energieverbrauch der Rechenzentren ist vernachlässigbar gering. Es geht vor allem darum, auf welchen Geräte die Menschen die Sendungen sehen. Wie hoch ist ihr Energieverbrauch? Und was ist mit dem Strommix?”

Die Umstellung auf Streaming ist, so Auke, entgegen diesen Zahlen, eine Erfolgsgeschichte. “Zuerst hatten wir Kinos. Man muss diese großen Gebäude heizen, und es gibt spezielle Geräte, die viel Energie verbrauchen. Außerdem – und das ist die umweltschädlichste Sache – müssen die Menschen auch dorthin fahren. Dann sind wir auf DVDs umgestiegen, für die man wieder Rohstoffe benötigt und diese Discs müssen geliefert werden. Man kann also auch sagen, dass es umweltschädlich ist. Aber mit Streaming sendet man nur viele Daten über viele Kabel. Dieser Schritt führt letztlich zur Reduzierung des Ausstoßes von Kohlendioxid”.

Um zu veranschaulichen, wie sehr sich Reisen auf die CO2-Emission auswirkt, spricht Auke über Berechnungen, die er für De Kuip und die Johan Cruijff Arena angestellt hat. “Ich habe dann berechnet, was genau ein solches Stadion verbraucht. Da sieht man, dass ein großer Teil der Kosten der Arena auf den Rasen zurückzuführen sind. Aufgrund des Dachs erhält der Rasen nicht genügend Sonnenlicht und muss künstlich beleuchtet werden. Aber auch Heizungspumpen, die eigentlich ständig eingeschaltet sind, verbrauchen viel. Außerdem kommt ein großer Teil des Publikums mit dem Auto. All diese Berechnungen zeigen, dass 10 bis 20 Prozent der Besucher allein für die gesamten Emissionen eines solchen Stadions zahlen”.

CO2-Emissionen könnten bis zu 10 Mal niedriger sein

Und Reduzierung der CO2-Emission beim Streaming, wie wäre es damit? “Wenn wir in Zukunft mehr und mehr Wind- und Sonnenenergie nutzen, werden die CO2-Emissionen beim Streaming abnehmen. In Europa ist die Kohlendioxidbelastung des Strommixes in den letzten Jahren um etwa 9 Gramm pro Jahr gesunken. Stellen Sie sich vor, wenn Sie und all diese Medienkonzerne in den kommenden Jahren alle auf nachhaltige Energie umstellen, dann könnten die Emissionen um das Zehnfache niedriger sein. Das würde bedeuten, dass eine Stunde Netflixing nur 40 Gramm CO2 ausstößt. So viel wie 1 Minute fahren oder 5 Sekunden fliegen”.

Und wie sieht es mit der Kühlung von Rechenzentren aus? Wenn es am anderen Ende der Leitung ruhig ist, wird Auke gleich eine Studie herüberreichen. “Hier sieht man, dass trotz des zunehmenden Datenverkehrs die Effektivität von Rechenzentren offenbar so stark zunimmt, dass dies nicht zu einem großen zusätzlichen Energieverbrauch führt.”

“Vor allem sollten wir die Nutzung erneuerbarer Energien fördern. Aber lassen Sie uns bitte – besonders in dieser Zeit – nicht plötzlich so tun, als ob virtuelle oder digitale Aktivitäten so schlecht für die Umwelt wären”.