Foto: Prolira

Das Utrechter Start-up Prolira hat eine Methode namens DeltaScan entwickelt. Mit ihr lassen sich laut Angabe des Unternehmens mit einer 90prozentiger Wahrscheinlichkeit, Delir erkennen. Somit kann festgestellt werden, ob sich ein Patient im Delirium befindet. Der Vorgang dauert nicht länger als eineinhalb Minuten. Unter Delirium, oft auch als Delir bezeichnet, verstehen Mediziner einen Zustand geistiger Verwirrung. Dabei kommt es zu Störungen des Bewusstseins und des Denkvermögens. Betroffene Patienten schwitzen zudem stark oder haben Fieber. In der Regel ist ein Delir nur vorübergehend. Dennoch ist es wichtig Delir schnell zu erkennen und zu behandeln. Bleibt es unbehandelt, kann es sogar tödlich verlaufen.

Prolira weiß um die Bedeutung der neuen Methode. „Ein enormer Sprung nach vorn für das Gesundheitswesen”, sagt Mitbegründerin und Industriedesignerin Annemarie Willems von Prolira.

Warum haben Sie dieses Start-up gegründet?

Mein Mitbegründer Rutger van Merkerk und ich haben uns immer dafür eingesetzt, medizinische Innovationen auf den Markt zu bringen. Damit sie nicht nur in dem jeweiligen Krankenhaus, in dem sie erfunden wurden, eingesetzt werden können. Rutger arbeitete viele Jahre lang in einer Abteilung des Universitätsklinikums Utrecht – Pontes Medical. Zusammen entwickeln Ärzte und Forscher Innovationen für medizintechnische Produkte im Krankenhaus, um die Versorgung zu verbessern.

Eine Studie einer der Ärzte, Professor Arjen Slooter, Neurologe am University Medical Center Utrecht (UMC Utrecht), machte deutlich, dass ein Delir durch ein EEG mit nur drei Elektroden am Kopf erkannt werden konnte. Das bedeute, dass die Daten in nur eineinhalb Minuten gesammelt werden könnten. (Bisher waren für ein EEG in der Regel 20 Elektroden am Kopf nötig und die Untersuchung dauert ein bis zwei Stunden, d.Red.)

Aber dann gab es kein Messgerät dafür. Obwohl es bereits ein Patent gab. Wir dachten, wir könnten ein Produkt entwickeln, das diese Daten nutzt. Auch eine Krankenschwester sollte damit die Messungen durchführen können. Wir fingen dann an, daran zu arbeiten. Der betreffende Arzt wollte sich nicht in die damit verbundenen geschäftlichen Dinge einmischen. Er wollte seine wissenschaftliche Unabhängigkeit als Forscher bewahren. Deshalb haben wir die Firma gegründet. Als wir so weit waren, bekamen wir von ihm einen Kuchen, ha, ha. Er war froh, dass seine Forschungsergebnisse in so guten Händen waren.

Die beiden Gründer von Prolira haben eine Methode entwickelt, um Delir zu erkennen
Rutger van Merkerk und Annemarie Willems Foto: Prolira

Was war das größte Hindernis, das Sie zu überwinden hatten?

Es gab eine Reihe von Hindernissen. Gerade in der Startphase bei der Entwicklung eines komplexen Medizinproduktes . Zum Beispiel mussten das DeltaScan Patch und der DeltaScan Monitor verschiedene Zertifizierungsschritte durchlaufen. Dafür benötigten wir Patientendaten, für die wir Genehmigungen einholen mussten. Die Budgets sind nicht unbegrenzt. Trotzdem wollten wir die besten Leute für die Entwicklung von Algorithmen und Software einstellen, um das bestmögliche Produkt zu schaffen. Aber am Ende hat es auch geklappt.

Was war Ihr bisher größter Durchbruch?

Dass wir 2018 die CE-Zertifizierung erhalten haben, die es Ärzten erlaubt, den DeltaScan in allen Krankenhäusern innerhalb der Europäischen Union einzusetzen. Das hat die Diagnose von Patienten, die an einem Delirium leiden, erheblich verbessert. Bisher mussten die Krankenschwestern den Patienten eine Liste von Fragen stellen. Auch wenn sie sich oft schon auf der Intensivstation waren. Trotz des Fragebogens zeigten die Untersuchungen, dass Delir in der Hälfte bis drei Viertel der Fälle nicht oder erst sehr spät erkannt wurde. Das führte zu ernsthaften Gesundheitsschäden bei den Patienten. Während 90 Prozent der Messungen mit Hilfe des DeltaScan korrekt waren.

Was können wir im kommenden Jahr von Prolira erwarten?

Wir beantragen in diesem Jahr die amerikanische Zertifizierung. Dazu waren einige zusätzliche Patientendaten erforderlich. Nun sind die Berichte dafür fast vollständig. Sobald sie fertig sind, werden wir sie bei der FDA einreichen (Food and Drug Administration, Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, Anmerk. d. Red.). Und die FDA wird möglicherweise zusätzliche Fragen stellen, bevor sie ihre Genehmigung erteilt. Erst nach der FDA-Zulassung dürfen wir in den Markt für US-Krankenhäuser einsteigen.

Wo wollen Sie in fünf Jahren sein?

Bis dahin soll der DeltaScan in allen Krankenhäusern der Welt verfügbar sein. So dass eine Frühdiagnose von Delir bei allen Patienten, die daran leiden, gestellt werden kann. Das ist wichtig für betroffene Patienten. Allein in den Niederlanden gibt es mehr als 100.000 pro Jahr. Aber auch für Gesundheitsdienstleister ist das Gerät wichtig. Sie können dann angemessene Hilfe leisten. Außerdem lassen sich damit auch die Kosten im Gesundheitswesen unter Kontrolle halten. Je länger ein Delirium dauert, desto größer ist das Risiko dauerhafter Folgeschäden wie Demenz. Je früher ein Delirium diagnostiziert wird, desto eher kann man eingreifen. Die Chance auf Heilung ist dann größer. Das spart auch  Kosten für medizinische Behandlungen.

Skizze einer Delir Messung
Bild: Prolira

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