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Hochgeschwindigkeitszüge gelten als das nachhaltigste und effizienteste Verkehrsmittel für Strecken zwischen 300 und 750 Kilometern. Auf dem Papier scheint Europa mit seinen vielen Kontinentalverbindungen und großen Städten in mittlerer Entfernung voneinander ideal für ein ausgedehntes Hochgeschwindigkeitsnetz. Die Praxis erweist sich jedoch als schwierig.

„Normale Zugverbindungen“, die im vorigen Teil dieser Serie ausführlich besprochen wurden, gibt es in fast allen Ländern ausreichend. Bei den Hochgeschwindigkeitsverbindungen sieht das anders aus. Doch wurde in den letzten zehn Jahren mit Hilfe von Geldern aus Brüssel eine Menge erreicht.

Werden Schnellzüge den Flugverkehr überflüssig machen? Im Jahr 2022 sind wir noch lange nicht soweit. Diese Karte zeigt den Stand der Dinge bei der HSL. Mit dem interaktiven Tool unter dem Bild kann man die Ansicht vergrößern.

Internationale Hürden

Wie sieht diese grenzüberschreitenden Zusammenarbeit aus, die ein großes europäisches Zugnetz möglich machen soll? Die „ehrgeizigen“ Pläne für eine schnellere Intercity-Verbindung von Amsterdam nach Berlin kommen gerade erst in Gang. Die NS und die Deutsche Bahn planen eine engere Zusammenarbeit. Dadurch wird sich die Reisezeit zwischen den beiden Hauptstädten bis 2030 um fast eine Stunde verkürzen: von 6 Stunden und 22 Minuten auf „nur“ 5 Stunden und 27 Minuten.

Um diese Zeitersparnis zu ermöglichen, werden Zwischenhalte gestrichen, und außerdem müssen bis 2024 neue Fahrzeuge eingesetzt werden, die sowohl für deutsche als auch für niederländische Oberleitungen geeignet sind. Das bedeutet, dass ein Lokwechsel an der Grenze nicht mehr notwendig ist. Eine Alternative zum Fliegen? Schwierig. Mit dem Flugzeug dauert die Reise nur eine Stunde und 11 Minuten, wobei die Zeit für das Einchecken und die Fahrt ins Stadtzentrum nicht eingerechnet ist. Dennoch wird dies nicht ohne weiteres vier Stunden oder mehr dauern. Vorausgesetzt natürlich, es gibt keine Personalstreiks an den Flughäfen.

China versus Europa

Wie ist es anderswo? China zum Beispiel ist der absolute Hochgeschwindigkeitsweltmeister im Schienenverkehr. Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch in Teilen Europas etwas passiert. Zur Jahrhundertwende bestand das gesamte Netz auf diesem Kontinent aus knapp 3.000 Kilometern Hochgeschwindigkeitsstrecke. Zwanzig Jahre später sind es bereits mehr als 11.000 Kilometer, wie im UIC-Hochgeschwindigkeitsatlas 2021 nachzulesen ist.

Mit Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien, dem Vereinigten Königreich, Finnland und Schweden sind die europäischen Länder auch in der Rangliste der Länder mit den meisten Kilometern in Betrieb befindlicher Leitungen recht gut vertreten. In den Vereinigten Staaten beispielsweise, die flächenmäßig in etwa mit der Europäischen Union vergleichbar sind, ist die Situation wesentlich weniger dynamisch. Die vollständige Liste der Top 25 sieht wie folgt aus.

Spanische Ambitionen

Hochgeschwindigkeitszüge in Europa werden in der Regel mit dem Thalys in Frankreich oder den ICEs in Deutschland in Verbindung gebracht. Dabei ist Spanien derzeit das Land mit dem größten Netz auf dem Kontinent. Die größten Städte des Landes - Barcelona und Madrid - liegen 623 Kilometer voneinander entfernt. Mit den hochmodernen Zügen beträgt die Fahrzeit etwa 2,5 Stunden. Dies ist ein beträchtlicher Zeitgewinn im Vergleich zur Strecke Amsterdam-Berlin, die etwa 655 Kilometer lang ist.

Ist Spanien ein gutes Beispiel für Erfolg? Das muss die Zukunft noch zeigen. Dieses Megaprojekt steht derzeit stark in der Kritik. So sind die Fahrgastzahlen nach wie vor enttäuschend, die Fahrkarten sind teuer, und es hat bereits viele Milliarden an Steuergeldern gekostet, von denen ein erheblicher Teil aus europäischen Fördermitteln stammt. In den ersten drei Jahrzehnten hat das AVE-Netz mehr als 60 Milliarden Euro gekostet.

Ob dieses grüne Vorzeigeprojekt der spanischen Regierung jemals rentabel ist, das wird sich noch erweisen müssen. Dennoch ist das Vertrauen in das Projekt nach wie vor groß. In den kommenden Jahren müssen Tausende von zusätzlichen Kilometern an AVE-Strecken gebaut werden. Auch dreißig Jahre nach seiner Gründung ist dieses ehrgeizige Projekt in erster Linie eine nationale Angelegenheit. Eine Verbindung zwischen Lissabon und Madrid wurde aufgeschoben und die Strecke nach Frankreich endet etwa 25 Kilometer hinter der Grenze bei Perpignan. Es wird voraussichtlich mindestens bis 2040 dauern, bis eine komplette Zugfahrt von Barcelona nach Lyon mit mindestens 270 km/h möglich ist.

Ein Paket von Privatisierungsmaßnahmen dürfte die Dienste in naher Zukunft effizienter und kostengünstiger machen. Etwas, das in Italien schon seit zehn Jahren bestens funktioniert.

Der Zerstörer von Alitalia

In den Benelux-Ländern werden HSL-Züge und Italien hauptsächlich mit dem Fyra-Debakel in Verbindung gebracht. Doch dies ist alles andere als ein vollständiges Bild. In vielen Ländern sind solche futuristischen Fahrzeuge italienischer Herkunft zur allgemeinen Zufriedenheit im Einsatz. Und auch in den Niederlanden wurde ein Hochgeschwindigkeitsnetz aufgebaut, an das praktisch alle größeren Städte angeschlossen sind. Die Zahl der Fahrgäste stieg im Laufe der Zeit von 6,5 Millionen im Jahr 2008 auf 40 Millionen zehn Jahre später, während sich die Zahl der Linien verdoppelte. Die Reaktionen sind im Allgemeinen positiv. Die Züge fahren pünktlich und die Fahrkarten sind relativ günstig, was zum Teil auf Subventionen zurückzuführen ist.

Obwohl die Bahn noch immer keine vollwertige Alternative zum internationalen Flugverkehr ist, nutzen die Italiener dieses Netz inzwischen viel stärker für den Inlandsverkehr. In dem Bericht über den Konkurs der ehemaligen nationalen Fluggesellschaft Alitalia heißt es, dass der Zusammenbruch zum Teil durch den Wettbewerb auf der Schiene verursacht wurde, der die Reisenden von den Inlandsflügen fernhielt. Die Italiener planen, ihr Netz in den nächsten zehn Jahren auf die Schweiz, Österreich und Frankreich auszuweiten, so dass auch Direktverbindungen mit London, Amsterdam und Berlin in Aussicht stehen.

Und die alten Fyras? Sie wurden renoviert und verkehren nun zufriedenstellend als regelmäßige Intercity-Züge von Mailand nach Bologna und Ancona. Bei einer Geschwindigkeit von 250 km pro Stunde vibrieren sie möglicherweise noch immer zu stark.

https://youtu.be/0dID5VceD2I

Renaissance auf Schienen

Werden nach den großen Ländern auch die anderen Mitgliedstaaten in großem Umfang Schnellzüge einsetzen? Das ist unterschiedlich. Dennoch hat die Europäische Kommission volles Vertrauen in das Projekt. Ein kontinentales Hochgeschwindigkeitsnetz gilt als eine der absoluten Top-Prioritäten für eine klimaneutrale Zukunft. Es wird jedoch noch etwa zwanzig Jahre dauern, bis diese nachhaltigen Bestrebungen Wirklichkeit werden.

In den kommenden Jahren werden auch andere europäische Megaprojekte fertiggestellt werden. So soll der 66 Kilometer lange Brenner Basistunnel durch Österreich die Strecke Berlin-Palermo im Jahr 2025 ermöglichen. Die baltischen Staaten planen, die Strecke Polen-Finnland auf der Schiene zu realisieren, während es in Skandinavien konkrete Pläne für eine schnelle Bahnverbindung mit Deutschland gibt.

Bislang gibt es in den Niederlanden keine konkreten Pläne für neue superschnelle internationale Zugverbindungen. Wenn die Lely-Linie grünes Licht erhält, sollte es theoretisch möglich sein, mit 200 Stundenkilometern von Groningen nach Lelystad zu fahren. Der Vergleich mit Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland ist jedoch nicht ganz fair, da diese Länder viel dünner besiedelt sind und die Entfernungen zwischen den großen Städten viel größer sind. Dadurch wird die höhere Geschwindigkeit viel optimaler genutzt.

Ob dieses Netz in zehn Jahren voll funktionsfähig sein wird, wie es im Green Deal in Brüssel vorgesehen ist? Die Zeit wird es zeigen.

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