Ford Capri SUV
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Neulich verfolgte ich mit wachsendem Interesse eine anderthalbstündige Unterhaltung zwischen dem Youtuber und Musikproduzenten Rick Beato und dem Autor, Historiker und Zukunftsforscher Ted Gioia. Das äußerst unterhaltsame Gespräch drehte sich um das Thema, ob AI eine Gefahr für die Musik darstelle.

Gioia ist ein Multitalent. Seine Bildung, seine Erfahrung und seine umfassenden Interessen machen das Zuhören zu einem echten Genuss, denn Gioia zeigt beim Thema eine Tiefe, die weit über Musik hinausgeht und die derzeitige Kultur im speziellen beleuchtet.

Coolness

Das größte Manko, das er in der derzeitigen Kultur sieht, ist das Verschwinden der „Coolness“. Und das erklärt er so: Seit Disney Marvel übernommen habe, „haue das Unternehmen ständig neue Filme und Serien raus“ – allein: das Interesse des Publikums nehme stetig ab. Das Spektakel nehme zwar zu, aber die Langweile breite sich darüber aus. Marvel, so sein Urteil, sei einfach nicht mehr cool. Das gelte übrigens auch für Star Wars.

Was das mit Autos zu tun hat?

Eine ganze Menge. Das SUV ist inzwischen das Maß aller Dinge in der Autoindustrie. Wer keines im Programm hat, der hat schon verloren. Unglücklicherweise sehen die fahrenden Schrankwände selten „cool“ aus. Sie sind aerodynamische Katastrophen, klobig, für die City völlig ungeeignet und im Lichte der Klimarettung kontraproduktiv. Aber sie waren lange Zeit „cool“ wie ein iPhone oder eine teure Handtasche. 

Das scheint sich zu ändern. Mit jedem neuen Modell, mit jeder neuen Iteration eines SUVs, CUVs oder Crossovers, sinkt die kreative Variabilität dramatisch. Im Gegensatz zur Musik sind die Formenmöglichkeiten endlich. Deshalb schauen mittlerweile fast alle SUVs gleich aus. 

Elektro-SUVs

Für die Elektromobilität waren und sind die SUVs ein Segen. Denn Ingenieure können die relativ hoch bauenden Batterien im Boden verbauen, ohne dass das auf Kosten der Kopffreiheit geht. Letztlich aber hat das die Ingenieure faul gemacht. 

Zudem hauen die Designer und Marketing-Abteilungen in dieselbe Kerbe. Sie erzählen was von einer Aerodynamik, die faktisch nicht vorhanden ist, denn der cW ist das eine, die Stirnfläche jedoch weit prägender.

Die Rückkehr der „Ikonen“

So hat in letzter Zeit der Coolness-Faktor abgenommen. Für echte Kreativität ist nur noch wenig Platz in und um ein SUV. Die Formensprache ist ausgereizt, und die meisten der Schrankwände sehen fürchterlich unelegant aus.

Das Marketing solls richten

In letzter Zeit geht man dazu über, Ikonen der Vergangenheit zu „reaktivieren“. Man nennt die SUVs nach erfolgreichen Vorbildern. Ford ist hier Avantgarde: als man das erste Elektro-SUV nach dem erfolgreichen Pony-Car des Hauses benannte, ging ein Raunen durch die Autofans: Wie kann man nur. 

Immerhin war der Mustang MACH-E ein durchaus schnittiges SUV geworden. Von einem  Sportwagen wie dem Original-Mustang ist der Stromer aber meilenweit entfernt – trotz vieler hundert PS.

Ford „Capri“ Elektro

Das dürfte dann auch die Überlegung bei der Vorstellung des neuen Ford Capri Elektro gewesen sein. Erinnern wir uns: der Capri war in den 70er und 80er Jahren der Sportwagen für die Allgemeinheit gewesen. Günstig und mit gefälligem Design war der Zweitürer sogar Star in TV-Serien. In der britischen Agentenserie „The Professionals“ (deutsch: Die Profis), war das schnittige Sportcoupé der Dienstwagen der CI5-Agenten Bodie und Doyle gewesen.

Ford, dass muss man wissen, hat eine Kooperation mit VW. Man nutzt in Europa für zukünftige Fahrzeuge die elektrische MEB-Architektur der Wolfsburger.  Die kommt in den meisten ID-Fahrzeugen wie dem ID.3, 4 usw. zum Einsatz. Auf dieser Basis sind nur Crossover und SUVs auf dem Markt.

Ein CUV (Crossover Utility Vehicle) als Nachfolger eines Sportcoupés?

Das dürfte der Grund gewesen sein, dass das Ford-Marketing auf die glorreiche Idee kam, den neuesten MEB-Abkömmling als elektrischen Wiedergänger des Capri zu positionieren.

Was beim Mustang noch halbwegs klappte, ging beim „Capri“ gehörig in die Hosen. Tatsächlich reagierten die Blogosphäre und sozialen Medien fast mit einer Art Shitstorm. Man kaufte Ford die Werbeaussage schlicht nicht ab.

Auch die Designer haben versagt

Wer den „Capri“ von der Seite betrachtet, sieht im „SUV-Coupé“ zudem viel Parallelen zum Polestar 2. Einem Elektroauto des Wettbewerbs. Nur dass der Polestar 2 weit gelungenere Proportionen aufweist.

Uncool

Tatsächlich hat sich Ford mit der Marketing-Strategie und dem Abnicken eines grenzwertigen Designs in eine uncoole Situation manövriert. Man hat, so gewinnt man den Eindruck, versucht, die Quadratur des Kreises als gelöst zu präsentieren. Das ging gehörig schief.

Ein viertüriges SUV ist nun mal kein zweitüriges Sport-Coupé. 

Dass Coolness auch in der Elektromobilität möglich ist, hat nicht zuletzt Tesla bewiesen. Dass es zudem möglich ist, wieder ultracoole Coupés zu präsentieren, hat gerade das chinesische Unternehmen MG mit dem Cyber GTS bewiesen.

Zum 100jährigen Jubiläum präsentierte man eine Sportwagen-Studie, die die Tradition des ursprünglich britischen Herstellers hochhält und ultracool gelungen ist. Das Marketing wird dabei völlig unerheblich – der Habenwollen-Faktor spricht für sich selbst. Und Bodie und Doyle würden vermutlich heute MG fahren…