Das Thema „Fehlerkultur“ oder „fehlerzulassende Kultur“ ist in Mode und wird neuerdings in vielen Unternehmen und Tagungen diskutiert. Dies Diskussion reicht von der Begeisterung und dem Wunsch nach einer möglichst schnellen Einführung sogenannter FuckUp Events in Unternehmen bis hin zur kompletten Ablehnung gegenüber einer Fehlertoleranz. Die Befürworter wollen Fehler als Lernmöglichkeit feiern während die Kritiker Fehler als Kostenfaktor bezeichnen, der die Gewinne sinken lässt, und damit per se schlecht sein müssen. Beides greift zu kurz.

Ich habe in vorangehenden Beiträgen schon geschrieben, warum ich FuckUp Nights liebe. Weil sie uns Lernerfahrungen ermöglichen: für die Betroffenen, in dem sie über eine solche Erfahrung berichten und sie damit reflektiert haben müssen, und für die Zuhörer, weil sie durch Beobachtung und die Erfahrungen anderer lernen können. Über Fehler, Irrtümer oder gescheiterte Projekte zu reden ist ein wichtiger Bestandteil einer Lernkultur. Müssen diese wirklich gefeiert werden, wie Kritiker gerne einwenden? Nein müssen sie nicht. Es geht überhaupt nicht um das Zelebrieren von Fehlern, wie dies teilweise im Silicon Valley gemacht wird. Worin soll der Nutzen sein, das Scheitern zu feiern und groß herauszustellen, wie pompös gescheitert wurde. Das würde bedeuten, dass wir gerne scheitern und Fehler machen. Ich glaube, dass niemand gerne und freiwillig scheitert. Und schon gar nicht gesund, glücklich, kompetent oder erfolgreich, wie dies gerne von manchen Autoren zum Ausdruck gebracht wird.

Es tut einfach weh

Wenn Scheitern das entgültige Nicht-Mehr-Erreichen-Können persönlicher wichtiger Ziele ist, dann tut es einfach nur weh, weil es auch um Identität und Misserfolg geht. Egal ob es sich um ein Projekt, ein nicht erreichtes wichtiges Ziel, das Ende einer Beziehung oder eine Insolvenz handelt. Manche gehen soweit, dass sie die Erfahrung des Scheiterns an identitätsstiftende Motive und Ziele binden. Und dann ist Scheitern einfach nur schmerzhaft. Wenn wir über eine wirkliche Fehler- oder Lernkultur sprechen, dann hat dies überhaupt nichts mit Feiern von Fehler und sogen zu tun, sondern viel mehr mit der Verarbeitung eines seelisch – emotionalen Schmerzes auf der persönlichen Ebene. Diese negativen Emotionen können die Bindung eines Mitarbeiters / einer Mitarbeiterin an ihr Unternehmen negativ beeinflussen.

Für Unternehmen stellt sich die Frage, wie sie aus den Kosten eines Fehlers oder Scheiterns dennoch einen Nutzen ziehen können. Der Nutzen von Fehlern und Scheitern liegt im Lernen. Fehlerkultur und Lernkultur bedingen sich sozusagen gegenseitig. Ohne Fehler kein Lernen und kein Lernen ohne Fehlerbereitschaft. Lernen ist aber auch eine Investition in die Zukunft, in der der gleiche Fehler hoffentlich nicht noch einmal gemacht wird. Und dann bekommt ein offener Umgang mit Fehler und Scheitern plötzlich einen ganz anderen Sinn – nämlich die Investition in Erfahrung und Kompetenz von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Ungewünschte Ergebnisse sind vollkommen normal

Natürlich ist nicht jeder Fehler oder jedes Scheitern gleich. Wenn ein Fehler vorhersehbar und vermeidbar ist, dann gibt es außer Fahrlässigkeit oder Dummheit keinen Grund, dass er doch passiert. Man hätte es ja wissen müssen und damit ihn auch vermeiden können. Anders sieht es aus, wenn ein Fehler weder vorhersehbar noch vermeidbar ist. Das ist z.B. in komplexen und unsicheren Situationen der Fall. Oder wenn es sich, wie z.B. bei Innovationen, um neue Prozesse und Produkte handelt. Diese müssen erst getestet und geprüft werden, um die tatsächlichen Eigenschaften und Ergebnisse herauszufinden. Unerwartete und ungewünschte Ergebnisse sind hier vollkommen normal und können nicht vermieden werden. Und dennoch sind sie wertvoll – in der Erkenntnis, wie es nicht funktioniert und neuen Ideen, wie es dennoch funktionieren könnte.

Wenn ich von einer Fehler- oder besser Lernkultur spreche, dann rede ich von einer Kultur, in der genau diese unvorhersehbaren und unvermeidbare Fehler passieren dürfen, um aus ihnen Lernen zu können. Wir haben grundsätzlich zwei Lernstrategien zur Verfügung: Imitation oder Exploration. Andere zu imitieren hilft uns von ihren Erfahrungen und Kompetenzen lernen zu können. Dies bedeutet aber auch, dass wir nichts Neues ausprobieren. Dann sind die Ergebnisse vorhersehbar und vermeidbar. Geht es darum neue Wege zu gehen, Neues zu erforschen und zu entdecken – Exploration – dann müssen wir bereit sein, uns auf etwas Unvorhersehbares und Unvermeidbares einzulassen.
Wenn dieses Unvorhersehbare und Unvermeidbare dann noch persönlich wichtig und identitätsstiftend ist, dann kann Scheitern noch so normal, natürlich und gewünscht sein – es wird schmerzhaft sein.

Bewältigung des Scheiterns

Studien zeigen, dass negative Gefühle im Zusammenhang mit gescheiterten Projekten das Risiko einer sinkenden Bindung und die Loyalität von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu dem Unternehmen erhöhen. Die Verarbeitung negativer Emotionen und die Bewältigung des Scheiterns wird nach diesen Studien auch durch die wahrgenommene Kultur im Umgang mit Scheitern in Unternehmen und der Zeit, die Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen für die Verarbeitung gegeben wird, beeinflusst.

Eine glaubwürdige Fehler- bzw. Lernkultur ist für alle Unternehmen zwingend, die in einem Umfeld aktiv sind, in dem Fehler nicht vermieden noch vorhergesehen werden können. Das dürfte auf alle Unternehmen zutreffen, die sich in einem sogenannten VUCA-Umfeld bewegen – also fast alle.

Über diese Kolumne:

In einer wöchentlichen Kolumne, die abwechselnd von Bert Overlack, Mary Fiers, Peter de Kock, Eveline van Zeeland, Lucien Engelen, Tessie Hartjes, Jan Wouters, Katleen Gabriels, Floris Beemster und Auke Hoekstra geschrieben wird, versucht Innovation Origins herauszufinden, wie die Zukunft aussehen wird. Diese Kolumnisten, gelegentlich ergänzt durch Gast-Blogger, arbeiten alle auf ihre Weise an Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Damit es morgen besser wird. Hier sind alle vorherigen Episoden.

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Über den Autor

Author profile picture Über 20 Jahre habe ich mein eigenes Unternehmen geführt, mit mehr als 270 Mitarbeitern an 5 Standorten in Europa Kunden in 43 Ländern beliefert, Unternehmensnachfolge, Internationalisierung und Expansion erlebt – aber auch Marktzusammenbruch, Insolvenz und Neuaufbau gemeistert. Als Unternehmer kenne ich Spitzenzeiten wie auch Existenzängste. Heute berate und begleite ich zum einen Unternehmer, die momentan ähnliches erleben wie ich damals. Aber ebenso bin ich ebenbürtiger Ansprechpartner für Unternehmer, die schon erfolgreich sind und strategisch noch weiter an ihrem Erfolg und dem ihres Unternehmens feilen möchten. Familiengeführte Unternehmen und ihre Führungskräfte sind meine Welt. Für diese bin ich Sparringspartner in allen Belangen ihrer Unternehmerrolle. Als Scout richte ich den Fokus auf das, was im Markt passiert, was ich dort sehe und wahrnehme und für meine Kunden interessant sein könnte. Und all das immer mit praxisrelevanten, wissenschaftlichen Erkenntnissen gefüttert, die ich mit meiner Erfahrung und meinem Know-how reflektiere.