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„Sie verstehen nichts“, sagte der Schuldirektor. „Dies ist nicht die Zeit für Experimente. Wir müssen mit der gegebenen Situation umgehen.“

In den letzten Wochen ist das traditionelle Bildungssystem knarrend und quietschend zum  Stillstand gekommen. Und der Professor war begeistert. „Die Bildung ist tot, es lebe die Bildung!“, hatte er gerufen.

Der Professor und der Direktor kannten sich schon lange. Normalerweise konnten sie gut miteinander reden, und so manches Mal trafen sie sich einfach um „ihren Verstand zu schärfen“. Nun saßen sie auf einer Bank am Waldrand, anderthalb Meter voneinander entfernt. Sie waren beide in Gedanken versunken, weil ihre Diskussion etwas aus dem Ruder gelaufen war.

Es begann, als der Professor sagte, dass das gegenwärtige Bildungssystem vor allem darin erfolgreich sei, die Vorstellungskraft zu zerstören. Da hatte er natürlich einiges übersprungen. Mehr noch, es war eher eine Schlussfolgerung als eine Eröffnung. Etwa so, als würde man einen Witz erzählen und mit der Pointe beginnen. Die Diskussion war beendet, bevor sie beginnen konnte.

Der Professor hatte lange und intensiv über neue Formen der Bildung nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass die traditionelle Bildung auf Reproduktion beruht. Auf der Wiedergabe von Wissen. Und warum? Weil es früher einmal notwendig war. Jeder, der viel über ein bestimmtes Thema wusste, konnte Lehrer an einer Schule oder Professor an einer Universität werden. Und von dieser Position aus wurde das Wissen an Schüler und Studenten weitergegeben, die stillsitzen und das Wissen aufnehmen sollten. Der Lehrer prüfte dann, welcher Schüler das Wissen in Form eines Tests am besten reproduzieren konnte. Diejenigen, die es gut wiedergeben konnten, erhielten eine gute Note.

Da die Reproduktion leicht gemessen werden kann, wurde ein auf Einheitlichkeit basierender Standard geschaffen. Schüler, die gut wiedergeben können, werden zur Hochschulbildung zugelassen. Diejenigen, die dazu nicht in der Lage sind, erhalten das Etikett „schwacher Schüler“ und werden in die Berufsausbildung verbannt oder gleich areiten geschickt. Dies ist ein Kardinalfehler in der Bildung.

„Man geht davon aus, dass Intelligenz auf Wissen basiert“, sagte der Professor, „aber damit wird die Bedeutung der Vorstellungskraft unterschätzt. Wissen führt nicht zum Fortschritt … und Reproduktion führt nicht zu Kunst, Architektur, Medizin oder Wissenschaft“.
„Neulich sagten Sie, dass ‚künstliche Intelligenz‘ ein verwirrender Begriff sei, weil er wenig mit Intelligenz, sondern hauptsächlich mit Reproduktion zu tun hat“, sagte der Schuldirektor.
„Und genau deshalb sollte sich die moderne Bildung auf Eigenschaften wie Vorstellungskraft, Neugierde und Staunen konzentrieren“, antwortete der Professor, „denn das ist es, was die menschliche Intelligenz von der künstlichen Intelligenz unterscheidet“.

Einen Moment lang war es ruhig, und dann sagte der Schuldirektor: „Ich habe gestern mit Eltern gesprochen, die sagten, dass ihr Sohn die Mathematik versteht, weil er denselben Mathe-Film fünf Mal gesehen hat.“ Er klang enttäuscht, als der das sagte. „Sie fragte mich, warum der Lehrer es nicht so gut erklären konnte wie das Video.“ Der Direktor kicherte, aber es klang eher wie ein Schluchzen.
„Junge Menschen sind nicht mehr von einem Lehrer abhängig, um sich Wissen anzueignen“, antwortete der Professor. Am renommierten MIT können sie Sprachen über eine App, Mathematik über Videos und Datenwissenschaften über MOOCs lernen. Sie können sogar Schauspielunterricht bei Helen Mirren und Tennisunterricht bei Serena Williams nehmen. Die besten Lehrer der Welt sind für sie da.

„Aber das bereitet sie nicht auf die Berufspraxis vor“, sagte der Direktor. „Überhaupt nicht!“, jubelte der Professor. „Und genau hier muss die Revolution im Bildungswesen ansetzen: Schüler lernen zu Hause und machen ihre Hausaufgaben in der Schule.“ Er argumentierte, dass Bildungseinrichtungen als Studios, als Werkstätten, als Laboratorien und Proberäume eingerichtet werden sollten. Als Orte, an denen Schüler experimentieren und voneinander lernen können. Sie sollten Orte sein, an denen es knarrt, quietscht, funkt und vor allem auch etwas schief gehen kann. „Sehr, sehr schief gehen kann“. fügte er hinzu.

„Aber es gibt auch so etwas wie eine obligatorische Anzahl von Unterrichtsstunden“, sagte der Direktor. „Über Bord damit!“, rief der Professor. Die Schüler müssen die Verantwortung für ihre eigene Entwicklung zurückgewinnen, und der Lehrer lehrt sie, dass Entwicklung mit Zweifeln, Unsicherheit und Rückschlägen einhergeht. Er gibt ihnen Selbstvertrauen“.

Und das war der Moment gewesen, in dem er – ein wenig zu schrill vielleicht – ausgerufen hatte: „Die Bildung ist tot, es lebe die Bildung!“
Der Schuldirektor hatte ihn verärgert angesehen und ihm geantwortet, dass er nichts verstehe und dass dies nicht die Zeit für Experimente sei. Es war nicht das erste Mal, dass dem Professor gesagt wurde, er habe nichts verstanden.

Es war vor langer Zeit: Der Lehrer ging durch das Klassenzimmer, um die Ergebnisse eines Tests zu verteilen. „Sie verstehen das nicht!“, hatte er gesagt. Oben auf dem Test stand in roten Buchstaben „Experimentieren Sie nicht, halten Sie sich an das, was Sie im Unterricht lernen“ und daneben die Note 2,8. Man nannte ihn einen schwachen Schüler. Man nannte ihn einen schwachen Studenten. Dem Professor wurde wieder einmal klar, dass er wirklich nichts verstanden hatte.

Über diese Rubrik:

In einer wöchentlichen Kolumne, die abwechselnd von Bert Overlack, Mary Fiers, Peter de Kock, Eveline van Zeeland, Hans Helsloot, Buster Franken, Tessie Hartjes, Jan Wouters, Katleen Gabriels und Auke Hoekstra geschrieben wird, versucht Innovation Origins herauszufinden, wie die Zukunft aussehen wird. Diese Kolumnisten, manchmal ergänzt durch Gast-Blogger, arbeiten alle auf ihre Weise an Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Damit es morgen besser wird. Hier können Sie alle bisherigen Episoden lesen.

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